Lernmethoden

„Weg vom Eingefahrenen und Herkömmlichen“

Tausende lassen sich von ihm in sozialen Medien wie Instagram für Mathematik begeistern. Wie ihm das gelingt und wie er seine Lehramtsstudierenden dazu motiviert, Neues auszuprobieren, erläutert Christian Spannagel im Interview mit mobile.schule. Von Roman Eisner

13.09.2024 Bundesweit Artikel mobile.schule Magazin
  • Eine Gruppe Dozierender und Studierender in einer Bibliothek. © www.pexels.com

mobile.schule: Sie haben bereits zwei Preise für den Einsatz digitaler Werkzeuge in der Lehre gewonnen. Welches Tool ist momentan Ihr Favorit?

Christian Spannagel: Discord, das ist eine Chatplattform, die in der Gaming-Szene verbreitet ist. Während die Zuschauer einen Stream verfolgen, also eine Video-Live-Übertragung, können sie sich dort in Foren austauschen oder Video- und Sprachkonferenzen abhalten. Auch zwischen zwei Streams können sie chatten. Wir haben dort ein Plugin eingerichtet, das es ermöglicht, mathematische Formeln zu schreiben.

Inwiefern ist Discord auch für Schulen geeignet?

Spannagel: Ich setze die Plattform nur im Bereich der informellen Wissenschaftskommunikation ein. Das Problem ist der Datenschutz. Ich würde mir eine schulische Plattform wünschen, die unbedenklich für den Unterrichtseinsatz ist, damit sich Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte zwischen den Unterrichtsstunden, bei den Hausaufgaben und der Heimarbeit austauschen können. Das tun sie ansonsten auf Whatsapp, Snapchat und anderen Kanälen.

An der Hochschule bilden Sie angehende Lehrkräfte aus. Welchen Herausforderungen begegnen Sie dort?

Spannagel: Fehlender Motivation. Ich halte aktuell zum Beispiel eine Mathe-Vorlesung mit Grundschullehramtstudierenden, die Mathe nicht als vertieftes Fach gewählt haben, aber trotzdem eine Lehrveranstaltung dazu belegen müssen. Ich soll ihnen die Grundlagen beibringen, die sie für ihren Matheunterricht brauchen. Ich muss manche Studierende aber erst einmal für Mathematik begeistern. Sie haben als Schüler oft schlechte Erfahrungen gemacht in Mathematik, hatten vielleicht einen schlechten Lehrer. Meine Vorlesung ist die einzige Chance, diesen angehenden Lehrkräften Spaß an Mathe zu vermitteln – damit sie ihre negativen Erfahrungen nicht in ihren eigenen Unterricht weitertragen.

Christian Spannagel

ist Professor für Mathematik und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Er leitet die Abteilung Informatik und ist im Vorstand des Heidelberger Zentrums für Digitale Transformation in der Bildung. Spannagel forscht zum Einsatz digitaler Werkzeuge zum Lernen und Lehren in Schule und Hochschule.

Und wie schaffen Sie es, die Begeisterung zu wecken?

Spannagel: Ich greife bewusst ihre schlechten Erfahrungen auf. Und dann versuche ich mit ihnen, den gedanklichen Turnaround zu schaffen. Ich sage ihnen: „Ihr habt schlechte Erfahrungen gemacht, das liegt aber nicht an Mathematik. Und ihr wollt sicher nicht, dass später eure Schüler/-innen sagen, sie hatten schlechten Mathe-Unterricht“. Die Studierenden müssen sich bewusst dafür entscheiden, einen anderen Unterricht zu machen als den, den sie erlebt haben. Und ich muss als gutes Beispiel vorangehen.

Wie gelingt Ihnen das?

Spannagel: Ich arbeite anschaulich und konkret, unterstütze beim Lösen der Aufgaben. Ich arbeite mit der Methode Inverted Classroom, nutze also die Präsenzveranstaltung, um die Studierenden in ihrem individuellen Lernprozess zu begleiten. Dafür arbeiten sich die Studierenden zu Hause in neue Themen ein.

Was sind die Vorteile von Inverted Classroom?

Spannagel: Man nutzt die Präsenzlehre für das, wofür Präsenz gut ist, nämlich für den Austausch und die Interaktion. Im Inverted Classroom bereiten die Lernenden zu Hause neue Inhalte vor und nutzen die Präsenzveranstaltung, um sich gegenseitig zu helfen und gemeinsam an Aufgaben zu arbeiten. In der Gruppe kommt man schneller zu Erfolgserlebnissen, das erzeugt wiederum ein positives Bild des Faches.

Sollen Ihre Studierenden die Methode mit an ihre Schulen nehmen?

Spannagel: Natürlich lässt sich der Inverted Classroom in der Schule einsetzen. Ich schreibe den angehenden Lehrkräften aber natürlich keine Methode vor, sondern will ihnen vermitteln, dass sie ihr eigenes Handeln reflektieren und überlegen müssen, welches die besten Methoden sind, mit denen sie ihre Ziele im Unterricht erreichen können. Offen zu sein für neue, alternative Methoden ist wichtig, weg vom Eingefahrenen und Herkömmlichen. Inverted Classroom ist eine Methode, mit der man von lehrerzentriertem zu schülerzentriertem Unterricht kommen kann. Das geht aber auch mit anderen Methoden.

Inverted Classroom

  • erstmals 2007 von zwei Highschool-Lehrern in den USA eingesetzt
  • bedeutet „umgedrehter Unterricht“, Synonym: Flipped Classroom
  • Lernende erarbeiten Inhalte zu Hause, selbstständig sowie unter Zuhilfenahme digitaler Medien und Tools
  • im Präsenzunterricht vertiefen die Lernenden die erarbeiteten Inhalte gemeinsam in der Gruppe und mit der Lehrkraft
  • sorgt für mehr aktive Lernzeit, ermöglicht individuelles Lerntempo und interaktive Lehrmethoden
  • erfordert hohe Selbstdisziplin und gute technische Ausstattung

Ist der Inverted Classroom in allen Fächern und Jahrgangsstufen umsetzbar?

Spannagel: Ich kenne Lehrkräfte, die das schon in der dritten Klasse ausprobieren. Früher würde ich es nicht empfehlen. Ab der fünften Klasse ist es auf jeden Fall möglich. Für die Methode braucht es Selbstlernkompetenz, gleichzeitig ist das aber auch ein Lernziel. Man muss die Lernenden also dabei begleiten und ihnen Tipps an die Hand geben, wie sie erfolgreich lernen – ihnen beispielsweise zeigen, wie sie mit einem Erklärvideo zu Hause arbeiten können. Lehrkräfte und Schüler schauen sich das Video gemeinsam im Unterricht an und besprechen etwa, dass man das Video pausieren kann, um sich etwas aufzuschreiben.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz beim Inverted Classroom?

Spannagel: KI macht die klassische Hausaufgabe obsolet, weil Schülerinnen und Schüler KI die Aufgaben lösen lassen können. Inverted Classroom ist eine Möglichkeit, dieses Problem zu verhindern, nämlich indem die Schülerinnen und Schüler die Aufgaben, die sie normalerweise als Hausaufgaben machen, gemeinsam im Klassenzimmer erledigen – zusammen mit der Lehrkraft und ohne KI. Zu Hause für die Vorbereitung dürfen die Schüler KI verwenden. Dann kommen sie ins Klassenzimmer und arbeiten an ihren Kompetenzen.

Hilft die Methode, Schüler/-innen wieder leistungsstärker zu machen?

Spannagel: Ja, wenn man sie gut umsetzt. Aber sie ist keine Bedingung für gelungenen Unterricht. Die PISA-Ergebnisse sind ein Warnschuss. Sie zeigen, dass die Bildungspolitik Schulen reformieren muss. Die Lehrkräfte sind mit organisatorischem Kram belastet und können sich nicht auf das Unterrichten konzentrieren.

Open Day: Westermann Akademie und mobile.schule

Freitag, 20. September, 14.30 bis 17.15 Uhr: Bei dieser kostenfreien Online-Veranstaltung für Lehrkräfte teilen Expertinnen und Experten in Workshops und Vorträgen ihr Wissen, unter anderem zu den Themen Fake News und KI. Hier anmelden.

Was muss sich ändern?

Spannagel: Es braucht gute Konzepte, um Schule weiterzuentwickeln, und viel Geld. Falsch ist es, die Lehrkräfte zu kritisieren, dass sie ihren Job nicht richtig machen. Wenn ich zu Besuch an Schulen bin und in der Pause im Lehrerzimmer sitze, merke ich: Da macht keiner Pause. Sie organisieren und besprechen sich und dann klingelt es schon wieder zur nächsten Stunde. Lehrer brauchen Pausen, Freiräume für ihren Unterricht und für Weiterbildung. Wie sollen Lehrkräfte sich im Bereich Digitalisierung weiterbilden, wenn ihre Woche so vollgestopft ist?

Sie veröffentlichen Ihre Lehrveranstaltungen auf Youtube und Instagram. Was erwarten Sie sich davon?

Spannagel: Wir Wissenschaftler müssen unsere Verantwortung auch in die sozialen Medien hineintragen, dort sind viele wissenschaftsfeindliche Schwurbler unterwegs. Wir brauchen mehr Wissenschaft, auch mehr Mathematik, in den sozialen Medien. Viele Menschen sind interessiert an Mathematik, haben aber vielleicht schlechte Erfahrungen damit gemacht. Mein Ziel ist es nicht, ihnen etwas vorzurechnen, sondern mit den Leuten gemeinsam an Matheaufgaben zu knobeln. Diese Art der Wissenschaftskommunikation ist nicht unidirektional wie in Vorträgen, es geht mir um den Austausch und das Lernen voneinander.

Dieses Interview ist zuerst im mobile.schule Magazin Ausgabe 3/2024, S. 4-7, erschienen.



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Ein Kommentar vorhanden

  • 20.09.2024 12:39 Uhr
    Das ist ein interessantes Interview, dessen Aussagen ich nur zustimmen kann. Unser gesamtes Bildungssystem braucht einen grundlegenden Wechsel vom vorherrschenden Frontalunterricht zum Inverted Classroom. Der wird allerdings an den guten amerikanischen und kanadischen Universitäten lange vor 2007 praktiziert. Ich bin 1977/78 ein Jahr in Stanford gewesen (als eine Art PostDoc), dort hatte das Lehr-Lern-Modell des Inverted Classroom bereits eine lange Tradition! Und 1996 hatte ich das Vergnügen und die Ehre, als Gastprofessor an der UBC in Vancouver einen Kurs für Graduale Students (Master und PhD Studierende) zu geben, und zwar im Inverted Classroom Modus. M.E. ist es ein Trauerspiel, dass unsere Schulen und Hochschulen - von Einzelfällen abgesehen - immer noch im Frontalunterrichtsmodus verharren und dadurch viel Potenzial verschenken.
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