Wenn der Vergleich hinkt

(ht) Gern reiht man die Dinge auf nach Spitzenplätzen und „roten Laternen“. Diese Art Rankings greifen auch im Bildungswesen um sich. Umstritten bleibt, ob es den Schulen und Hochschulen wirklich hilft.

18.08.2006 Artikel

„Wo finde ich die beste Pizza in der Stadt?“ Für diese Frage reicht oftmals der Blick in Stadtmagazine oder Restaurantführer. Listen mit den Tops und Flops geben schnell Orientierung, wenngleich offen bleibt, ob sich das Gourmeterlebnis in der Tat einstellt. „Auf welche Schule schicke ich mein Kind?“ und „Welche Hochschule ist die beste für mich?“ würde man gerne ähnlich bequem beantwortet bekommen.

Darin liegt der Vorteil von Ranglisten. Rasch bieten sie Überblick, ordnen nach Können und stacheln zudem den Wettbewerb an. Auch die internationale Vergleichsstudie PISA operiert damit. Der bekannt mäßige Platz für Deutschland blieb nicht ohne Wirkung. Das Zauberwort heißt Outputkontrolle. Zentrale Vergleichsarbeiten sollen nun zeigen, wie effektiv die einzelnen Schulen arbeiten.

Vorreiter Hochschul-Ranking

Die Hochschulen unseres Landes sind längst daran gewöhnt, derart bewertet und „gerankt“ zu werden. Seit den 80er Jahren stellen sie sich den Urteilen von außen und lassen sich an den Zahlen etwa zu Lehrpersonal, Ausstattung, Abschlüssen und Forschungsgeldern messen. Ein immer umfassenderer Katalog zur Bewertung von Lehre und Forschung entstand. So leisten sich sogar die großen Wochenzeitschriften des Landes ein eigenes Ranking von Hochschulen.

Gerade die Publikationen der Presse hat Professor Stefan Hornbostel im Blick, wenn der Leiter des Bonner Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung warnt: „Rankings brauchen eine ganze Menge Hintergrundwissen, um die Ergebnisse richtig zu deuten.“

Etliche Kriterien besitzen für ihn nur begrenzte Aussagekraft: „Bei Urteilen von Personalchefs wissen wir, dass sie oft voreingenommen sind, da sie mit bestimmten Unis zusammenarbeiten. Und Professoren können sicher die fachliche Reputation ihrer Kollegen beurteilen, kaum aber deren Lehre“, so Hornbostel. Seine Liste kritischer Kennzahlen ist lang: „Statistische Analysen werden den lokalen Besonderheiten einer Universität oft nicht gerecht. Der bloße Blick auf die Zahl der Promotionen misst eher Masse statt Klasse.“

„Solche Kriterien setzen falsche Impulse. Sie führen eher zur Normierung der Erwartungen und Angebote“, befindet der Fachmann. Hornbostel erinnert an den ursprünglichen Sinn von Rankings: „Sie sollen den Studienanfängern und Studenten Orientierung bieten und den Hochschulen ermöglichen, ihr Angebot und ihre Leistungen transparent zu machen.“ Da der Wettbewerb um Studenten jedoch immer härter wird, sieht der Experte den eigentlichen Nutzen der Rankings überlagert vom Kampf der Unis um ihre finanziellen Mittelzuweisungen.

Das CHE-Ranking

Als wenig umstritten gilt das Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), das selbst die deutsche Hochschulrektorenkonferenz empfiehlt. Statt die Uni als Ganze zu ranken, arbeitet CHE die Daten zu mehr als 30 Studienfächern auf. Multidimensional ordnet es eine Fülle von Kriterien. Die erhobenen Daten stützen sich auf eine Vielzahl von Quellen: Studentenbefragung, Professorenurteile, Universitätsdaten, Publikationsnachweise, Prüfungsämter, ja, selbst die Zahl angemeldeter Patente wird eruiert. Per Internet kann so jeder User sein persönliches Ranking erzeugen. Statt Listenplätze werden die Ergebnisse nur in drei Ranggruppen eingeordnet. CHE orientiert sich damit an internationalen Standards, die weltweite Experten für Hochschulvergleiche unlängst erarbeitet haben (IREG).

Streitpunkt: Ranking von Schulen

Ein flexibles Modell, das als Vorbild dienen könnte für Rankings auch im Schulwesen. Doch dort herrscht Uneinigkeit. Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann, Mitglied des ersten PISA-Konsortiums in Deutschland, weist darauf hin, dass bei der nationalen PISA-Studie bewusst auf solche „School-Rankings“ verzichtet wurde. „Die Ergebnisse zeigen doch, dass die Leistungen von Schulen abhängig sind vom sozialen Kontext. In Hamburg waren die schwächsten Schüler in einer feinen Wohngegend genauso gut wie die besten in sozial schwachen Gebieten. Damit bekommen wir keine Aussage über die Qualität der Unterrichtsarbeit.“

Noch mehr weisen die Kritiker auf die negativen Folgen der Rankings hin. Tillmann ergänzt: „Bestimmte Eltern werden die schwachen Schulen meiden. Die Schulen werden sich bemühen, leistungsschwächere Schüler loszuwerden. Beides führt dazu, dass der Prozess der sozialen Segregation (Trennung, Auslese), der im deutschen Schulwesen eh schon sehr scharf ist, sich noch weiter zuspitzt.“ Mit einem Seitenhieb auf das amerikanische Schulsystem folgert er: „Die Unterschiede zwischen ‚weißen‘ und ‚schwarzen‘ Schulen würden noch größer.“

Verkehrter Wettbewerb

Bildungsökonom Manfred Weiß vom Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung (DIPF) verweist auf entsprechende Erfahrungen im Ausland: „Die Thatcher- Regierung hat diesen Wettbewerb durch Rankings forciert. Heute rudern sie dort zurück. Denn Studien zeigen: Die Restschulen nehmen zu, die subtile Auslese verschärft sich.“ Etwas hart im Ausdruck spricht er von einer „Wettbewerbskeule“ als Effekt: „Statt dass die Schulen in einen Wettbewerb treten, verlagert sich der Druck auf die Eltern und Schüler. Das Ergebnis in England sind Wartelisten für Schulen und Platzierungsagenturen.“

Notwendiger Blick von außen

Der Berliner Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth bleibt trotzdem ein Verfechter von Schul- Rankings: „Gerade PISA hat uns doch gezeigt, dass die bloße Binnenperspektive auf die Schule nicht reicht. Wichtig ist der distanzierte Blick von außen. Dazu gehört der Vergleich, wo eine Schule im Unterschied zu anderen steht.“ Allerdings betont er, dass fair gemessen werden müsse. Soziale Indikatoren und sonstiges Engagement sollten mit in das Ranking einfließen. Nach einer ersten Zeit der Beobachtung scheut Tenorth dann nicht vor drastischen Maßnahmen zurück: „Ohne Sanktionen wäre das Instrument der Leistungsvergleiche ein stumpfes Schwert. Irgendwann muss klar sein: Schlechte Leistungen werden nicht toleriert.“ Schließung von Schulen und Entlassungen sind denkbare Reaktionen für ihn.

Angemessene Rückmeldekultur

Doch bevor es dazu kommt, fordert er ein sorgsames Umgehen mit den Ergebnissen von Leistungsvergleichen. Veröffentlichungen auf Titelseiten der Zeitungen hält er für grundverkehrt. In diesem Punkt besteht seltene Einigkeit mit seinem Kontrahenten Tillmann. Beide fordern eine angemessene Rückmeldekultur an die einzelnen Schulen – ganz im Sinne von Bundeselternrat Wilfried Steinert: „Wir von der Elternschaft begrüßen keine öffentlichen Schul-Rankings. Das verhindert eher die Entwicklung der Schulen. Doch für die Schulen und deren Eltern ist es ganz wichtig zu erfahren, wie sie im Vergleich abgeschnitten haben, auch, wie unterschiedlich gut einzelne Klassen arbeiten. Nur so lassen sich die notwendigen Verbesserungen anstoßen.“

Erstveröffentlichung:

Klett-Themendienst


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