Gastkommentar

Der Weg der Wahrheitsfindung

Es ist falsch, Strukturen der Wissensgesellschaft an demokratischen Idealen messen zu wollen. Wissenschaft ist nicht auszurichten an Mehrheitsprinzipien und allgemeinverständlichen Diskursen mit dem Laien. Vielmehr ist dessen Vertrauen in das fachliche Urteil der Experten zu stärken, fordert duz-Gastkommentator Thomas Grundmann.

13.02.2018 Bundesweit Artikel Deutsche Universitätszeitung (duz)
  • © Joanna Malinowska / freestocks.org

Moderne Wissensgesellschaften leben von einer nahezu globalen Arbeitsteilung. Wer heute etwas weiß, der weiß es oft von oder durch Zusammenarbeit mit anderen. Laien können sich dabei auf das zuverlässigere Urteil von besser informierten und kompetenteren Experten verlassen. Sie vertrauen Experten nicht deshalb, weil sie deren Gründe plausibel finden. Denn oft übersteigen die komplexen Gründe hinter den Expertenurteilen ihr eigenes Verständnis bei Weitem. Laien vertrauen Experten, weil sie innerhalb des Expertensystems durch Ausbildung, Ämter oder Auszeichnungen anerkannt werden.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der aktuellen Ausgabe der Deutschen Universitätszeitung (duz).

Solange Expertensysteme wie etwa die Wissenschaften offen für Wettbewerb und Kritik sind und sich Experten durch prognostische Erfolge bewähren, sind Anerkennung und wissenschaftliche Reputation gute und für Laien leicht erkennbare Indikatoren für Glaubwürdigkeit. Natürlich sind Wissenschaftler weder unfehlbar noch unbestechlich und frei von Eigeninteressen. Dennoch ist das Vertrauen in die Experten der zuverlässigste Weg der Wahrheitsfindung. Das System selbst beinhaltet Korrekturmechanismen, durch die Fehler aufgedeckt werden. Der Laie sollte Expertenmeinungen sogar dann folgen, wenn sie ihm eher abwegig erscheinen. Das wirkt auf den ersten Blick seltsam, aber das fachliche Urteil des Experten ist aus Sicht des Laien zuverlässiger als sein eigenes. Deshalb wäre jede Abweichung aufgrund eigener Überlegung mit einem Glaubwürdigkeitsverlust erkauft. Das heißt nicht, dass Laien das kritische Denken aufgeben sollen. Sie können von Expertenmeinungen dann abrücken, wenn andere Experten widersprechen oder wenn es Indizien dafür gibt, dass der Experte interessengeleitet oder bestochen war. Laien sollten jedoch keine fachlichen Überlegungen gegen Experten anstrengen.

In der Wissenschaft gelten andere Spielregeln als in der Politik

Die moderne Wissensgesellschaft ist durch starke Asymmetrien der Glaubwürdigkeit gekennzeichnet. Nicht jede Meinung zählt gleich viel, und Laien sollten den Experten zumindest fachlich folgen. Die Spielregeln der Wissensgesellschaft unterscheiden sich damit radikal von den Spielregeln der modernen Demokratie, in der jede Stimme gleich viel zählt, Politik dem Wähler verständlich sein muss und allein die Mehrheit entscheidet. Das ist in der Demokratie richtig, weil politische Legitimität durch allgemeine und gleiche Akzeptanz und Partizipation hergestellt wird. Heute werden die Strukturen der Wissensgesellschaft gerne an demokratischen Idealen gemessen. Sie schneiden dabei eher schlecht ab. Experten wirken aufgrund ihrer breiten Anerkennung wie Eliten, die nur ihre Machtprivilegien sichern wollen. Wissenschaftler sehen sich der Forderung nach Allgemeinverständlichkeit ausgesetzt. Wissensdiskurse gelten als illegitim, sobald sie nicht mehr auf Augenhöhe stattfinden. Aber diese demokratische Kritik an den Asymmetrien der Wissensgesellschaft legt den falschen Maßstab zugrunde und untergräbt systematisch das Vertrauen in Experten und Wissensautoritäten.

Dr. Thomas Grundmann ist Professor für Philosophie an der Universität zu Köln.

Was sind die Folgen einer solchen Demokratisierung? Sie kann zum Beispiel zu Verschwörungstheorien führen, dass 9/11 ein von der CIA verantworteter Anschlag war. Denn wenn jeder Bürger nur das glaubt, was ihm selbst am Ende plausibel erscheint, dann können dabei solche Erklärungen herauskommen. Eine andere Konsequenz ist die Informationsüberflutung im Internet. Die demokratische Revolution des Netzes hat dazu geführt, dass jeder Aussagen und Kommentare online stellen kann, ohne seine Expertise zu belegen. Für Nutzer wird dadurch die Glaubwürdigkeit der Informanten unsichtbar. Qualitätskontrolle wird durch die schiere Dominanz der Mehrheit ersetzt.

Der Erfolg der modernen Wissensgesellschaft beruht essenziell auf Asymmetrien der Glaubwürdigkeit. Das Vertrauen in Experten und Autoritäten muss geschützt und gestärkt werden. Deshalb sollte die Öffentlichkeit aufgeklärt werden, dass sich die Spielregeln der Wissensgesellschaft und der Demokratie unterscheiden.

© duz.

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2 Kommentare

  • Stephan Schröder-Köhne 17.02.2018 11:39 Uhr
    Sehr geehrter Herr Prof. Grundmann,
    sind Sie einvestanden mit der Aussage, dass Vertrauen einer der wichtigsten, vielleicht die wichtigste Grundlage von Wissenschaft ist? Das beinhaltet Vertrauen der Wissenschaft Betreibenden untereinander und Vertrauen der Gesellschaft in erstere. Echtes Vertrauen ist aber kein Ergebnis einer einforderbaren Zuschreibung, und erzwungenes Vertrauen ist keines. So anstrengend das ist, die Wissenschaft muss sich Vertrauen verdienen und sofern sie es sich erworben hat durch permanente interne und öffentliche Kritik erhalten. Sie kann einen Vertrauensanspruch jedenfalls nicht aus dem Wissensvorsprung durch Expertentum ableiten. Dass ein Experte viel -endlich viel- mehr weiß als ein Laie gilt auch für meinen Heizungsmonteur, von dem ich trotzdem verlange, dass er mir erklärt, was eine Heizungskennlinie ist und wieso es so viel Geld kostet, die in den Griff zu bekommen.
    Die Pflicht zur Selbsterklärung der Wissenschaft folgt aber ohnehin bereits aus ihrer herausgehobenen Position gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Als einzige Gruppe lebt sie nicht nur vom Geld der Steuerzahler, sondern sie macht damit auch noch was sie will, was ihr sogar durch das Grundgesetzt zugebilligt wird - mehr Privileg geht kaum. Die minimale Bringschuld ist Kommunikation und Selbsterklärung, besser aus eigenem Antrieb, aber zumindest auf Verlangen. Bereits der Qualifikationsrahmen für deutsche Hochschulabschlüsse der KUK postuliert: „Promovierte […]diskutieren Erkenntnisse aus ihren Spezialgebieten […] und vermitteln sie Fachfremden“ und „[…]reflektieren kritisch berufliches Handeln in Bezug auf gesellschaftliche Erwartungen und Folgen“.
    Also: Nicht „demokratische Kritik an den Asymmetrien der Wissensgesellschaft“ „untergräbt […]das Vertrauen“, sondern andersherum, die mangelnde Fähigkeit oder Kraft der Wissenschaft, sich angemessen zu erklären, erzeugt ein Misstrauen, das zu Kritik führt. Aber es geht nicht nur um mangelhafte Kommunikation als Grund für Vertrauensschwund in der Öffentlichkeit. Es ist noch viel schlimmer: die Mehrzahl aller Publikationen in den Naturwissenschaften scheinen nicht nachvollziehbar zu sein, und es gibt dazu als Reaktion auch Stimmen, die Intersubjektivität als universelles Wissenschaftskriterium zu relativieren versuchen. Bereits innerhalb der Wissenschaft könnte man von einer gefährdeten Vertrauensbasis sprechen. Was erwarten Sie also vom Laien?
    Mit freundlichen Grüßen, Stephan Schröder-Köhne
  • Reiner Korbmann 22.02.2018 18:41 Uhr
    Man kann auf die Thesen Grundmanns eigentlich nur auf zwei Arten antworten, so widersprüchlich und engstirnig sind sie: Mit Argumenten, wobei ich nicht glaube, dass sie viel bewirken, oder aus der Metaebene.
    Zunächst die Argumente: Grundmann macht meines Erachtens zwei grundlegende Fehler: 1. Er verwendet synonym für das gesellschaftliche Teilsystem der Wissenschaftler (vulgo Experten) den Begriff „Wissensgesellschaft“, doch das sind zwei gänzlich verschiedene Dinge: Einerseits die Scientific Community, die von der Gesellschaft alimentiert und versorgt wird, damit sie Wissen produziert, andererseits die (umfassende) Gesellschaft, die Wissen als wichtige Basis für ihre Entscheidungen und ihre Entwicklungen nimmt und in der es Wissensbereiche gibt, die von keiner wissenschaftlichen Disziplin abgedeckt sind. Und 2. Er vermischt wissenschaftliche Ergebnisse und Wahrheit. Wissenschaft beschreibt keine Wahrheit, sondern Wirklichkeit, tatsächlich sogar nur einen (meist schmalen) Ausschnitt der Wirklichkeit, nämlich den, wonach eine wissenschaftliche Untersuchung gefragt hat. Es ist eine (leider viel zu weit verbreitete) Hybris, dies als Wahrheit zu bezeichnen.
    Und mit der Hybris sind wir auch schon bei der Metaebene: Ja ja, so stellen sich immer noch Wissenschaftler die ideale Gesellschaft vor: Alle Welt soll ihre Ergebnisse glauben, sie brauchen nicht verständlich erklären, Fehler, eigene Interessen, ja sogar Betrug sollen gnädig übersehen werden – die Wissenschaft gibt die Richtung vor, denn Experten besitzen ja das notwendige Wissen. Früher nannte man das Expertokratie, nicht Demokratie. Dabei sind Wissenschafter in Wirklichkeit doch nur Experten auf einem ganz kleinen, engen Fachgebiet, auf allen anderen, die zusammen eine Gesellschaft ausmachen, sind sie Laien, genauso wie der Bäckermeister oder der Müllwerker. Doch glücklicherweise hat das die weit überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler eingesehen und verinnerlicht. Aber ein paar Fossilien gibt es eben immer noch – und Fossilien sind interessant, nicht nur in der Naturgeschichte.
    Aber um ein besseres Verhältnis zu der Gesellschaft, die die Wissenschaft komplett trägt und die ihr die Freiheit gewährt, Wissen zu produzieren (selbst: Fossil zu sein), kommt sie nicht herum. Und da ist Kommunikation das einzige funktionierende Mittel.
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