Kompetenzerwerb

ForestFM: Bildung für nachhaltige Entwicklung in Portugal

Mit der Zunahme von Extremwetterereignissen gewinnt auch Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) international immer mehr an Bedeutung. Aber wie lässt sich das Konzept praktisch in Schulen umsetzen? Zu Besuch beim Projekt „ForestFM“ in der portugiesischen Region Viseu.

02.08.2024 Bundesweit Artikel Hanna Bolin
  • Schüler:innen sitzen im Schulhof und lachen. © Adobe Stock

Feuer knistert und knackt, langsam schwillt eine bedrohliche Musik an. Spannung, dann Stille: „Die Vorbeugung von Bränden ist genauso wichtig wie das Wissen, wie man sie bekämpft und wie man sich verhält, wenn sie auftreten“, hört man ein Mädchen auf Portugiesisch sagen. Dann ein Junge: „Bis zur kritischen Phase sollten Sie präventiv handeln, um die Brandgefahr zu verringern.“ Die beiden Jugendlichen klingen ernst und entschlossen: „Es ist unsere Sicherheit und wir werden sie schützen.“

Es ist ein Radiobeitrag, der auf die Gefahren von Waldbränden in Portugal aufmerksam machen soll. Konzipiert, aufgenommen, geschnitten und ausgestrahlt von Schüler:innen aus dem Distrikt Viseu. Dort wüteten 2017 die schlimmsten Waldbrände der letzten Jahrzehnte des Landes, bei denen mindestens 62 Menschen starben und zahlreiche verletzt wurden. Mit dem Projekt „ForestFM - Jugendliches Engagement bei der Vorbereitung auf Waldbrände durch partizipatives Radio“ sollen nicht nur Schüler:innen, sondern alle Bewohner:innen der Region über Handlungsmöglichkeiten informiert werden.

Extremwetterereignisse, wie Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Flächenbrände, nehmen infolge des Klimawandels weltweit zu. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung schreibt, die Zahl der wetterbedingten Katastrophen habe sich in den vergangenen 50 Jahren weltweit verfünffacht. Umso wichtiger wird es, Kinder und Jugendliche möglichst gut darauf vorzubereiten und ihnen die Zusammenhänge zwischen Klimakrise und Extremwetterereignissen zu vermitteln.

Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Schule

Schulen weltweit stehen vor der Herausforderung, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in ihre Lehrpläne zu integrieren. BNE ermöglicht es allen Menschen, „die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle, nachhaltige Entscheidungen zu treffen“, so das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Der Aufbau dieser Kompetenz ist in der Bundesrepublik Teil des schulischen Bildungsauftrags. BNE ist dabei kein Einzelthema, das zusätzlich zu den bekannten Schulfächern unterrichtet werden soll, sondern ein übergreifender Ansatz, der sich entsprechend auf Lehr- und Lernmethoden auswirkt. Dabei verbindet BNE entsprechende zu erlernende Kenntnisse mit Kompetenzaufbau und Partizipation von Schüler:innen.

Gestaltungskompetenz erlernen

Die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) hat gemeinsam mit der Deutschen UNESCO-Kommission beispielsweise drei Unterrichts- und Organisationsprinzipien zum Erwerb von Gestaltungskompetenz entwickelt, um Wissen über nachhaltige Entwicklung anwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkennen zu können: die Vermittlung von interdisziplinärem Wissen, partizipatives Lernen und die Etablierung innovativer Strukturen.

Die KMK hat bei ihrer Sitzung am 13.06.2024 neue Empfehlungen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in Schulen formuliert.

Zurück ins portugiesische Viseu: Um also eine Radiosendung zu produzieren, die auf Gefahren und Präventionsmaßnahmen im Zusammenhang mit Waldbränden aufmerksam machen soll, mussten die Jugendlichen zunächst Wissen generieren. Dazu führten sie Interviews, beispielsweise mit Feuerwehrleuten oder Politiker:innen, aber auch mit Anwohner:innen der Waldbrandgebiete sowie mit Klassenkamerad:innen und Familienangehörigen.

„Durch unsere Interviews ist uns aufgefallen, dass viele der Menschen gar nicht genau wissen, was sie im Falle eines Waldbrands tun sollen“, berichtet Patricia. Sie besucht die 12. Klasse der Dr. João Lopes de Morais-Sekundarschule in Mortágua, die sich am schulübergreifenden Projekt „ForestFM“ beteiligt.

Nach Abschluss der Interviews erarbeiteten die Jugendlichen in Gruppen Konzepte, um ihr neu gewonnenes Wissen in einzelnen Radiobeiträgen zu vermitteln. Dabei kam einer Gruppe die Idee für den Radiobeitrag, der auf die Gefahren von Waldbränden aufmerksam macht. Eine andere erstellte eine akustische „Tour durch den Wald, ohne den Tisch zu verlassen“, indem sie Impressionen und Geräusche des Waldes sammelte. Wieder andere wollten Ausschnitte aus Interviews für sich selbst sprechen lassen und schnitten diese mit einem In- und Outro zu einem Beitrag zusammen. So entstanden viele verschiedene Radiobeiträge.

„Wenn man sich mit Hörfunk auseinandersetzt, erfährt man erst, dass hinter den Kulissen jede Menge Arbeit steckt, bevor etwas im Radio ausgestrahlt wird“, erklärt Pedro. Er besucht die 12. Klasse der Carregal do Sal-Schule.

Das Forschungsprojekt hinter „ForestFM“

„Seit 2017 haben die Menschen verstanden, dass Waldbrände ein größeres Problem sind und dass mehr für die Prävention gemacht werden muss“, berichtet Ivone Neiva Santos. Sie arbeitet als Doktorandin im Bereich genetischer, verhaltens- und umweltbedingter Determinanten von Gesundheit und Krankheit am Institut für öffentliche Gesundheit der Universität Porto. Dort ist das Projekt „ForestFM“ angesiedelt.
In Kooperation mit fünf weiterführenden Schulen aus der Region Viseu unterstützt das Projekt Schüler:innen beim Konzipieren und Erstellen von Radioprogrammen zur Prävention und zum Umgang mit Waldbränden. Finanziert wird es durch ein Sonderbudget für die Bekämpfung und Prävention von Waldbränden, das die Regierung als Reaktion auf die katastrophalen Entwicklungen 2017 freigegeben hat.

Selbstermächtigung und Kompetenzerwerb stünden für die Konzipierenden des Projekts klar im Mittelpunkt, so Santos. Gleichzeitig knüpfe das Thema an die Lebenswelt der Jugendlichen an, die die Waldbrände und deren Auswirkungen in ihrer Heimatregion am eigenen Leib erfahren haben.

Das Projekt ist aus wissenschaftlicher Perspektive dreigliedrig aufgebaut und für drei Jahre angesetzt. 2021 begann die erste Phase, die sich aus der Bestandsaufnahme der Wissensstände der fünf teilnehmenden Schulen, Interviews mit verschiedenen lokalen Akteur:innen sowie einem Medienscreening zur Berichterstattung über Waldbrände zusammensetzte.

Darauf folgten in der zweiten Phase von externen Expert:innen durchgeführte Workshops mit Schüler:innen zwischen 15 und 19 Jahren: einerseits zur Prävention und zum Umgang mit Waldbränden, andererseits zu Radiojournalismus. Die jeweiligen Schulen konnten entscheiden, welche Altersstufe und welche Klasse am Programm teilnehmen sollte. Im Anschluss entwickelten die Jugendlichen ein Konzept, nahmen die Radioprogramme auf und strahlten sie auf unterschiedlichen Plattformen aus: manche Gruppen sendeten ihr Programm im Schulradio, andere veröffentlichten ihren Beitrag in den sozialen Medien. Wieder andere sprachen lokale Radiosender an, die einzelne Beiträge ausstrahlten.  

Schließlich sollen in der dritten Phase die Erkenntnisse zusammengetragen, wissenschaftlich und/oder pädagogisch aufbereitet und durch Präsentationen sowie Konferenzen verbreitet werden, u. a. bei einer finalen Ausstellung in der Region, bei der alle Schüler:innen ihre Erkenntnisse vortragen und Interessensvertreter:innen sowie Journalist:innen eingeladen sind.

BNE am Beispiel von „ForestFM“

Für die beteiligten Schüler:innen soll das Projekt BNE ganzheitlich in ihre Lebensrealität integrieren. Einerseits generieren sie Wissen: Wie Waldbrände verhindert werden können und was man machen kann, wenn es doch zu Waldbränden kommt, sind nur einige der Fragen, mit denen sich die Jugendlichen auseinandersetzen. Zusätzlich befassen sie sich mit methodischen Herangehensweisen und fragen: Wie können wir vermitteln, was wichtig ist und wie erreichen wir die Menschen in unserer Region?

Gleichzeitig verbessern sie ihre Urteils- und Handlungskompetenz. Denn aus den gesammelten Informationen suchen die Schüler:innen die Informationen heraus, die sie selbst als essenziell für die Bekämpfung und Vorbeugung von Waldbränden herausgearbeitet haben: Zur Prävention von Waldbränden sollte beispielsweise um das eigene Haus ein Streifen von ein bis zwei Metern Breite von leicht brennbaren Materialien befreit bleiben. Mithilfe derartiger Schneisen kann die Ausbreitung von Flammen gestoppt oder zumindest verlangsamt werden. Die Schüler:innen informierten zudem darüber, dass bestimmte Baumarten die Ausbreitung von Waldbränden beschleunigen können. In Gebieten mit einem hohen Waldbrandrisiko sollten demnach nur neue Bäume gepflanzt werden, die ein geringeres Risiko der Entflammbarkeit tragen, wie beispielsweise Pappeln, Robinien oder Roteichen. Um durch Waldbrände gefährdete Gebiete überhaupt identifizieren zu können, verwiesen die Schülerinnen und Schüler beispielsweise auf Risikokarten und den Waldbrand-Gefahrenindex.

Alfredo, Biologielehrer an einer der beteiligten Schulen, bilanziert: „Das Suchen, Auswählen von Informationen, Behalten der wichtigsten Informationen - all das sind Techniken, die die Schüler entwickelt haben und die für sie in der Schule und auch für ihre akademischen Leistungen einen Mehrwert darstellen.“

Gleichzeitig stand die Medienkompetenz der beteiligten Schüler:innen im Fokus. Zwar hätten viele Teilnehmende keine Erfahrung im Radiojournalismus, erzählt Ivone Neiva Santos: „Aber sie kennen Podcasts und Hörspiele.“ Als 2017 in der Region Viseu im Zusammenhang mit den Bränden der Strom ausfiel, seien die Radios das einzige gewesen, was funktioniert hätte. Überdies benutzen besonders ältere Generationen das Radio als Informationsquelle. „Es ist ein Medium, mit dem wir gehofft haben, den intergenerationalen Austausch zu fördern“, so Santos. Zudem machten die Jugendlichen erste Erfahrungen mit der Konzeption und Umsetzung von Redaktionsplänen und Schnittprogrammen.

Schließlich erhielten die Jugendlichen im Projekt Gelegenheit, ihre Gestaltungskompetenz zu verbessern. Denn sie mussten selbst Ideen erarbeiten, um ihr eigenes Radioprogramm zur Prävention und zum Umgang mit Waldbränden aufzubauen und auch weiterzuentwickeln. Es galt, Antworten zu finden auf Fragen wie: Wie können bestimmte Informationen interessant und einprägsam vermittelt werden? Welche Elemente braucht ein Radiobeitrag, um Aufmerksamkeit zu erregen und langfristig im Kopf zu bleiben?

Durch die direkte Umsetzung ihrer Ideen erfahren die Schüler:innen Selbstwirksamkeit. „Unser Ziel ist es, junge Menschen zu befähigen“, erläutert Santos. Und das sowohl inhaltlich, als auch didaktisch. „Durch unsere Bestandsaufnahme der Wissensstände haben wir erfahren, dass die Jugendlichen vor dem Projekt nicht mit ihren Familien oder Mitschüler:innen über die Gefahr und den Umgang mit Waldbränden gesprochen haben“, so Santos. Gleichzeitig habe sich herausgestellt, dass die Jugendlichen mehr über Präventionsarbeit wussten, als sie vorher gedacht hatten.

Positive Auswirkungen auf Schulen und Lehrkräfte

Außerdem konnten auch die Lehrkräfte von dem Projekt profitieren. Denn in den Workshops zur Konzeption und Durchführung der Radiosendungen lernten sowohl die Schüler:innen als auch die Lehrer:innen, wie die Aufnahme und Postproduktion von Audiosequenzen funktioniert. Zusätzlich organisierte das Forschungsteam Veranstaltungen eigens für Lehrkräfte, in denen es um die Bedeutung des Radios als Kommunikationsinstrument zur Förderung von Einstellungs- und Verhaltensänderungen in der Bevölkerung und zur Stärkung von Gemeinschaftsbeziehungen ging.

Damit das Projekt weitergeführt wird, fertigten die Wissenschaftler:innen einen „Werkzeugkoffer“ für jede Schule an, der ein Manual für die Herstellung von Radiosequenzen, Informationsmaterial zur Prävention von Waldbränden und verschiedene Vorschläge für diesbezügliche Aktivitäten in der Region beinhaltet. So soll sichergestellt werden, dass den Schulen auch zukünftig alles Nötige bereitgestellt wird, um mit ihren Schüler:innen im Zuge der Bildung für nachhaltige Entwicklung über die Prävention und den Umgang mit Waldbränden arbeiten zu können. Auch über die Projekt-Website sollen diese Informationen ab Herbst zugänglich sein, sodass nicht nur teilnehmende Schulen vom Projekt profitieren.

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Dieser Text ist dank einer Recherchereise vom Pressenetzwerk für Jugendthemen e. V. (PNJ) entstanden.



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