Anteil der Klassenwiederholungen auf Vor-Corona-Niveau 1,2 % abgesunken
Die Schulbehörde hat eine aktuelle IfBQ-Auswertung der bundesweit einmaligen kostenlosen schulischen Lernförderung („Nachhilfe“) vorgelegt. Danach haben im letzten Schuljahr alle Hamburger Schulen die Lernförderung in rund 12.000 Kursen angeboten und bis zu 28.353 Schülerinnen und Schüler teilgenommen.
21.06.2024 Hamburg Pressemeldung Behörde für Schule und Berufsbildung HamburgRund 56 Prozent der geförderten Schülerinnen und Schüler in allen geförderten Fächern konnten die Leistungsanforderungen erreichen und die Förderung spätestens nach einem Schuljahr erfolgreich abschließen. Von den Schülerinnen und Schülern mit Lernförderbedarf in mehreren Fächern konnten sogar 65 Prozent die Lernförderung in mindestens einem Fach zum Ende des Schuljahres beenden. 323 Schülerinnen und Schüler konnten aufgrund der Förderung trotz negativer Prognose nach Abschluss der Klassenstufe 6 am Gymnasium verbleiben. Insgesamt wurden rund 14,8 Mio. Euro für die Lernförderung aufgewendet.
Schulsenatorin Ksenija Bekeris: „Die kostenlose schulische Lernförderung ist nach mehr als einem Jahrzehnt fest etabliert und wirkt. Nur Hamburg bietet diese Art von Nachhilfe an und konnte so den Anteil der Klassenwiederholungen deutlich senken. Die meisten Stunden kostenloser Lernförderung fanden in den Schulen mit Sozialindex 1 und 2 statt. So profitieren vor allem Schülerinnen und Schüler, die von Haus aus benachteiligt sind.“
Mit der kostenlosen individuellen Lernförderung bietet Hamburg seit dem Schuljahr 2011/12 ein bundesweit einmaliges Angebot (ursprünglich „Fördern statt Wiederholen“ genannt): Schülerinnen und Schüler, die die festgelegten Mindestanforderungen in einem oder mehreren Fächern oder Lernbereichen nicht erfüllen, erhalten zusätzliche Förderung neben dem regulären Unterricht. Der Förderunterricht („Nachhilfe“) erfolgt in kleinen Gruppen zusätzlich zum regulären Unterricht und wird durch Lehr- oder Honorarkräfte durchgeführt. Leistungsrückstände können damit gezielt aufgeholt werden.
Diese Ansprüche auf Lernförderung bestehen, wenn die Notenschwelle ausreichenden Leistungen unterschritten ist. Auch Schülerinnen und Schüler mit schwach ausreichenden Leistungen sind förderberechtigt, wenn eine Verschlechterung des Leistungsbildes zu befürchten oder der Schulabschluss gefährdet ist. Darüber hinaus können auf Antrag der Schule auch andere Schülerinnen und Schüler besondere Förderung erhalten. Über die Aufnahme der Lernförderung beschließt die Zeugniskonferenz. Im Anschluss schließt die Schule mit der Schülerin oder dem Schüler und den Sorgeberechtigten eine Lern- und Fördervereinbarung ab, in der die notwendigen Fördermaßnahmen und die wechselseitigen Pflichten verbindlich festgelegt werden.
Nur noch 1,2 Prozent Klassenwiederholungen
Die Wiederholung einer Jahrgangsstufe ist seit Einführung der verpflichtenden Lernförderung nur noch im Ausnahmefall möglich. Wegen der Schulschließungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie erleichterte die Schulbehörde im Sommer 2021 die freiwillige Wiederholung einer Jahrgangsstufe. Infolgedessen wurden viel mehr Anträge auf Wiederholung einer Jahrgangsstufe bewilligt als in den Jahren zuvor. Seit dem Schuljahr 2023/24 gelten die alten Regelungen. Infolgedessen ist der Anteil an Klassenwiederholungen in allen Schulformen deutlich gesunken: Im Schuljahr 2021/22 lag er bei 1,7 Prozent, im aktuellen Schuljahr nur noch bei 1,2 Prozent. An Stadtteilschulen wiederholen im aktuellen Schuljahr 1,7 Prozent aller Schülerinnen und Schüler; im Vorjahr waren es noch 2,0 Prozent. An Gymnasien ist der Anteil an Klassenwiederholungen von 1,6 Prozent auf 1,4 Prozent gesunken. Viele Klassenwiederholungen schließen sich im Gymnasium an einen Auslandsaufenthalt an. An Grundschulen ist der Anteil an Klassenwiederholungen im aktuellen Schuljahr erneut deutlich zurückgegangen; er liegt auf demselben Niveau wie vor Beginn der Corona-Pandemie (0,8 Prozent).
Weitere Fördermaßnahmen
Zum Aufholen der pandemiebedingten Kompetenzrückstände wurden in Hamburg zusätzliche Förderprogramme aufgesetzt. Dazu zählen die kostenlosen Lernferien, das Bundesprogramm „Aufholen nach Corona“ und das Programm „Anschluss“ für Kinder der 4. Jahrgangsstufe, das nachweislich zu Lernfortschritten der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler führt und ihnen somit den Übergang in die weiterführende Schule erleichtert.
Ergebnisse des Lernförder-Monitorings im Detail
Das Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) wertet die im Monitoring erhobenen Daten auf Basis der Meldungen der Schulen aus. Aus dem Monitoring geht hervor, dass an allen staatlichen allgemeinen Schulen Lernförderung angeboten wird. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die Lernförderung erhalten, ist über die Jahre relativ stabil und im zweiten Schulhalbjahr üblicherweise höher (durchschnittlich ca. 16 Prozent) als im ersten Schulhalbjahr (durchschnittlich ca. 13 Prozent).
- Im jetzt ausgewerteten Schuljahr 2022/23 wurden insgesamt 12.048 Lernförderkurse an den 194 staatlichen Grundschulen, 59 Stadtteilschule und 63 Gymnasien durchgeführt. Das entspricht (unter Berücksichtigung des Schülerwachstums der letzten Jahre) dem Niveau des letzten Vor-Corona-Schuljahrs 2018/19 (mit damals11.147 Kursen).
- Im 1. Halbjahr des Schuljahres 2022/23 nahmen 22.779 Schülerinnen und Schüler an Lernförderkursen teil (13,1 Prozent der Schülerschaft), im 2. Halbjahr 28.353 Schülerinnen und Schüler (16,3 Prozent), im Gesamtschuljahr gab es somit 51.132 Teilnahmen. Da es möglich ist, dass eine Person an mehreren Förderkursen in einem Schulhalbjahr teilnimmt, sind die Kursteilnahmen nicht gleichzusetzen mit der Schülerzahl. Von den insgesamt 12.048 Kursen entfielen u.a. 37,2 Prozent auf das Fach Deutsch, 38,9 Prozent Mathematik, 11,8 Prozent Englisch und 4,2 Prozent auf weitere Sprachen. 5.399 der Kurse fanden an Grundschulen statt (44,8 Prozent), 4.415 an Stadtteilschulen (36,6 Prozent) und 2.234 an Gymnasien (18,5 Prozent). Erfahrungsgemäß finden im jeweils 2. Schulhalbjahr eines Schuljahres deutlich mehr Kurse statt als im 1. Halbjahr (+ 20 Prozent).
- Die meisten Stunden kostenloser Lernförderung fanden im Schuljahr 2022/23 in den Schulen mit Sozialindex 1 und 2 statt (49,5 Prozent), darunter an den Grundschulen 52 Prozent, an den Stadtteilschulen 58 Prozent und an den Gymnasien 13 Prozent. Damit erreicht die Lernförderung verstärkt Schülerinnen und Schüler aus schwierigen sozio-ökonomischen Verhältnissen.
- Die Schulen entscheiden, wen sie mit der Durchführung der Lernförderung beauftragen. Hierzu gehören neben Lehrkräften der Schule sozialpädagogische Fachkräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Nachhilfeeinrichtungen, aber auch Honorarkräfte wie beispielsweise freiberuflich arbeitende Fachkräfte (zum Beispiel Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Lerntherapeuten), Studierende, Schülerinnen und Schüler aus der Oberstufe, Referendariatsanwärterinnen und -anwärter oder pensionierte Lehrkräfte.1.396 Oberstufen-Schülerinnen und Schüler haben Lernförderkurse als Kursleitung durchgeführt, ein neuer Höchststand. Vor allem haben sie Kurse in den Fächern Mathematik, Deutsch, Englisch und andere Sprachen angeleitet. Im Schuljahr 2022/23 waren 2.940 Honorarkräfte in der Lernförderung tätig.
- Die meisten Förderungen erfolgen in kleinen Gruppen mit weniger als 5 Schülerinnen und Schülern (45,8 Prozent) oder mittleren Gruppen mit 5 bis 10 Schülerinnen und Schülern (43,2 Prozent). Besonders an Grundschulen wurde der Großteil der Förderkurse mit weniger als 5 Teilnehmenden durchgeführt (54,7 Prozent). Weder aus dem Monitoring noch aus Rückmeldungen der Schulen lässt sich allerdings schließen, dass die Gruppengröße Einfluss auf die Umsetzung der Lernförderung oder den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler hat.
- Die Ergebnisse zeigen, dass ein erheblicher Teil der geförderten Schülerinnen und Schüler von der zusätzlichen Lernförderung profitiert. Im Schuljahr 2022/23 konnten 55,6 Prozent der geförderten Schülerinnen und Schüler in allen geförderten Fächern die Leistungsanforderungen erreichen und die Förderung erfolgreich abschließen. Von den Schülerinnen und Schülern mit Lernförderbedarf in mehreren Fächern konnten 65,0 Prozent die Lernförderung in mindestens einem Fach zum Ende des Schuljahres beenden. Weiterhin konnten durch die Teilnahme an Lernfördermaßnahmen 323 Schülerinnen und Schüler nach Abschluss der Klassenstufe 6 am Gymnasium verbleiben. Das entspricht 34,6 Prozent der insgesamt 933 Schülerinnen und Schüler, die im ersten Halbjahr der Jahrgangsstufe 6 eine Mitteilung erhalten hatten, dass sie bei gleichbleibender Leistungsentwicklung nicht in die Jahrgangstufe 7 des Gymnasiums übergehen können. Der Blick auf die einzelnen Fachbereiche zeigt, dass die Förderung in Englisch am erfolgreichsten ist. An Grundschulen sind aufgrund des längerfristigen Ansatzes der Förderung insgesamt niedrigere Erfolgsquoten zu verzeichnen.
- Im Schuljahr 2022/23 wurden den Schulen insgesamt 5,5 Mio. Euro aus Mitteln des Bildungs- und Teilhabepakets (BuT) und aus dem Haushalt der FHH 92,8 Lehrerstellen zugewiesen, das entspricht ungefähr Kosten in Höhe von 9,3 Mio. Euro. Insgesamt wurden also rund 14,8 Mio. Euro für die Lernförderung aufgewendet. Trotz der unterschiedlichen Finanzquellen ist das Angebot der Schulen für die Kinder vollkommen gleich. Auf diese Weise wird vermieden, dass Schülerinnen und Schüler mit Leistungsberechtigung und Schülerinnen und Schüler ohne Leistungsberechtigung an der einzelnen Schule unterschiedlich behandelt werden.
- Der Anteil fachübergreifender Kurse ist insgesamt eher gering und liegt in den Schuljahren 2017/18 bis 2022/23 im Durchschnitt bei 4,8 Prozent. Unter diese Rubrik fällt die Vermittlung lernmethodischer oder auch sozialer Kompetenzen, die das Aufholen fachspezifischer Defizite begleiten oder vorbereiten sollen, wie beispielsweise Lernen lernen, Arbeits- und Selbstorganisation, soziales Lernen, Motorik oder Konzentration. Im Übrigen siehe Vorbemerkung. Einen Akzent auf überfachliches Lernen legt das seit August 2021 bestehende Hamburger Mentorenprogramm „Anschluss“, das sich an leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler der 4. Klassen richtet. Um den Übergang in die weiterführende Schule zu erleichtern, werden nachmittags zusätzliche Lernkurse angeboten, in denen es neben dem Training von Basiskompetenzen wie zum Beispiel Lesen, Textverständnis, Schreiben und Mathematik auch darum geht, die Kinder in ihrer Persönlichkeit und Lernmotivation zu stärken und ihr selbstgesteuertes Lernen zu fördern.
- Den Monitoringergebnissen zufolge gibt es keine Hinweise darauf, dass Schülerinnen und Schüler die Lernförderung weniger erfolgreich durchführen als andere Personengruppen. Mit Blick auf die so genannten „Erfolgsquoten“ (Verlassen der Förderung) schneidet die Gruppe der Schülerinnen und Schüler vergleichsweise gut ab. Die guten Fördererfolge von Schülerinnen und Schülern könnten auch dadurch begründet sein, dass sie eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre schaffen und die Verständnisprobleme der jüngeren Schülerinnen und Schüler gut nachvollziehen können. Durch eine unterstützende Begleitung der Förderkoordination kann eine Lernförderung durch Schülerinnen und Schüler höherer Jahrgangsstufen für alle sehr gewinnbringend sein und wird somit von der Schulbehörde unter den entsprechenden Rahmenbedingungen als geeignet erachtet. Darüber hinaus ist ein Einsatz in der Lernförderung als Möglichkeit zur Berufsorientierung in Richtung Lehramtsstudium möglich und gewünscht.
Ansprechpartner
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