Gastbeitrag

Auf Europas Schulhof

Von Frankfurt nach Brüssel, von Luxemburg nach Alicante – Kinder, deren Eltern bei europäischen Institutionen beschäftigt sind, erleben ihre Schulzeit häufig nicht an einem einzelnen Standort. Damit sie dennoch in ihrer Erstsprache und nach einem einheitlichen Curriculum lernen können, gründeten die EU-Mitgliedstaaten ab 1957 Europäische Schulen.

13.03.2020 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Karoline Estermann
  • © www.pixabay.com

In Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Spanien, Italien und Deutschland haben mittlerweile 13  Europäische Schulen ihren Sitz. Wenngleich alle Länder eine individuelle Bildungspolitik kennzeichnet, verfolgen die Europäischen Schulen einheitliche Lehrpläne. Die Eltern der aktuell rund 27.000 Schülerinnen und Schüler arbeiten vorwiegend bei europäischen Institutionen. Unter verschiedenen Voraussetzungen können Mädchen und Jungen jedoch auch unabhängig vom Arbeitgeber ihrer Eltern aufgenommen werden, soweit ausreichend Kapazität vorhanden ist. Die 13 Europäischen Schulen sollen der Förderung von Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Herkunftsländern gerecht werden – eine große Rolle spielt dabei die Sprache.

Europäische Sprachenvielfalt

Um in ihrer Muttersprache lernen zu können, wird die Schülerschaft bereits im Kindergarten in die entsprechende Sprachsektion eingeteilt. Wobei es sich nicht immer wortwörtlich um die Muttersprache handelt: „Wir sprechen von Erstsprache und nicht von Muttersprache. Schließlich haben die Kinder häufig Mutter- und Vatersprache“, erklärt Birgit Schumacher, deutsche Inspektorin für den Primarbereich der Europäischen Schulen.

Ab dem ersten der fünf Grundschuljahre erlernen die Schülerinnen und Schüler eine erste Fremdsprache. In der Sekundarstufe folgen die zweite Fremdsprache und wahlweise zwei weitere. Fächer wie Kunst, Geografie oder Sport lernen die Sekundarschülerinnen und -schüler in ihrer ersten Fremdsprache. Dort kommen die Jugendlichen in Kontakt mit weiteren Mitschülerinnen und Mitschülern der anderen Sektionen: „Ein französischer Schüler, der Deutsch als erste Fremdsprache gelernt hat, lernt einige Fächer in der Sekundarstufe auf Deutsch – zusammen mit Jungen und Mädchen, die einer anderen Nationalität und Sprachsektion angehören“, verdeutlicht Thilo Buchmaier, deutscher Inspektor für den Sekundarbereich, den bunten Sprachenmix im Schulalltag.  

Lehrpläne – gestaltet von 28 Nationen

Unabhängig von Sprachsektion und erster Fremdsprache lernt die Schülerschaft identische Inhalte: „Zum Beispiel gibt es für Mathematik einen Lehrplan, der in alle Sprachen der EU übersetzt ist. In der finnischen Sektion wird er auf Finnisch erteilt, in der deutschen Sektion auf Deutsch“, erklärt Schumacher. Eine Besonderheit gebe es bei den Lehrplänen der Erstsprache. Sie hätten eine gemeinsame Struktur, seien aber sprachenspezifisch aufgebaut. „Diese Schulen werden durch 28 nationale Einflüsse gestaltet. Dabei muss ein Konsens gefunden werden  – und das funktioniert. Wir haben hier die Europäische Union im bildungspolitischen Brennglas“, berichtet Buchmaier.

Der Einfluss verschiedener Nationen macht sich nicht nur bei der Lehrplangestaltung bemerkbar: „Bei Schulinspektionen kommt es vor, dass ich beispielsweise mit einer Finnin oder einem Spanier zusammenarbeite  – diese multinationale Vielfalt ist etwas ganz Besonderes“, findet Schumacher. Diese Vielfältigkeit reicht zudem bis in die Spitze und spiegelt sich in der Schulleitung wider: „Sie besteht aus einem Direktor und zwei beigeordneten Direktoren – mit drei verschiedenen Nationalitäten.“

Lehrerstellen besetzen

„Die EU hat keine eigenen Lehrkräfte. Die Mitgliedstaaten sind dafür verantwortlich, dass Lehrerinnen und Lehrer an die Schulen vermittelt werden“, erklärt Buchmaier.

Zusätzlich zu den Europäischen Schulen gibt es 18  akkreditierte bzw. anerkannte Europäische Schulen. Ihr Unterrichtsmodell erfüllt die pädagogischen Anforderungen der Europäischen Schulen – im Rahmen des nationalen Bildungssystems. Sie gehören nach einem Anerkennungsverfahren dem System der Europäischen Schulen an, ihre Verwaltung und Finanzierung unterliegt jedoch dem Mitgliedstaat, in dem sich ihr Sitz befindet.

Birgit Schumacher und er arbeiten dafür mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) zusammen. „Die ZfA ist das Bindeglied zwischen der Inspektorin oder dem Inspektor und den beurlaubenden Heimatbehörden der Lehrkräfte“, so Schumacher.

Europaweiter Hochschulzugang

Die Lehrkräfte der Europäischen Schulen bereiten die Schülerschaft auf das Europäische Abitur in der 12. Jahrgangsstufe vor – und damit auf eine europaweite Hochschulzugangsberechtigung. Neben den schulpraktischen Zielen verfolgen die Schulen jedoch auch ideelle Ziele, erklärt Buchmaier: „Die jungen Menschen sollen zu weltoffenen Europäern erzogen und mit den liberalen, demokratischen und toleranten Werten der EU vertraut gemacht werden.“

Weitere Informationen: kiga.primarstufe-es( at )bmbf.bund.de oder sekundarstufe-es( at )bmbf.bund.de

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 3-2019 veröffentlicht.



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