Migrationshintergrund

"Aus Stolpersteinen Stolperchancen machen"

"Wir haben Ideale. Dazu gehört, der Vielfalt in der Schülerschaft ein vielfältiges Kollegium gegenüberzustellen", sagt Dr. Antionetta P. Zeoli. Die Gymnasiallehrerin ist Landeskoordinatorin des nordrhein-westfälischen "Netzwerks Lehrkräfte mit Zuwanderergeschichte". Gerade wurde das Projekt als einer der 365 Orte beim bundesweiten Wettbewerb "Deutschland – Land der Ideen" ausgezeichnet. Und in der vergangenen Woche trafen sich rund 200 Teilnehmer zum ersten Bundeskongress des Netzwerks in Paderborn.

16.03.2010 Artikel

Mehr Lehrer mit Migrationshintergrund in die Schulen – dieses Ziel verfolgen unterdessen etliche Initiativen. Neben Nordrhein-Westfalen sind auch andere Bundesländer aktiv. So hat Berlin Anfang 2009 eine Kampagne für mehr Lehrer aus Einwandererfamilien gestartet und Baden-Württemberg will mit seiner Initiative "Migranten machen Schule!" ebenfalls Schüler mit Migrationshintergrund für den Lehrerberuf interessieren. Ein spezielles Stipendienprogramm für Lehramtsstudierende mit Migrationshintergrund hat die Hertie-Stiftung 2008 in Hessen aufgelegt und die ZEIT-Stiftung in Hamburg wirbt bei Oberstufenschülern mit dem Schülercampus "Mehr Migranten werden Lehrer".

Mitinitiator dieses Projekts ist der Hamburger Hochschullehrer Prof. Dr. Reiner Lehberger. In einem ZEIT-Interview hatte der Erziehungswissenschaftler vor vier Jahren auf die Frage, ob er einen Tipp aus der Praxis für den geplanten nationalen Integrationsgipfel habe, geantwortet, die Politik sollte ein Sofortprogramm starten, um Lehrer aus dem Migrantenmilieu zu gewinnen. In die Praxis umgesetzt wurde dieser Vorschlag 2008. Damals startete die ZEIT-Stiftung das Projekt Schülercampus. Das Konzept: In einer mehrtägigen Veranstaltung können sich Oberstufenschüler mit Migrationshintergrund in Vorträgen, Workshops und Schulhospitationen über den Lehrerberuf informieren. Unterdessen haben fünf dieser Veranstaltungen stattgefunden. Mit großem Erfolg, berichtet Lehberger: "Am Ende sagen uns die Teilnehmer zwei Dinge: 1. Sie haben eine Wertschätzung erlebt, die sie so im Bildungssystem Deutschland bislang nicht erfahren haben und 2. können sie sich jetzt ein angemesseneres Bild über den Lehrerberuf machen als vorher – obwohl sie mindestens schon zwölf Jahre zur Schule gegangen sind. Außerdem wollen sich fast 70 Prozent aus den ersten beiden Treffen für den Lehrerberuf entscheiden."

Der Bundeskongress des Netzwerks in Paderborn diente auch dem Austausch und der weiteren Vernetzung all dieser verschiedenen Initiativen. Bereits jetzt arbeiten die Hertie-Stiftung und die Netzwerklehrer in Nordrhein-Westfalen mit der ZEIT-Stiftung zusammen. Schon zweimal fand der Schülercampus auch in diesem Bundesland statt. Lehrer spielen eine große Rolle, wenn es darum geht, dieses Projekt in den Schulen bekannt zu machen, weiß Lehberger. Denn Schulen bekommen viele Angebote und oftmals bleibt das Material in den Sekretariaten stecken. Ein Netzwerk mit Lehrern vor Ort aber kann dafür sorgen, dass die Informationen tatsächlich bei der Zielgruppe ankommen.

Die eigene Erfahrung und das persönliche Vorbild sind wichtig, bestätigt auch der Kölner Gymnasiallehrer und Sprecher des Netzwerks, Cahit Basar. "Ich zitiere immer gern aus einem Gespräch mit einer Schülerin, die sagte: ´Herr Basar, bis jetzt kam die Perspektive Lehrerin zu werden für mich gar nicht infrage, denn Lehrer waren Deutsche - ich bin keine Deutsche, also kann ich nicht Lehrerin werden. Aber seitdem Sie da sind, wurde diese Haltung auf den Kopf gestellt und jetzt ist der Lehrerberuf für mich in den Fokus gerückt."

Roswitha Regina Weber kommt aus Rumänien. Die Hauptschullehrerin und Fachleiterin engagiert sich im Netzwerk für Referendare mit Migrationshintergrund. Insbesondere bei möglichen Zweifeln über die berufliche Eignung oder Ängsten vor Prüfungen steht sie den Nachwuchskollegen als Ansprechpartnerin persönlich zur Verfügung. Weber weiß, dass neben den Lehrern auch die Inhalte und Unterrichtsmaterialien eine wichtige Rolle spielen. Schulbücher sollten die gesellschaftliche Realität und die Lebenswelten möglichst aller Schüler widerspiegeln. Besonders gut kann dies gelingen, wenn Lehrer mit entsprechenden Erfahrungen an den Werken mitarbeiten. Ein Grund für sie, auch als Schulbuchautorin zu arbeiten. Außerdem, so Weber, haben Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte einen besonderen Blick für Kinder mit mehrsprachigem Hintergrund. Sie wissen zum Beispiel, dass diese Schüler über bestimmte Formulierungen "stolpern" und dadurch beim Lernen beeinträchtigt werden können.

"Wir arbeiten ergebnisorientiert", erklärt Netzwerkkoordinatorin Dr. Antonietta Zeoli. Tatsächlich kann das Netzwerk schon etliches vorweisen: Mit knapp 30 Gründungsmitgliedern begann das Projekt vor drei Jahren. Mittlerweile ist es auf knapp 300 Mitglieder aus 19 Ländern angewachsen. Sie werben für den Lehrerberuf in Oberstufenklassen oder an Berufsberatungstagen, beraten Lehramtsstudierende oder Referendare, Eltern und Migrantenselbstorganisationen. Sie organisieren Fachtagungen, arbeiten mit Schulbuchverlagen zusammen, organisieren Fußballturniere für Oberstufenschüler und Theaterprojekte mit Referendaren, Lehrern und Schülern. Außerdem kooperieren sie mit verschiedenen Universitäten im Land. Kürzlich erst wurde an der Uni Dortmund ein Juniornetzwerk gegründet und auch andere Hochschulen haben bereits reges Interesse bekundet, berichtet Zeoli.

Jetzt hat das Netzwerk gemeinsam mit dem Cornelsen Verlag die Broschüre "Stolperchancen" veröffentlicht. Lehrerinnen und Lehrer aus 13 verschiedenen Nationen geben darin praktische Tipps, berichten über eigene Erfahrungen und bewerten Situationen aus ihrer Perspektive. Mit den Stolperchancen, so erklärt Luigi Giunta, stellvertretender Netzwerksprecher und Düsseldorfer Gymnasiallehrer, sollen Stolpersteine aus dem Weg geräumt werden. "Man kann im Schulalltag schnell über kulturelle Fragen stolpern und fühlt sich allein gelassen. Wir glauben, dass wir Lehrer mit Migrationshintergrund "Hilfestellung" leisten können, indem wir aus unseren persönlichen Erfahrungen berichten und zeigen können und wie man aus einem Stolperstein auch eine Chance machen kann." Die Broschüre hat in den Schulen bereits eine große Nachfrage ausgelöst und wird jetzt auf der didacta in Köln einem breiten Publikum vorgestellt.

Etwa jeder dritte Schüler in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Noch treffen diese Kinder und Jugendlichen höchst selten auf einen Lehrer, dessen Biografie Ähnlichkeit mit ihrer eigenen hat, denn nur ein bis zwei Prozent der Lehrer in Deutschland kommen aus Zuwandererfamilien. Dank der verschiedenen Initiativen sollte sich dieses Verhältnis aber in den kommenden Jahren ändern. Für Hamburg geht Prof. Lehberger sogar davon aus, dass in 20 Jahren Lehrer mit Migrationshintergrund etwa 30 Prozent der Lehrkräfte ausmachen werden. Und das ist gar nicht mal so unrealistisch: Immerhin haben in dem nördlichen Stadtstaat bereits 20 Prozent der Referendare einen Migrationshintergrund.

Die Broschüre "Stolperchancen" wird auf der didacta in Köln am 16. und 17. März 2010 jeweils von 11 bis 12 Uhr am Cornelsen Stand, Halle 9.1 Stand CD/11 vorgestellt.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden