Auslese nach der Auslese

"Der in der kommenden Woche stattfindende Prognoseunterricht ist weniger ein Mittel zur Überprüfung der Leistungsfähigkeit von Kindern, sondern mehr ein Schub für die Nachhilfeindustrie und Verlage", erklärt Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE NRW). "In Bayern werden schon lange die entsprechenden Bücher zum Üben bzw. Kurse zur Vorbereitung an privaten Instituten angeboten. Wir befürchten, dass das auch in NRW so kommen wird."

20.04.2007 Nordrhein-Westfalen Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRW

In Bayern ist rund um den Prognoseunterricht eine ganze Industrie entstanden. Die Eltern können Materialien zur Vorbereitung kaufen, Nachhilfeinstitute werben mit entsprechenden Vorbereitungskursen.

"Wer es sich leisten kann, bucht eben den entsprechenden Crashkurs", so Beckmann weiter. "Wer es sich nicht leisten kann, hat dann buchstäblich Pech gehabt. Dieser Trend trägt nicht gerade dazu bei, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulformbesuch zu entkoppeln."

Für die Kinder ist der Prognoseunterricht eine Stresssituation. Sie stehen unter dem Druck, in einer fremden Umgebung alles geben zu müssen. Das sind die besten Voraussetzungen für ein Versagen.

"Der VBE bleibt bei der Einschätzung, dass über zehn- bzw. künftig neunjährige Kinder keine sichere Prognose hinsichtlich ihrer Lernentwicklung gegeben werden kann", so Beckmann weiter. "Ein dreitägiger Prognoseunterricht in Anwesenheit eines Schulaufsichtsbeamten und fremder Lehrer ist unserer Auffassung nach keine gute pädagogische Methode, um die Leistungsfähigkeit und –bereitschaft eines Kindes zu erfassen bzw. vorauszusehen. Es ist nur ein weiteres Verfahren, mit dem versucht werden soll, Kinder "treffsicher" in Schubladen einzusortieren. Die Abkehr von bestimmten Schulformen und der Trend zu anderen werden damit nicht zu stoppen sein."

Der größte Teil der Kinder, die am Prognoseunterricht teilnehmen, sind Kinder, die eine Hauptschulempfehlung haben. Die Eltern schicken sie in den Prognoseunterricht, um auf jeden Fall den Hauptschulbesuch zu vermeiden.

"Auch hier zeigt sich wieder die Abstimmung mit den Füßen gegen die Hauptschule", so Beckmann abschließend. "Es zeigt sich auch einmal mehr, dass wir dringend über andere Schulstrukturen nachdenken müssen."


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