Position

Bildungschancen in Nordrhein-Westfalen

Die LEiS-NRW positioniert sich zur Antwort der Landesregierung Nordrhein-Westfalen auf eine Große Anfrage der Fraktion der FDP zur Situation der Bildungschancen im Land. Es fehlt eine klare bildungspolitische Haltung und eine überzeugende Zukunftsstrategie.

05.01.2026 Nordrhein-Westfalen Pressemeldung LEiS-NRW e. V.
  • Gruppe von Jugendlichen vor einem Schulgebäude. © Adobe Stock Besonders kritisch bewertet die LEiS-NRW, dass die Landesregierung die fortbestehende soziale Selektivität des gegliederten Schulsystems nicht grundlegend hinterfragt.

Die Antwort der Landesregierung Nordrhein-Westfalen auf die Große Anfrage 37 der Fraktion der FDP Drucksache 18/15487 zur Situation der Bildungschancen im Land (Drucksache 18/16951) umfasst mehrere hundert Seiten statistischer Auswertungen, Tabellen und formaler Erläuterungen. Sie vermittelt auf den ersten Blick ein Bild großer Auskunftsbereitschaft und Transparenz. Aus Sicht der LEiS-NRW e.V.  offenbart diese Drucksache bei genauerer Betrachtung jedoch ein grundlegendes Defizit: Es fehlt eine klare bildungspolitische Haltung und eine überzeugende Zukunftsstrategie – insbesondere im Hinblick auf integrierte Schulformen und das längere gemeinsame Lernen.

Die Landesregierung beschreibt ausführlich den Status quo von frühkindlicher Bildung, schulischer Versorgung, Personalressourcen und finanziellen Aufwendungen. Was jedoch weitgehend ausbleibt, ist eine kritische Einordnung dieser Daten und eine daraus abgeleitete Perspektive für die Weiterentwicklung des Bildungssystems. Für Eltern integrierter Schulen ist dies besonders problematisch, da gerade diese Schulformen seit Jahren zeigen, wie Bildung gerechter, inklusiver und nachhaltiger gestaltet werden kann.

Integrierte Schulen stehen für das Prinzip des längeren gemeinsamen Lernens. Sie ermöglichen Kindern und Jugendlichen, unabhängig von sozialer Herkunft, Leistungsentwicklung oder familiärem Hintergrund gemeinsam zu lernen, sich individuell zu entfalten und Bildungswege offen zu halten. Die Drucksache 18/16951 verkennt diesen zentralen Beitrag weitgehend. Integrierte Schulformen werden kaum als eigenständiger bildungspolitischer Lösungsansatz wahrgenommen, sondern bleiben statistisch eine Schulform unter vielen.

Besonders kritisch bewertet die LEiS-NRW, dass die Landesregierung die fortbestehende soziale Selektivität des gegliederten Schulsystems nicht grundlegend hinterfragt. Zwar wird eingeräumt, dass Bildungschancen in NRW stark vom sozialen Umfeld, vom Wohnort und von familiären Ressourcen abhängen. Dennoch werden daraus keine strukturellen Konsequenzen gezogen. Das frühe Aufteilen von Kindern auf unterschiedliche Schulformen bleibt unangetastet, obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse und schulische Praxis zeigen, dass längeres gemeinsames Lernen Bildungsungleichheiten wirksam reduzieren kann.

Für integrierte Schulen bedeutet dies weiterhin, dass sie unter Bedingungen arbeiten müssen, die ihrem pädagogischen Anspruch nicht gerecht werden. Die Drucksache benennt zwar den Lehrkräftemangel und den Fachkräfteengpass als zentrale Probleme, bleibt aber konkrete Antworten schuldig, wie gerade integrierte Schulen gestärkt werden sollen. Längeres gemeinsames Lernen erfordert stabile multiprofessionelle Teams, Zeit für individuelle Förderung, Differenzierung im Unterricht und verlässliche personelle Kontinuität. Punktuelle Programme und befristete Maßnahmen reichen hierfür nicht aus.

Auch im Bereich der Übergänge zwischen den Bildungsstufen bleibt die Antwort der Landesregierung unzureichend. Für integrierte Schulen sind gut gestaltete Übergänge von der Grundschule ebenso entscheidend wie eine verlässliche Begleitung bis zu allen Abschlüssen. Die Drucksache verweilt jedoch bei quantitativen Angaben zur frühkindlichen Bildung und verpasst es, die Bedeutung durchgängiger Bildungsketten hervorzuheben. Längeres gemeinsames Lernen endet nicht mit der Kita oder der Grundschule – es muss konsequent bis zum Ende der Sekundarstufe gedacht werden.

Aus Elternsicht besonders enttäuschend ist die geringe Rolle, die der Perspektive von Familien in der Drucksache eingeräumt wird. Eltern werden kaum als aktive Partner im Bildungssystem verstanden. Für integrierte Schulen, die stark auf Kooperation, Vertrauen und Mitwirkung setzen, ist dies ein gravierendes Defizit. Gute Bildung gelingt nur dort, wo Eltern beteiligt, informiert und ernst genommen werden.

Die LEiS-NRW stellt fest, dass die Drucksache 18/16951 zwar Probleme benennt, jedoch keinen politischen Gestaltungswillen erkennen lässt, diese grundlegend anzugehen. Gerade integrierte Schulen könnten eine tragende Rolle bei der Weiterentwicklung des Bildungssystems spielen. Statt sie gezielt auszubauen und strukturell zu stärken, verbleibt die Landesregierung in einer verwaltenden Logik.

Aus Sicht der Landeselternschaft der integrierten Schulen in NRW ist daher ein Kurswechsel erforderlich. Längeres gemeinsames Lernen muss zum bildungspolitischen Leitprinzip werden. Integrierte Schulformen dürfen nicht länger als Ergänzung oder Ausnahme behandelt werden, sondern müssen als zentrale Säule eines gerechten und zukunftsfähigen Bildungssystems anerkannt werden.

Die LEiS-NRW fordert eine klare politische Entscheidung zugunsten integrierter Schulen, nachhaltige Personal- und Ressourcenstrategien sowie eine konsequente Ausrichtung des Bildungssystems auf Chancengleichheit und Inklusion. Die vorliegende Drucksache bleibt hinter diesen Anforderungen zurück. Sie ist ein umfangreicher Bericht – aber keine Antwort auf die zentralen Fragen der Bildungszukunft in Nordrhein-Westfalen.

Ansprechpartner

LEiS-NRW e. V.

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