Gastbeitrag

Bildungspolitik und Schule: Acht Hürden, die Homeschooling verhindern

Verlängerte Schulferien, Schulschließungen und Distanzunterricht in allen Bundesländern erfordern endlich funktionierende Digitalisierungskonzepte. Allzu oft scheitert deren Umsetzung jedoch an bürokratischen Hürden.

19.01.2021 Bundesweit Artikel Helmut Poppe
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In den entscheidenden Phasen des Lernens wie Kognitivieren, Üben und Aufbereiten spielen digitale Lehr- und Lernverfahren ein großes Plus aus. Schaut man allerdings in die Schulen hinein, entstehen Zweifel, ob die Umsetzung auch stattfindet. Eine Studie des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft e.V., in der über 1000 Eltern befragt wurden, ergab, dass mehr als zwei Drittel der Eltern keine Verbesserung der digitalen Lehr- und Lernangebote in Schulen bemerken. Häufig bemängeln sie, dass die Kinder zwar in Distanzlernphasen mit Arbeitsblättern versorgt und die Aufgaben in eine Cloud gestellt werden, aber nur selten Videokonferenzen stattfinden, die zum Beispiel Simultanunterricht zwischen Schülern in der Schule und denen, die zuhause bleiben ermöglichen. Woher stammt diese Dysfunktionalität?

Ein Blick auf die einzelnen Entscheidungshierarchien zeigt, wo es hapert

Nummer 1: Die Kultusministerien übertragen die Auswahl der verwendeten Verfahren an die Schulen. Der Schulträger als Nummer 2 – sprich die Kommunen und Kreise – kümmern sich dabei um Infrastruktur und Hardware. Hier wurden in den letzten Monaten beachtliche Erfolge erreicht. Staatliche Schulämter als Nummer 3 sorgen für die rechtliche Absicherung, setzen allerdings auch gerne Personalentscheidungen in Sachen Digitalisierung durch. Sie befinden sich damit in dem Dilemma, mit dem sich die folgenden fünf Instanzen auseinandersetzen müssen: Didaktik und Methodik einzelner Unterrichtsfächer ins Digitale übersetzen „können“ bisher nur die wenigsten Lehrer. Sie sind dafür bisher oft nicht ausgebildet.

Ausbildungsstätten wie Lehrerakademien, private Anbieter und auch Medienzentren als Nummer 4 in der Folge der Schaltzentralen sind ebenfalls besetzt von Fachlehrern, die möglicherweise digitale Lehrszenarien verstehen und einsetzen. Geht es aber um die weiteren 20 bis 25 fachfremden Fächer, müssen sie passen. Oft fehlt auch der direkte Kontakt pädagogischer Forschungsinstitute zu Schulen, auch wenn Bund und Länder mit der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ bereits seit 2013 daran arbeiten Schulen und Ausbildungslehrstätten stärker zusammenarbeiten zu lassen. So soll nicht nur der gesamte Prozess der Lehrerbildung verbessern werden, sondern auch das Studium, der berufliche Einstieg und die Weiterbildung an moderne Anforderungen angepasst werden.

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Nummer 5 sind die Schulleiter, die Handlungsanweisungen ihren Mitarbeitern geben. Sie befinden sich in einer ähnlichen Zwangslage und geben die Entscheidung über Wahl der Technik, der Einsatzverfahren, Apps und digitale Lehrwerksangebote an ihre Fachbereichsleiter ab. Diese müssen fast am Ende der Entscheidungsskala als Nummer 6 die Verfahren, Unterrichtsentwürfe und Technologien bei Fachkonferenzen vorstellen und den Kolleginnen und Kollegen empfehlen. Diese Empfehlungen sind wegen der pädagogischen Gestaltungsfreiheit jedoch keine verpflichtenden Vorgaben. So nutzten laut der International Computer and Information Literacy Study (ICILS) 2018 lediglich rund 23 Prozent der Lehrkräfte als Nummer 7 digitale Medien täglich im Unterricht. Der Weg Richtung E-Learning ist, wie man sieht, durch viele hierarchische Hürden versperrt.  Und auch die deutschen Schulbuchverlage als Hürde Nummer 8 nähern sich dem Thema nur zurückhaltend, zum Teil aus Furcht vor Raubkopien. 

Wer die hier einzelnen vorgestellten Entscheidungsträger durchzählt, wird die Erwähnung einer weiteren Entscheidungsstufe vermissen: Es liegt auch an den Eltern, zumal bei denen, die in ihren Berufen ‚Digital Change‘ betreiben, Schulen wirksame Impulse zu geben. Sie sind also nicht das 9. Rad am Wagen, sondern könnten verstärkt Druck auf die Verantwortungsträger ausüben.

Das digitale Nadelöhr: Behörden

Wenn es um Behörden geht, scheint es wohl ein gängiges Muster zu sein, dass nicht nur Schulen in der Digitalisierung weit zurückliegen. In Gesundheitsämtern kommen zur Nachverfolgung von Coronafällen weiterhin Faxgeräte zum Einsatz und nicht das "Sormas"-Verfahren, das einen erheblichen Sprung nach vorne bei der Identifizierung von Infektionsketten erlaubt. Wie in Gesundheitsämtern noch das Fax dominiert, bestimmt in den Schulen das  Arbeitsblatt und dessen händische Kontrolle das pädagogische Geschehen, mit dem Rotstift auf dem Ausdruck nach dem – immerhin – Herunterladen aus dem Netz. Allerdings liegt zwischen Ländern und Gesundheitsämtern nur eine Entscheidungsebene, bei digitaler Bildung sind es acht. 

So stellt sich die Frage, ob es nach der Coronakrise in den Schulen wieder auf den Status quo ante weitergehen wird oder ob die Chance genutzt worden sein wird, tiefer in das neue Setting digital gestützten Lernens einzutauchen? Gut möglich ist auch, dass die  großen Technologie-Konzerne wie Google und Amazon uns in Sachen E-Learning rechts überholen. Bereits erlauben Spracherkennung, Sprachsynthese und künstliche Intelligenz neue Paradigmen für Lehre und Unterricht. Sie nehmen in der Berufswelt Einzug. Deep Data ermöglicht tiefgehende Analysen von Lernprozessen und wird ganz nebenbei von diesen US-Internetkonzernen eingesetzt. Lehre und Lernen sind ein uraltes Thema, das die Menschheit seit vielen tausend Jahren beschäftigt. Kommt es zu einer digitalen Machtübernahme? Dies ist in Deutschlands Schulen zwar nur schwer vorstellbar. Die Datenschutzbestimmungen schließen dies weitgehend aus. Doch kann man trotzdem von den Internetriesen lernen. Eigentlich eine ideale Aufgabe für das Biotop SCHULE.



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