Boom auf privatem Bildungsmarkt stoppen
Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat an die Staatsregierung appelliert, öffentliche Schulen bestens auszustatten. Nur so könne der Trend vieler Eltern gestoppt werden, ihre Kinder bewusst in die Obhut privater Bildungseinrichtungen zu geben.
21.10.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.Der kommerzielle Bildungsmarkt ist in den vergangenen Jahren angeschwollen - so wird in Bayern mittlerweile jede fünfte Schule nicht mehr von der öffentlichen Hand getragen. "Private Bildungseinrichtungen wie Schulen, Kindertagesstätten oder Hochschulen sind in der Regel gut ausgestattet. Die attraktiven Angebote können sich aber nur die leisten, die sie auch bezahlen können", sagte Wenzel und warnte davor, dass die damit verbundenen Aus- und Abgrenzungstendenzen das Konfliktpotential einer Gesellschaft befördern könnten. Zumal - gerade auch in Bayern - die Bildungsungerechtigkeit wachse. Das habe erneut der kürzlich veröffentlichte IQB-Ländervergleich 2012 in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern belegt. Auch die Sozialsysteme würden unnötig belastet. "Die Entwicklung muss gestoppt werden", verlangte Wenzel. "Wir brauchen überall in Bayern qualitativ hochwertige öffentliche Bildungseinrichtungen, die allen zugänglich sind." Gute Bildung dürfe nicht vom Geldbeutel abhängen.
Eltern würden vielfach erhebliche finanzielle Belastungen auf sich nehmen und sich bewusst gegen das öffentliche Schul- und Bildungswesen entscheiden. "Die Gründe für diesen besorgniserregenden Trend müssten die Staatsregierung alarmieren", erklärte der BLLV-Präsident heute in München. Viele Eltern seien der Meinung, dass kommerziell ausgerichtete Einrichtungen besser ausgestattet und die Angebote attraktiver seien, die Heranwachsenden würden zudem besser gefördert. "Gute Bildung darf aber nicht vom Geldbeutel abhängen." Die Gefahr sei zudem groß, dass öffentliche Bildungseinrichtungen von privaten nach und nach abgehängt würden.
Beispiel Schule: Private Schulen punkten mit bestens ausgestatteter Ganztagsbetreuung, modernen Unterrichtsmethoden und guter personeller Versorgung. "Davon können öffentliche Schulen nur träumen", sagte Wenzel, denn dort seien die Lern- und Arbeitsbedingungen vielfach deutlich schlechter.
Auch wenn der Kultusminister ein "bayerisches Bildungsparadies" beschwöre, reichten die Lehrer an vielen Schulen nicht aus. So müssten auch in diesem Schuljahr wieder Referendare, Studenten und Pensionisten aushelfen, den Unterrichtsbetrieb zu sichern. Erneut müssten Lehrkräfte vor Ort nach Möglichkeiten suchen, um die dringend notwendige individuelle Förderung anbieten zu können, weil die Ressourcen fehlten. "Es fehlen auch Stunden für Arbeitsgemeinschaften, zusätzliche Angebote, kleinere Klassen und Gruppen. Dies gilt insbesondere für Realschulen, belastet aber grundsätzlich alle Schularten." Hinzu komme, dass viele schul- und bildungspolitische Fragen offen seien, etwa , wie der Inklusionsgedanke umgesetzt werden könne, wann und wie die Ganztagsbetreuung ausgebaut werde, wie die Qualität des bayerischen Gymnasiums gesichert werden könne, die Lehrerbildung reformiert, neues Lernen etabliert und auf Veränderungen der Schullandschaften reagiert werde.
Ähnlich sei die Situation an den Universitäten und Hochschulen, aber auch in Kindergärten und Kindertagessstätten: "Auch hier punkten in der Regel die privaten Anbieter, während die Situation an den öffentlichen Einrichtungen vielfach von Mangelverwaltung geprägt ist." Der kürzlich von den Universitätspräsidenten an den neuen Kultus- und Wissenschaftsminister versandte Brandbrief zeige deutlich, wie groß die Not sei. Die Unterzeichner fordern Milliardeninvestitionen, um mit der nationalen und internationalen Konkurrenz mithalten zu können.
Die Antwort auf diese Herausforderung dürfe jedenfalls nicht sein, dass mehr und mehr private Einrichtungen die Hausaufgaben der Politik erledigten und die öffentlichen Bildungseinrichtungen das Nachsehen haben, stellte Wenzel klar.
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