Lernen und Handeln in der digitalen Welt

Commerçon zum IT-Gipfel: Digitalisierung ist mehr als Technik

Bildungsminister Ulrich Commerçon hat in seiner Rede zur Eröffnung des Auftaktprogramms zum IT-Gipfel 2016 davor gewarnt, bei der Digitalisierung von Bildung zu sehr auf technische Aspekte zu setzen.

17.11.2016 Saarland Pressemeldung Ministerium für Bildung und Kultur Saarland
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„Technische Innovation macht alleine noch keinen gesellschaftlichen Fortschritt aus. Es geht vielmehr um einen souveränen Umgang mit Digitalisierung und um den altersgerechten Kompetenzerwerb. Vor allem Bedarf es aber einer digitalen Bildung, die Werte der Aufklärung und des Humanismus vermittelt“, so Commerçon.

Neben der Technik sollten Funktionen, Strukturen, aber auch gesellschaftliche Auswirkungen digitaler Medien viel stärker thematisiert werden als bisher: „Das sind Aufgaben, derer sich auch die Schulen annehmen müssen. Aber nicht nur und schon gar nicht alleine. Das ist eine Aufgabe der gesamten Zivilgesellschaft.“

Im Hinblick auf Kooperationen von Schulen mit der Wirtschaft mahnte der Minister ein Zusammenwirken „auf Augenhöhe“ an. Es gebe im Saarland vielfältige Kooperationen mit Wirtschaft, Verbänden und Kammern, wenn dies pädagogisch und konzeptionell geboten sei. „Was aber nicht geht: dass IT-Konzerne ausschließlich unter dem Vorwand der ‚digitalen Bildung‘ einen Zugang zum ‚Markt Schule‘ erhalten. Schulen sind keine Unternehmen und kein Markt. Sie sind Lebens-, Lern- und Handlungsort. 

Sie dienen der Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder und Jugendlichen, die möglichst selbstbestimmt ihren Lebensweg finden sollen – und eben nicht gesteuert von wirtschaftlichen Interessen Dritter.“

Die Rede im Wortlaut:

Meine Damen und Herren,

auch von mir ein herzliches Willkommen hier im Saarland – in der Landeshauptstadt Saarbrücken – zum Auftaktprogramm des Nationalen IT-Gipfels 2016, der unter dem Motto „Lernen und Handeln in der digitalen Welt“ steht und sich vor allem den Anforderungen an die Bildung im digitalen Zeitalter widmet.

Im Vorfeld des Gipfels war viel von Technik, von technischer Ausstattung und von „Leuchttürmen“ die Rede. Um das Phänomen der Digitalisierung begreifen und ihre Bedeutung für die Zukunft der Bildung richtig einschätzen zu können, greift mir diese Sichtweise deutlich zu kurz. Wir müssen unseren Blick weiten:

Der digitale Wandel durchdringt nahezu alle Bereiche unseres Lebens und er hat bereits in beträchtlichem Maße auch zur Veränderung unserer privaten Kommunikations- und Lebensgewohnheiten beigetragen. Persönliche Herausforderungen erneuern sich ebenso wie berufliche Anforderungen. Diese Entwicklung wird auch in Zukunft voranschreiten. Sie erfasst grundlegende gesellschaftliche Fragestellungen:

  • Wie kommunizieren wir?
  • Wir bilden wir uns, wie arbeiten und wirtschaften wir?
  • Bis hin zu den Fragen: Wie vollzieht sich politische Willensbildung?
  • Und: Wie gestalten wir unter diesen Bedingungen Freiheit und Demokratie?

Natürlich müssen wir technische Innovationen im Blick haben, sie fördern und dort, wo es sinnvoll ist – auch und gerade im Bildungsbereich – zum Einsatz bringen. 

Aber technische Innovation macht alleine noch keinen gesellschaftlichen Fortschritt aus. Es geht vielmehr um einen souveränen Umgang mit Digitalisierung und um den altersgerechten Kompetenzerwerb. Tatsächlich bedarf es vor allem einer digitalen Bildung, die Werte der Aufklärung und des Humanismus vermittelt. 

Nehmen Sie etwa die Kommunikation in den so genannten „Sozialen“ Netzwerken, die zunehmend verroht, radikalisiert und den politischen Diskurs nicht nur positiv beeinträchtigt. Nicht der Nutzer, sondern der Algorithmus entscheidet darüber, was angezeigt wird und was nicht. Viele Menschen sind quasi gefangen in einer Filterblase. Wollen wir das wirklich? Wie gewährleisten wir einen offenen Meinungsbildungsprozess – und wie verhindern wir die massive Beschädigung des öffentlichen Diskurses, der doch konstitutiv für unsere liberale Demokratie ist?

Neben der Technik müssen wir also Funktionen, Strukturen, aber auch gesellschaftliche Auswirkungen digitaler Medien sehr viel stärker thematisieren als bisher. Das sind Aufgaben, derer sich auch die Schulen annehmen müssen. Aber nicht nur und schon gar nicht alleine. Das ist eine Aufgabe auch für die gesamte Zivilgesellschaft. Und ich wäre wirklich sehr froh, wenn der Nationale IT-Gipfel auch für diese und ähnlich gelagerte Fragestellungen wichtige Impulse liefern könnte.

Im Zuge der Neuausrichtung des IT-Gipfels im vergangenen Jahr wurde zum Ziel erhoben, dass gesellschaftliche Gruppen aus Wirtschaft, Gewerkschaften, Verbänden und Politik sich zur Umsetzung des Gipfelprozesses „auf Augenhöhe“ begegnen können sollen. Das ist richtig. 

Ich füge hinzu: Es geht vor allem Anderen auch um Nachhaltigkeit. Ohne eine nachhaltige Unterrichts- und Schulentwicklung mit einer bestmöglichen individuellen Förderung unserer Kinder und Jugendlichen werden wir das digitale Lernen, bei dem der Kompetenzerwerb genauso wie die Art des Lehrens im Mittelpunkt stehen, nicht implementieren können. 

Darauf liegt hier im Saarland hauptsächlich unser Blickwinkel. Etwa mit dem Projekt für individuelle Lernbegleitung an unseren Gymnasien, das Lehrkräften und Schulleitern auch den plattformgestützten Austausch ermöglicht.

Darüber hinaus stellen wir ein Landeskonzept zur Medienbildung öffentlich zur Diskussion, das Strategien vorstellt,

  • wie Medienbildung und Medienkompetenz innerhalb der schulischen Bildung strukturell gestärkt und weiterentwickelt, und
  • wie sie verbindlich in alle Phasen der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte integriert und
  • wie sie integrativer Teil der Curricula aller Fächer werden kann. 

Schulen brauchen ein medienbezogenes Schulentwicklungskonzept und digitale Bildungsmedien, die Lehrerinnen und Lehrer auch selbst verändern und anpassen können. Und natürlich brauchen sie eine IT-Infrastruktur und Ausstattung, mit der das alles gemacht werden kann. Das ist unser tägliches Brot in den Bundesländern und alle Länder sind dabei, ähnliche Maßnahmen zu planen und umzusetzen. 

Im Umfeld dieses IT-Gipfels werden Ihnen auch besonders gute Beispiele für digitale Bildung an Schulen präsentiert: Smart-Schools, das Projekt Calliope und anderes mehr. Das ist auch gut so. Denn vielerorts sind Schulen weiter als viele denken.

Aber ich mache mir nichts vor: Die „Karawane IT-Gipfel“ wird weiterziehen. Das Scheinwerferlicht wird wieder ausgeknipst werden. Es wird darauf ankommen, dass die Schulen ihre Arbeit kontinuierlich weitermachen können. Und das wird wieder reichlich unspektakulär. Aber es wird dann auf die vorhin zitierte „Augenhöhe“ ankommen – und zwar auf allen Ebenen. 

Wir kooperieren hier im Saarland in vielfältiger Weise auch mit der Wirtschaft, mit den Verbänden und Kammern, wenn es uns pädagogisch und konzeptionell geboten scheint. Was aber nicht geht: dass IT-Konzerne ausschließlich unter dem Vorwand der „digitalen Bildung“ einen Zugang zum „Markt Schule“ erhalten. 

Schulen sind keine Unternehmen und kein Markt. Sie sind Lebens-, Lern- und Handlungsort. Sie dienen der Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder und Jugendlichen, die möglichst selbstbestimmt ihren Lebensweg finden sollen – und eben  nicht gesteuert von wirtschaftlichen Interessen Dritter.

Das Prinzip „Augenhöhe“ gilt aber auch für den Umgang innerhalb der Politik. Deshalb habe ich mit großem Interesse – und ja, auch mit Freude – vernommen, dass der Bund über seinen groß angekündigten „Digitalpakt“ seiner gesamtstaatlichen Verantwortung für die Bildung und die zeitgemäße Bildungsinfrastruktur wieder gerecht werden will.

Und jetzt wird nach einer Möglichkeit gesucht, das Vorhaben grundgesetzkonform zu gestalten. Anstatt kleinteilig vorzugehen, gibt es eine verblüffend einfache Lösung: Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern muss abgeschafft werden. 

Meine Damen und Herren,

zusammenfassend: Digitalisierung darf gerade im Bildungsbereich nicht nur unter technischen Aspekten betrachtet werden. Es geht auch darum, ob unsere Kinder und Jugendlichen auch in Zukunft ihren Weg gehen können. Frei und selbstbestimmt. Ich wünsche mir, dass der IT-Gipfel 2016 uns allen in diesem Sinne bei der Gestaltung des „Handelns und Lernens in der digitalen Welt“ wertvolle Impulse liefert.


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