Schulentwicklungsexperte

"Dass es Sitzenbleiben noch immer gibt, ist skandalös"

(red/idw) Die Diskussion über Vor- und Nachteile von Gemeinschaftsschulen kocht immer noch heftig. Der Schulentwicklungsexperte Prof. Dr. Thomas Götz warnt jetzt vor einer zu schnellen Einführung der Gemeinschaftsschule: "Das G8 hat gezeigt, was es bedeutet, Schulreformen überstürzt einzuführen", sagt der Bildungsforscher. Klar äußert sich der Wissenschaftler zur geplanten Abschaffung des Sitzenbleibens in der Gemeinschaftsschule: "Dass es das Sitzenbleiben noch immer gibt, ist unglaublich und fast schon skandalös."

21.11.2012 Artikel
  • © Universität Konstanz

"Die Chancen bei der Einführung der Gemeinschaftsschule sehe ich darin, dass sie unsere Schullandschaft erweitern und bereichern und Innovationspotential im Umgang mit Heterogenität haben kann", sagt der erfahrene Wissenschaftler. "Da Individualisierung auch bei anderen Schulformen wichtig ist, können die in Gemeinschaftsschulen entwickelten und implementierten Konzepte zum Teil auch dort umgesetzt werden." Weiter ist sich der Wissenschaftler sicher, dass an Gemeinschaftsschulen verstärkt gemeinsame Lernerfahrungen von Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Milieus gemacht werden können.

Der Bildungsforscher möchte gleichzeitig nicht verschweigen, dass die Gemeinschaftsschule einige Risiken berge. Lehrkräfte müssten auf diese neue Schulstruktur intensiv vorbereitet werden, fordert Thomas Götz. Ein weiteres Problem seien die räumlichen Ressourcen, die unbedingt vorhanden sein müssten. Und: Die Einführung der Gemeinschaftsschule müsse intensiv evaluiert werden, "so dass wir auch empirisch sagen können, welche Vor- und Nachteile sie gegenüber anderen Schulformen hat", sagt der Wissenschaftler.

Die im Zusammenhang mit den Gemeinschaftsschulen geplante Abschaffung des Sitzenbleibens hält Thomas Götz für überfällig: "Dass es das Sitzenbleiben noch immer gibt ist unglaublich und fast schon skandalös. Wenn ein Schüler in einem Fach nicht ausreichende Leistung zeigt, muss er alle anderen Fächer ein ganzes Jahr wiederholen, in denen er eventuell gute oder sogar sehr gute Leistungen erzielt hat. Hier müssen Frühwarnsysteme eingebaut werden. Zum Beispiel sollten gefährdete Schülerinnen und Schüler rechtzeitig zusätzlich gefördert werden – durchaus auch in den Ferien."

Thomas Götz ist Inhaber der Brückenprofessur für Empirische Bildungsforschung an der Universität Konstanz sowie an der Pädagogischen Hochschule Thurgau (PHTG), Schweiz, und arbeitet als Experte an der Schulentwicklung in Konstanz mit.

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