Der Krieg gegen die Ukraine – in Kita und Grundschule
Ein fünfjähriges Kind habe plötzlich beim Frühstück gefragt, ob sie das schon mitbekommen hätten, „mit dem Krieg und den Panzern, wo alles explodiert“? Auf einer Zoomveranstaltung am 2. März berichtet eine Erzieherin von dieser Frage und fügt hinzu, es habe sie schockiert, dass ein fünfjähriges Kind anscheinend weiß, was Krieg bedeutet.
11.04.2022 Bundesweit Artikel Mercedes Pascual Iglesias380 pädagogische Fachkräfte hatten sich zu einem Austausch eingefunden, zu dem die Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung in Kooperation mit der Chancenwerkstatt für Vielfalt und Teilhabe kurzfristig eingeladen hatte. Das Interesse, darüber nachzudenken, wie in Kita und Grundschule der Krieg in der Ukraine besprochen werden kann, war riesig.
Hierzulande hören und sehen manche Kinder zum ersten Mal etwas über einen Krieg und seine tödliche Gewalt. Andere Kinder mussten selber schon den Krieg erleben und fliehen, wieder andere haben Angehörige, die in Kriegsgebieten wie im Jemen, in Afghanistan oder Syrien oder auch der Ukraine leben und kennen die Angst um das Leben ihrer Familie. Manche Kinder haben auch Verwandte in Russland, von denen manche für und wieder andere gegen den Krieg in der Ukraine sind.
Kinder sind auch in dieser Situation auf Erzählungen, Einordnungen und Sichtweisen ihrer erwachsenen Bezugspersonen, ihrer Eltern, ihrer Freund*innen und der Medien angewiesen. Die Erwachsenen sollten dabei bedenken, so Petra Wagner, Leiterin der Fachstelle, dass „Erwachsene den Krieg führen. Und es verunsichert Kinder, wenn sie mitbekommen, dass Erwachsene etwas Schlimmes tun.“ Hier sei von Anfang an Selbstreflexion gefordert, ein „adultismuskritischer Blick“, der die Machtposition der Erwachsenen und ihre Verantwortung eingestehe.
Ihr Team habe, obwohl die Kinder den Krieg noch nicht angesprochen hätten, eigene Überlegungen gehabt, erzählt Petra L. „Wir haben uns gefragt, ob wir eine Hilfsaktion für geflüchtete Ukrainerinnen und ihre Kinder machen sollen und aus einer solidarischen Perspektive den Krieg anschauen. Aber wenn wir so eine Aktion machen, holen wir das Thema ja wirklich für alle ins Haus. Macht das wirklich Sinn? Und wie macht es Sinn?“
„Kinder, die selbst vor Krieg geflohen sind, erinnern sich an ihre Geschichte“, berichtet die Kitaleiterin Antje S., deren Teamkollegin im Krieg ihr Land verlassen musste. „Kinder, die im Sommer eingeschult werden, erzählen, wie es bei ihnen war: “Wir hatten ein Haus, wir hatten einen Garten, wir haben mit Opa und Oma zusammengelebt und dann kam die Bombe und alles war kaputt.‘ Das macht auch was mit meinen Kolleg*innen, und ich habe die Sorge vor einer Retraumatisierung der Kinder.“ Denn Ziel sei doch, die Kita zu einem sicheren Ort für alle Kinder zu machen. Und nicht zu einem, in dem sich Ängste unvorbereitet und ungebremst ausbreiten.
Es sei deshalb wichtig, so erläutert Sibylle Rothkegel, sich mit dem Thema Kinderängste zu befassen. Die erfahrene Psychologin hat in Berlin in den 1990er Jahren ein Behandlungszentrum für Folteropfer mit aufgebaut und viele Jahre in Kriegs- und Krisengebieten wie in Bosnien, im Kosovo, in Sierra Leone, in Palästina und in anderen arabischen Ländern gearbeitet.
Ängste ernst nehmen
Sie kennt Kinder in vielen verschiedenen Lebenslagen und hat einen umfassenden Blick auf die Situation und die Ängste von Kindern in hiesigen Kitas. Kinderängste und auch unsere Ängste als Erwachsene, so ihr Credo, müssten angenommen werden, sie seien eine normale Reaktion auf eine bedrohliche Situation. Die Kinder müssten von den Erwachsenen unterstützt werden, damit sie mit ihren Ängsten umzugehen lernen und widerstandsfähiger gegen ihre vernichtende Kraft werden.
Ängste entstünden bei den Kindern nicht nur durch eigene, sie belastende Lebensumstände. Auch Ereignisse, die sie über Medien und Gespräche mitbekommen, ängstigen sie besonders dann, wenn auch ihre Eltern beunruhigt sind. Schon im Mutterleib können sich Ängste auf Kinder übertragen, im jungen Alter gilt das umso mehr. Manche Ängste, die Kinder wegen des Krieges in der Ukraine haben, seien außerdem Aktualisierungen früherer traumatischer Erlebnisse.
Kinder seien aufmerksame Beobachter, auch wenn sie häufig erst zeitversetzt reagierten. Meist komme mehr bei ihnen an, als Erwachsene vermuten, sagt die Psychologin: „Sie sehen weinende Menschen im Fernsehen, sie sehen Grausamkeiten. Sie sehen, dass Menschen in den U-Bahnen übernachten, oft beschäftigt sie, dass Haustiere dabei sind. Das alles rotiert im Kopf der Kinder und es entstehen Bilder.“ Wenn Kinder Fragen stellen, ist das gut und wichtig. Ihre Nachfragen sind fast wichtiger als unsere Antworten, erklärt Rothkegel. „Was weiß das Kind schon und besonders woher? Ist in der Familie darüber gesprochen worden, hat es sonst woher etwas aufgeschnappt? Vieles verarbeiten sie in fantasievollen Träumen und können, wenn sie sehr jung sind, noch nicht unterscheiden, was Traum war und was sie wirklich gesehen haben.“ Ihr Rat lautet deshalb, jede Äußerung über Angst ernst zu nehmen; nachzufragen, was genau Angst macht und auf keinen Fall den Satz zu benutzen: „Du brauchst keine Angst zu haben“. „Natürlich ist ein Krieg beängstigend und wenn wir ehrlich sind, er ängstigt auch uns“.
Einen guten Weg hat Daniel K. in der ersten Kriegswoche beim gemeinsamen Frühstück in der Kita gefunden. „Ein Junge hat mit dem Thema angefangen und sehr genau nachgefragt, ob wir auch Bescheid wissen, wo das ist und wer da angreift. Dann wurde es beim Frühstück ein sehr intensives Gespräch über den Krieg und was das überhaupt ist. Für manche ist der Krieg sehr abstrakt, manche hatten klare Bilder. Wir haben überlegt, was wir machen können, und wir Erwachsenen haben vorgeschlagen, einen Brief zu schreiben. Wir haben uns mit den Kindern, die wollten, zusammengesetzt, und haben einen Brief an Putin verfasst, in dem die Kinder gesagt haben, was sie blöd finden. Wir haben auch mit ihnen zusammen überlegt, welches Ventil man für den Frust finden kann. Das war am Freitag. Heute kam das Thema nicht mehr auf.“
Wie Kinder auf belastende Ereignisse reagieren, hängt stark von ihrer eigenen Persönlichkeit ab, von möglichen Rollenmodellen, von ihrem Alter und ihrer sprachlichen und emotionalen Entwicklung. Deshalb sei es in der Kita und der Grundschule notwendig, neben gruppenbezogenen Aktivitäten (beispielsweise Wie streiten wir untereinander?) auch individuell auf Kinder einzugehen.
Eine realistische Einschätzung der Kriegssituation ist für junge Kinder überhaupt nicht möglich, erklärt Sibylle Rothkegel. Es fehlt nicht nur die Erfahrung, sondern sie können im Kitaalter nicht abstrahieren und in Wahrscheinlichkeiten denken. Wenn Ängste sie erfassen, werden sie leicht davon überschwemmt. Eltern und andere Bezugspersonen müssten sich dann ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. „Wenn Kinder von Bildern, Ängsten und möglichen Gefahren überrollt werden, ist es wichtig, diese Gefahren in realistische Bezüge zu setzen. Wichtig ist, dass wir uns als Erwachsene eigene Reflexionsräume schaffen, in denen wir uns mit anderen Erwachsenen über unsere Ängste austauschen, damit wir sie nicht ins Gespräch mit den Kindern einbringen. Wir können zeigen, dass es uns betroffen macht, wenn Erwachsene es soweit kommen lassen und dass wir Krieg auf jeden Fall schrecklich finden. Aber wir dürfen uns nicht vor den Kindern von unseren Ängsten leiten lassen.“
Dieser Beitrag erschien zuerst in "Vielfalt – Das Bildungsmagazin". Die vollständige Version finden Sie hier (S.3-8).
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