Schulwechsel

Der schwierige Schritt nach der Grundschule

(az) Der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I ist heikel. Schulübergreifende Konferenzen erleichtern den Austausch über ungleiche Kompetenzen der Kinder, wie ein Beispiel aus Bitburg zeigt. Doch Forscher raten, sie sogar am Übergangsprozess zu beteiligen.

13.04.2012 Artikel

Eigentlich schreiben alle Kinder zum Ende der vierten Klasse in einer gut lesbaren, verbundenen Handschrift aus bekannten Geschichten wie zum Beispiel die "Die kleine Hexe" fehlerfrei ab. Sie erkennen grundlegende Regeln der Rechtschreibung wieder und nutzen Wörterbücher, um ihren Text zu korrigieren. Sie können auch einen kurzen informierenden Text inhaltlich und strukturell erfassen. Geht es nach den Bildungsstandards, welche die Kompetenzbereiche in Deutsch, wie beispielsweise "Sprechen und Zuhören", "Schreiben" oder "Lesen" länderübergreifend definieren, sollten Viertklässler mit der Rechtschreibung in der Regel keine Probleme haben.

Mit den tatsächlichen Kompetenzen der Grundschüler an der Schwelle zur Sekundarstufe I verhält es sich indes anders. Zumindest, was die Rechtschreibung anbelangt. "Das Schreiben von Texten und sogar das Abschreiben gestaltet sich allgemein als schwierig. Die Rechtschreibung ist ein großes Problem", sagt Waltraud Kruppert, Konrektorin der Bischöflichen Grundschule St. Matthias in Bitburg. Während Lehrer in einigen Grundschulen der Stadt noch Diktate schreiben ließen, entfällt diese Übung in anderen. Die Folge: "Die Kompetenzen der Kinder im Diktatschreiben und der Rechtschreibung sind sehr unterschiedlich", erläutert Kruppert. Die "kleine Hekse" wäre darüber wenig erbaut.

Ungleichmäßige Rechtschreibfähigkeiten

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommen auch die Lehrer weiterführender Schulen in Bitburg. Die Kompetenzen der Grundschüler in Deutsch sind weit gespreizt. "Sie reichen bei uns vom Niveau des Förderschülers, Hauptschülers bis hin zum Realschüler", bestätigt Franz Josef Becker, Leiter der St.-Matthias-Hauptschule Bitburg. "Einige Schüler haben eine tadellose Rechtschreibung, andere können wir ohne Unterstützung ihrer Eltern kaum noch auffangen. Und nicht wenige bekommen Nachhilfe in Deutsch", so Becker. Auch dem pädagogischen Koordinator der Realschule plus in Bitburg, Andreas Blitsch, sind die Unterschiede der Schüler in der Beherrschung der deutschen Sprache nicht verborgen geblieben. "Ganz klar, bei der Rechtschreibung gibt es Mängel. Aber viele Schüler mit Rechtschreibproblemen verfügen dennoch über einen großen Wortschatz, können fantasievolle Geschichten zu Papier bringen und sehr gut Texte präsentieren", so der Pädagoge. Schüler, die bei der Kompetenz "Richtig schreiben" keine gute Figur machen, stehen möglicherweise bei anderen Kompetenzen der deutschen Sprache wiederum besser da.

Um den Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I abzufedern, wird in der Realschule plus die Note für Rechtschreibung im Kompetenzfeld "Texte verfassen" in den fünften und sechsten Klassen nicht gewertet – ähnlich halten es die Grundschulen, damit Kinder mit Rechtschreibproblemen nicht benachteiligt werden. "Die Kinder können so ihre Ideen angstfrei zu Papier bringen, denn für uns hat es Priorität, dass sie sich erst einmal kreativ ausdrücken", so Blitsch. In Bitburg nimmt man den Übergang ferner dadurch in den Blick, dass sich Lehrer von sieben staatlichen und drei privaten Schulen regelmäßig über den Stand der Kompetenzen in den Kernfächern informieren. Das Zauberwort lautet: Kooperation.

Schulübergreifende Konferenz in Deutsch

Bei der jährlich stattfindenden Fachkonferenz in Deutsch beschäftigen sich die Lehrer der allgemein bildenden Bitburger Schulen eingehend mit den Rechtschreibkompetenzen der Grundschüler und können so gemeinsam überlegen, wie sie mit den heterogenen Kenntnissen und Fähigkeiten der Schüler hinsichtlich der deutschen Sprache pädagogisch sinnvoll umgehen. Hier haben ahnungslose Grundschullehrer auch erfahren, dass an weiterführenden Schulen doch noch Diktate geschrieben werden, und richten sich nun in ihrem Unterricht danach. Doch die Kooperation geht über die Besprechung fachlicher Kompetenzen hinaus.

So werden laut Ursula Hengels, Leiterin der Grundschule Bitburg-Nord, in ihrer Schule regelmäßig Elternabende organisiert, um über die unterschiedlichen Bildungsgänge zu informieren. In Bundesländern mit stark gegliederten Schulsystemen ist dies eine Notwendigkeit. "In Sachsen müssen Eltern nur zwischen Grundschule und Mittelschule wählen, in Rheinland-Pfalz unter insgesamt sechs Schulformen", erläutert Kai Maaz, Bildungswissenschaftler von der Universität Potsdam. Die Realschule plus, die mehrere Bildungsgänge zusammenfasst, und das Schulzentrum mit den bischöflichen Schulen in Bitburg, haben es dabei leichter, eng miteinander zu kooperieren.

"Feste Kooperationsformate etablieren"

Schulbörsen zur Information über Bildungsgänge, Elternabende, ältere Schüler als Paten für jüngere, gegenseitige Hospitationen von Lehrern – vieles wird praktiziert, damit aus dem Übergang keine böse Überraschung wird. Wichtig ist es in den Augen von Silvia Iris Beutel, Professorin für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der TU Dortmund, feste Kooperationsformate zu etablieren, die Pädagogen der abgebenden und aufnehmenden Schulen am besten gemeinsam entwickeln. "Ideal ist es, gemeinsame Entwicklungsthemen zu verabreden, beispielsweise den Umgang mit Vielfalt oder Diagnostik und individuelle Förderung." Dabei habe es sich bewährt, mit einem Blick aufeinander und nicht übereinander die Themen des Übergangs zu besprechen, denn nur ein Lernen, das die Perspektive der Mitlernenden integriert, sei erfolgreiches Lernen.

Dementsprechend seien Instrumente zeitgemäß, welche Kinder bei der Gestaltung des Übergangs beteiligen, etwa die Arbeit an Lerntagebüchern über verschiedene Schulformen und Jahrgangsstufen hinweg. Denn diese enthielten wichtige Mitteilungen über den Entwicklungsstand der Lerner, die bei der täglichen Wahrnehmung angesichts großer Klassen verloren gehen könnten, so Beutel. Übergangsschwierigkeiten wegzuhexen, nur um zu den "Großen" zu gehören, wäre jedenfalls keine gute Alternative.

Kompakt

Um den Übergang auf die weiterführende Schule sicher zu gestalten, muss vor allem die Kommunikation zwischen den Schulen stimmen. Bewährt haben sich Börsen, bei denen sich weiterführende Schulen der Region in der Grundschule präsentieren, Patenschaften zwischen Schülern von Grund- und Sekundarschulen sowie gegenseitige Hospitationen von Lehrern.

Erstveröffentlichung Klett Themendienst Schule Wissen Bildung 2/2012 | Nr. 56


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