didacta 2008: "Kinder brauchen Lesebücher!"
Kinder lesen wieder! Vielleicht sogar mehr denn je. Jede Schule hat ihre Bibliothek, jedes Klassenzimmer sein Lektüreregal. Welche Bedeutung kommt den klassischen Lesebüchern in der Grundschule noch zu? Was lesen Kinder wirklich gerne? Ein Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin und BAUSTEINE Lesebuchredakteurin Dr. Birgit Waberski auf der didacta 2008 in Stuttgart.
26.02.2008 PressemeldungWie stellt sich die Lese-Situation von Grundschulkindern heute dar?
Birgit Waberski: Es ist sicher insgesamt eine positive Entwicklung zu verzeichnen. Die jüngst erschienenen Ergebnisse der neuen Grundschulleseuntersuchung IGLU 2006 bestätigen das. Die Lesekompetenz der Grundschulkinder ist in den vergangenen fünf Jahren weiter gestiegen, auch Jungen haben aufgeholt (wenn sie auch noch hinter den Mädchen zurückliegen). Es gibt flächendeckend mehr Klassen- und Schulbibliotheken, deren Ausstattung mit Büchern deutlich umfangreicher geworden ist. Über die Hälfte der Viertklässler greifen auch in ihrer Freizeit täglich oder nahezu täglich zum Buch. Diese Zahlen sind noch nicht zufrieden stellend, aber die Entwicklungen sind doch deutlich positiv zu werten.
Dazu kommt das Angebot der Kinderliteratur. Eine enorme Zahl vielfach ausgesprochen hochwertiger Literatur speziell für Kinder ist auf dem Markt und bedient, angefangen vom Bilderbuch bis hin zum Jungendroman, alle Altersgruppen. Kinderliteratur generell genießt heute einen hohen Stellenwert.
Wenn es Ziel der Leseförderung ist, dass Kinder und Jugendliche Bücher lesen sollen, dann ist dieses Ziel mit dem Kinderbuch als Klassenlektüre doch erreicht. Oder zumindest ist man ihm näher als mit der "Häppchenlektüre" von Kinderbuchauszügen, wie sie in Lesebüchern zu finden sind. Zugespitzt gefragt: Wenn Kinderbücher im Unterricht gelesen werden, warum braucht man dann noch Lesebücher?
Birgit Waberski: Weil leckere Häppchen Appetit auf mehr machen. Im Gegensatz zu manchen Lektüren, auf denen man zäh herumkaut. Gute Lesebücher sind Leseschatzkisten. Sie repräsentieren neben kindgerechten Klassikern die moderne Kinderliteratur ihrer Zeit und stellen sich in den Dienst didaktischer Anforderungen. Sie beinhalten für jeden Geschmack etwas und für jedes Anspruchsniveau. Jungen werden zum Beispiel bewusst in ihren Lesevorlieben gefördert, mit Themenkapiteln wie "Indianer" oder "Autos" und Gattungen wie Sach- und Informationstexten, schwächere Kinder mit lesetechnisch einfacheren, aber inhaltlich nicht banaleren Texten bedient.
Wie oft hat man schon gehört, dass Jugendlichen Bücher fast ausgetrieben worden sind, die sie als Klassenlektüre durchgenommen haben; natürlich kann das sein, weil der Unterricht nicht gut war, aber genauso, weil es für den Jugendlichen das falsche Buch zur falschen Zeit war oder schlicht, weil ihm dieses Buch nicht gefallen hat. Jugendlichen oder erwachsenen Lesern ist bewusst, dass es Unmengen von Büchern gibt, aus denen sie wählen können. Kindern aber, die am Anfang einer Lesebiografie stehen, soll doch zuallererst Einblick in den Reichtum der Bücherwelt gewährt werden. Die Lesebuchhäppchen können Verheißungen sein, sie sollen anregen, neugierig machen, einfach auffächern, was es alles gibt. Lesekompetenz manifestiert sich auch in der bewussten Entscheidung für ausgesuchte Bücher.
Welcher besondere Stellenwert kommt dabei dem BAUSTEINE Lesebuch zu?
Birgit Waberski: Das Besondere ist, dass es selbst wie ein Kinderbuch ist: Im Gegensatz zu anderen Lesebüchern verzichtet das BAUSTEINE Lesebuch auf jegliche schriftliche Aufgaben oder Handlungsanregungen im Buch. Dafür haben wir besonders viel Sorgfalt auf eine schöne Gestaltung und eine ansprechende Illustration gelegt.
Den Kindern begegnet Literatur so, wie sie vom Verfasser für die Kinder geschrieben worden ist, vermeintlich absichtsfrei und ohne die Fokussierung durch eine Aufgabe oder Anweisung. Die BAUSTEINE sind kein Arbeitsbuch, sondern ein Lesebuch, eine Anthologie, eine "Blütenlese" ansprechender Texte. Die Kinder erleben das freie Lesen als lustvoll, und der Griff zum Buch bleibt lebenslang positiv besetzt.
Ohne einen vorgegebenen Aufgabenrahmen beziehen die Kinder zur Identifikation einladende Texte spontan auf sich und übertragen sie leichter auf ihre eigene Situation. Die Funktion von Literatur als Trostspender oder als Lebenshilfe kommt unmittelbarer zum Tragen.
Im Unterricht kann dann auch sehr flexibel und situationsangepasst mit dem jeweiligen Lesetext umgegangen werden. Aber übrigens haben wir natürlich klare und strukturierte Anregungen für die Bearbeitung jedes Textes im Unterricht, einschließlich formulierter Aufträge an die Kinder. Diese stehen im Kommentar zum Buch für die Hand der Lehrerin.
Österreich hat den Erfolg dieses Konzepts im vergangenen Jahr bestätigt: den "Funkelsteinen", so heißen die BAUSTEINE in Österreich, wurde von Grundschulkindern der 1. Preis als "Buchliebling 2007" verliehen.
Birgit Waberski: Eine große Ehre, über die wir uns auch in Deutschland natürlich sehr gefreut haben! Mir hat einmal eine Mutter gesagt, ihre achtjährige Tochter nehme ihr BAUSTEINE Lesebuch abends mit ins Bett. Es gefalle ihr so sehr, gerade weil es "kein Schulbuch" sei. Ein schöneres Kompliment kann ich mir als Schulbuchredakteurin nicht vorstellen.
Artikel über die Buchlieblingverleihung
Zur Person
Birgit Waberski ist Literaturwissenschaftlerin und Grundschulredakteurin im Bildungshaus Schulbuchverlage. In ihrer redaktionellen Verantwortung liegt das "Bausteine" Lesebuch.
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