Gastbeitrag

Digital first und Mobil only: Die Corona-Welle reiten

Viele Akteure in Bildungseinrichtungen erleben gerade ein Déjà-vu. Digitalisten und Daten-Ökonomen nutzen die Corona-Pandemie, um ihre lange bekannten Digitalisierungsstrategien und darauf aufbauende Geschäftsmodelle zu propagieren.

03.04.2020 Bundesweit Artikel Prof. Dr. phil. Ralf Lankau
  • © Monkey Business - stock.adobe.com

Covid-19, geschlossene Kitas und Schulen und das dadurch notwendig gewordene, flächendeckende Home Schooling sind der aktuelle Anlass, Bekanntes zu preisen. Same procedure as every time. Dabei geht es um mehr als das Etablieren einer technischen Infrastruktur zur automatisierten Beschulung per (Bundes-)Schul-Cloud. Es geht um mehr als die bundesweite Standardisierung digitaler Testumgebungen für die empirische Bildungsforschung. Ziel ist die seit Jahren propagierte Ökonomisierung und Privatisierung auch des deutschen Bildungssektors. Die Praxis zeigt aber: Wir müssen Informationstechnologie (IT), Software und Netzstrukturen neu denken, bevor (!) sie in Schulen zum Einsatz kommen kann.

Argumente aus der Mottenkiste

Selbst entschiedene Gegner der Digitalisierung von Schule und Unterricht müssten dank Corona-Krise und geschlossener Schulen jetzt doch endlich das Potential von Digitaltechniken zur Beschulung erkennen, heißt es unisono bei den bekannten Anbietern von Clouddiensten und Lernplattformen, unterstützt von Vertretern der Presse. Zwar sei die technische Infrastruktur erst im Aufbau und stehe noch nicht flächendeckend zur Verfügung. Selbst da, wo Online-Systeme schon länger im Einsatz seien wie mit Mebis in Bayern oder (einem schnell aufgesetzten) Moodle in Baden-Württemberg, reichten die Kapazitäten bei weitem nicht – oder werden gleich von Hackern lahmgelegt. Aber das könne doch nur als Auftrag zu schnellerem Auf- und Ausbau der Netze verstanden werden. Die Schulpflicht bestehe schließlich weiter und zur Überbrückung seien Schulportale doch sinnvoll. Aktuell würden sogar viele der kostenpflichtigen Lernangebote für ein paar Wochen kostenlos zum Testen offeriert. Das sei die Gelegenheit, Online-Angebote auszuprobieren, ihren Nutzen zu erkennen und als Bestandteil von Schule und Unterricht zu etablieren, übrigens nicht nur in Schulen. Der Leiter eines Rechenzentrums einer staatlichen Bildungseinrichtung schwärmt: „das Schöne an dieser Situation ist, dass es für uns als Hochschule auch eine Riesenchance beim Thema Digitalisierung ist.“ Das BMBF verschickt am 26. März die dazu passende Pressemitteilung 036/2020: „Entschlossenes Handeln in der Krise! Digitalpakt-Mittel sollen unkompliziert Unterrichtsabsicherung in Corona-Zeiten unterstützen.“ 100 Millionen Euro aus dem DigitalPakt Schule stünden bereit für den schnellen Aufbau der Infrastruktur und die Ausweitung des digitalen Unterrichts.

Die vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMBF), mit 8 Mio. Euro finanzierte und vom Hasso-Plattner-Institut mitentwickelte HPISchul-Cloud wird von Frau Karliczek vorübergehend für all die Bundesländer freigeschaltet, die noch keine eigene Cloud-Lösung einsetzen (PM 037/2020). Der IT-Lobbyverband bitkom fordert begleitend eine bundeseinheitliche Lösung und stellt es als Ergebnis einer Schülerbefragung dar (bitkom 2020). HPIVorstand Christoph Meinel hatte diese Bundesschulcloud bereits 2017 (noch vor der Corona-Krise) in der FAZ als „Vision“ vorgestellt: eine bundesweite Cloud, die durch die Einbindung der Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen sogar zu einer Bildungscloud für alle Bürgerinnen und Bürger werden könnte. Das immer wieder bemühte Argument heißt Netzwerkeffekt und bedeutet: Je mehr Daten zentral gesammelt und ausgewertet werden, desto höher die Effizienz der automatisierten Datenverarbeitung (die sog. Künstliche Intelligenz). Nach IT-Systemlogik ist das korrekt. Nur sind Sozialsysteme keine IT-Systeme.

Ausgeblendet werden alle wissenschaftlichen Studien, die das Versagen von Digitaltechnik in Schulen und Hochschulen seit Jahren belegen (siehe u.a. Lankau 2019). Deren einhelliges Ergebnis: Digitaltechnik generiert weder Nutzen noch Mehrwert. Das heute übliche Hauptargument ist daher die „Lebenswirklichkeit der Kinder“. Entscheidend sind bekanntermaßen qualifizierte Lehrkräfte, ein gut strukturierter Unterricht und ein lernförderliches soziales Umfeld. Gerade für sozial Benachteiligte sind Schulen zudem sozialer Schutzraum.

Egal. Jetzt müssen alle zumindest bis Ostern oder bis zu den Sommerferien digital arbeiten. Dabei können das nur gut strukturierte und disziplinierte Schülerinnen und Schüler alleine. Für die dringend benötigte direkte Rückkopplung müssten Lehrkräfte auf die Rechner der Kinder zugreifen können (Fernzugriff; Remote Access), um nicht nur zu unterstützen, sondern auch kontrollieren zu können, ob die Kinder am Bildschirm sitzen und die Aufgaben machen anstelle der Geschwister oder Eltern. Das wäre aber Kontrolle, kein pädagogisches Handeln und zugleich ein Widerspruch zum notwendigen Vertrauen, das insbesondere für das sozial isolierte Lernen zwingend ist.

Egal auch, ob Schülerinnen und Schüler, ob Lehrkräfte und Eltern darauf vorbereitet sind oder nicht. Corona schafft Fakten. Das Thatchersche TINAPrinzip (There Is No Alternative) wird reanimiert, um gar nicht über Alternativen (analoge Angebote, nichtkommerzielle Lösungen mit Open Source) nachdenken zu müssen. Wie üblich bei Digitalisierungskampagnen für Bildungseinrichtungen wird weder zwischen Altersstufen, Schulformen, Fächern oder Sozialstruktur der Schülerschaft unterschieden: „One size fits all“ wird zu: „Eine Technik für alle wird es richten.“

Scheingefechte mit Schattengegnern

Konsequent werden altbekannte Scheingegnerschaften behauptet – Technikbefürworter gegen vermeintliche Technikgegner –, obwohl sich die Gegnerschaft nicht am Einsatz von analogen oder digitalen Medien oder dem Einsatz von Medientechnik im Unterricht entzündet. Gestritten wird darüber, ob Schülerdaten aufgezeichnet und nach den Vorgaben und Prämissen der Softwareanbieter in Datenbanken ausgewertet werden dürfen. Gestritten wird darüber, ob Bildungseinrichtungen ein weiteres Geschäftsfeld der Datenökonomie werden oder Schutzräume für Minderjährige bleiben, deren Lernbiographien und Entwicklungswege und Persönlichkeitsentwicklung nicht von IT-Monopolen verdatet werden dürfen. 

Die Gretchenfrage (Grunwald 2019) ist nicht, welche technische Codierung Medien haben, sondern: Was passiert mit den Daten? Wer steht hinter den Anwendungen, welche Konzerne und welche Geschäftsmodelle? Arbeiten im Netz generiert permanent Daten. Diese Nutzerdaten werden in Datensilos (Peter Ganten, zit. n. Knop 2018) gesammelt und mit Hilfe von Big Data ausgewertet. Bei Bildungseinrichtungen heißt dieses algorithmische Auswerten und Profilieren der Lernenden: Learning Analytics. Diese Daten über Lernverhalten sind dann die Grundlage für die datengestützte Schulentwicklung der empirischen Bildungsforschung. Aus Lernprozessen wird ein permanentes und kleinteiliges Vermessen. (Hartong 2019). Das Ziel ist, Lernprozesse computergesteuert (algorithmisch berechnet) zu optimieren. Aus Kindern und Jugendlichen vor dem Bildschirm werden Probanden zur Optimierung der Systeme.

In Folge entstehen vollautomatisierte Systeme zum Beschulen und Testen von (automatisiert prüfbaren) Lernergebnissen. Die Systeme seien einsatzbereit, erklärte Fritz Breithaupt, Professor in New York schon 2016, es fehlten nur die Freilandversuche. Der Digitalpakt Schule schafft dafür die Infrastruktur (Breitbandanschluss und WLAN in jedem Klassenzimmer), obwohl gerade Endgeräte zu Hause gebraucht würden, aber logisch ist derzeit wenig. Immerhin das Ziel ist klar: die netzbasierte und computergesteuerte De-Humanisierung von Schule und Unterricht (Lankau 2019).Über technische Alternativen für den Einsatz von Digitaltechnik an Schulen ohne Rückkanal für Schülerdaten wird nicht einmal diskutiert.

Politische Verantwortungslosigkeit

Schulen ans Netz war die Maxime von1996 bis 2012 (BMBF, Deutsche Telekom). WLAN für alle Schulen ist die Agenda heute. Der Slogan politischer Verantwortungslosigkeit dafür ist „Digital first. Bedenken second.“ Nur wer so technikgläubig und bar jeglichen technischen Sachverstands argumentiert, kann gleichzeitig und leichtfertig ganz Deutschland zur Beta-Republik ausrufen (67. Ordentlicher Parteitag der FDP, 23.-24. April 2016, Berlin). 

Lesen Sie hier auf S. 4 weiter. 



Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden