"Die Gemeinschaftsschule kann noch scheitern"
(red) Seit dem Schuljahr 2012/2013 gibt es in Baden-Württemberg Gemeinschaftsschulen. Nach rund 50 Jahren, in denen das dreigliedrige Schulsystem – zumindest von den Landesregierungen – nicht infrage gestellt wurde, eine kleine Revolution. Im Schuljahr 2013/2014 waren es bereits 129 Gemeinschaftsschulen und für das kommende Schuljahr liegen 108 weitere Anträge vor. Eine Erfolgsgeschichte also? Fragen dazu an Prof. Dr. Thorsten Bohl.
22.01.2014 ArtikelHerr Bohl, Sie haben die Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg mit einer Expertise begleitet. Mit welcher Fragestellung?
Thorsten Bohl: Die ´Expertise Gemeinschaftsschulen` stellt entlang zentraler Themen die Möglichkeiten und Grenzen der Gemeinschaftsschule vor. Für jedes Thema war ein ausgewiesener Experte bzw. eine ausgewiesene Expertin zuständig. Wir wollten explizit den Forschungsstand für die beteiligten Akteure zusammenstellen und – soweit möglich – Hinweise zur Entwicklung der Gemeinschaftsschule bzw. des Schulsystems geben.
Kann die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg noch scheitern, bzw. was ist nötig, damit die Gemeinschaftsschule auch langfristig gelingt?
Thorsten Bohl: Aus meiner Sicht kann die Gemeinschaftsschule sehr wohl scheitern. Das liegt an der sehr instabilen Ausgangsposition – beispielsweise Einzügigkeit, an den Bedingungen vor Ort – beispielsweise Konkurrenz mit Realschulen oder Gymnasien oder an der Ausstattung – beispielsweise zu wenig Gymnasiallehrkräfte. Zudem weiß ich aus vielen Kontakten mit Schulen, dass die Entwicklungsarbeit immens aufwendig ist, insbesondere auch für Schulleitungen.
Wird sie zu einer gleichwertigen Säule neben dem Gymnasium werden?
Thorsten Bohl: Langfristig sehe ich zu einer Zweigliedrigkeit keine Alternative. Aber es ist noch unklar wie die zweite Schulart neben dem Gymnasium aussieht. Die Realschulen sind an der derzeitigen Entwicklung noch viel zu wenig beteiligt. Realistisch betrachtet entwickelt sich gerade eine neue Dreigliedrigkeit mit Gemeinschaftsschulen, Realschulen und Gymnasien – und das ist leider keine gelungene Grundstruktur.
Zur Person:
Thorsten Bohl ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik an der Universität Tübingen und derzeit stellvertretender Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaft. Gemeinsam mit Sibylle Meissner ist er Herausgeber der Expertise Gemeinschaftsschule. Forschungsergebnisse und Handlungsempfehlungen für Baden-Württemberg, an der 19 Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen beteiligt waren. Am 26.03.2014 wird er auf der didacta im Forum Bildung über: Gemeinschaftsschule und Zweigliedrigkeit: Bildet die Schulstrukturreform die Grundlage für bessere Bildungserfolge? und im Forum didacta aktuell über: Spielfeld Bildung: Welche Schule(n) braucht das Land? diskutieren.
Weiterführende Informationen:
Zusammenfassung zentraler Ergebnisse der Expertise Gemeinschaftsschule
Dazu auf der didacta 2014 in Stuttgart
25.03.2014
Herausforderung Gemeinschaftsschule – erfolgreich unterrichten in heterogenen Lerngruppen
Warum sind heterogene Lerngruppen auch eine besondere Chance? Wie kann Unterricht in heterogenen Lerngruppen gelingen? Wie können Schulen Lernangebote so vielfältig gestalten, dass alle Schüler mitgenommen werden? Wie muss sich Schule dann verändern?Referentin: Dr. Annemarie von der Groeben Lehreraus- und -fortbildung, Bielefelder Bildungsinitiative TABULA und Beirat von "Pädagogik" 11:00 - 12:00 Uhr im Forum Unterrichtspraxis, Halle 1 Stand D72
Bildung, die allen gerecht wird – das Bildungsland Baden-Württemberg
Ziel der baden-württembergischen Landesregierung ist, mehr Bildungsgerechtigkeit und bessere Bildungserfolge zu ermöglichen. Dafür spielen frühkindliche Bildung, individuelle Förderung bei zunehmender Heterogenität, Gemeinschaftsschulen und der Ausbau der Ganztagsschulen eine tragende Rolle. Das Land steht durch den starken Schülerrückgang zudem vor erheblichen Herausforderungen. Mit der regionalen Schulentwicklung wird ein Schritt mit langfristigen Perspektiven für leistungsstarke und effiziente Schulstandorte mit ausreichend hohen Schülerzahlen unternommen, insbesondere auch im ländlichen Raum.Referent: Andreas Stoch MdL, Baden-Württemberg, Moderatorin Katja Irle, Bildungs- und Wissenschaftsjournalistin sowie Autorin 14:00 - 15:30 Uhr / Forum Bildung, Halle 1, Stand K71
26.03.2014
Gemeinschaftsschule und Zweigliedrigkeit: Bildet die Schulstrukturreform die Grundlage für bessere Bildungserfolge?
Die neue Schulart Gemeinschaftsschule soll die Potenziale der Schüler auf allen Begabungsniveaus fördern und die Leistungsfähigkeit des Schulsystems stärken, sagt die grün-rote Landesregierung. Doch ist möglichst langes gemeinsames Lernen wirklich die richtige Antwort auf die zunehmende Heterogenität in den Klassenzimmern? Ist in einem Zwei-Säulen-Modell neben der Gemeinschaftsschule nur noch Platz für das Gymnasium? Erhöht ein zweigliedriges Schulsystem überhaupt die Bildungschancen der Schüler oder steigert es lediglich die Akzeptanz der Gemeinschaftsschule? Es diskutieren: Prof. Dr. Thorsten Bohl, Institut für Erziehungswissenschaft Eberhard Karls Universität Tübingen, Mitherausgeber, Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbandes Baden-Württemberg, Dipl.-Päd. Dieter Vilimek, Rektor der Verbundschule Bad Rappenau, MR Norbert Zeller, Leiter der Stabsstelle Gemeinschaftsschule, Inklusion im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport BW,
Moderatorin: Renate Allgöwer, Redakteurin bei der Stuttgarter Zeitung. 12:00 - 13:15 Uhr / Forum Bildung, Halle 1, Stand K71
Spielfeld Bildung: Welche Schule(n) braucht das Land?
Wie kann das Spielfeld Bildung bespielt werden, ohne dass Bildung zum Spielball wird? Das Thema "Bildung" ist zu einem Markenkern politischer Debatten geworden. Das Ringen um einen parteiübergreifenden "Schulfrieden" ist offen. Welche Schulen sind zukunftsfähig? Welche Schulformen braucht unser Land? Wie kann "Bildung" am besten bespielt werden? Welche Schulformen und Umsetzungen von Schule sind für eine möglichst gute Förderung der Schülerinnen und Schüler angemessen?Darüber diskutieren Prof. Dr. Thorsten Bohl, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Universität Tübingen, Theo Keck, Landeselternbeirat, und Eberhard Keil, Studiendirektor. Moderation: Stefan Hermann, Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums, Stuttgart-Birkach 15 Uhr - 15:45 Uhr, Forum didacta aktuell, Halle 4, Stand C48
27.03.2014
Schule 2020: Das Gymnasium als neue Regelschule?
Die Gymnasien sind heute die beliebteste Schulart und jene mit den meisten Schülerinnen und Schülern. Sie bilden schon lange nicht mehr nur den universitären Nachwuchs aus – sie sind faktisch die neue Gemeinschaftsschule. Soll das auch ihr Anspruch sein? Wie reagieren sie auf die zunehmende Heterogenität der Schülerschaft? Wie müssen sie künftig auf individuelle Bildungswege eingehen? Wie bereiten sie zugleich auf Beruf und Hochschule vor? Welches neue pädagogische Selbstverständnis brauchen die Gymnasien der Zukunft?Es diskutieren: Theo Keck, Vorsitzender des Landeselternbeirates Baden-Württemberg; Doro Moritz, Landesvorsitzende der GEW Baden-Württemberg; Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbandes Baden-Württemberg; MR`in Claudia Stuhrmann, Leiterin Referat Allg. bildende Gymnasien, Institute zur Erlangung der Hochschulreife im Kultusministerium Baden-Württemberg. Moderator: Prof. Dr. Markus Ritter, Ruhr-Universität Bochum 10:00 - 11:15 Uhr / Forum Bildung, Halle 1, Stand K71
Leistungsmessung an der Gemeinschaftsschule
Es wird anhand von praktischen Beispielen aufgezeigt, wie Leistungsmessung an der Gemeinschaftsschule erfolgt.Referenten: OStR Knut Becker Kultusministerium Baden-Württemberg, Dr. Hans-Joachim Friedrichsdorf, Realschulrektor Tübingen 12:00 - 13:00 Uhr / Forum Unterrichtspraxis, Halle 1, Stand D72
Differenziertes Schulsystem oder Gemeinschaftsschule – was ist für die Schülerinnen und Schüler besser?
Diskussion mit Georg Eisenreich, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Wiater, Universität Augsburg, Ingrid Ritt, Initiative pro Differenziertes Schulwesen, und einem Vertreter des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Moderation: Heike Schmoll, FAZ, 15 Uhr - 15:45 Uhr, Forum didacta aktuell, Halle 4, Stand C4828.03.2014
Demographie und Schulstrukturreform: Großbaustelle Schule?
Die Schülerzahlen gehen zurück, finanziell herrschen Engpässe und die Angst vor der "Restschule" wächst. Baden-Württemberg steht damit vor notwendigen Schulstrukturreformen. Erste Schritte sind zum Beispiel durch die Gemeinschaftsschule und den Ausbau des Ganztagsbetriebs gemacht. Ist das der richtige Weg? Welche Chancen haben ländliche Regionen? Wo muss die Landespolitik weitere Impulse setzen?Es diskutieren: Sandra Boser MdL, bildungspolitische Sprecherin der GRÜNEN-Landtagsfraktion Baden-Württemberg Stefan Fulst-Blei MdL, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg; Dr. Timm Kern MdL, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion Baden-Württemberg; Sabine Kurtz MdL, stellvertretende bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion Baden-Württemberg. Moderatorin: Katja Irle, Bildungs- und Wissenschaftsjournalistin sowie Autorin. 10:30 - 11:45 Uhr / Forum Bildung, Halle 1, Stand K71
Brennpunkt Gemeinschaftsschule – Anregungen zum Umgang mit Heterogenität in der Praxis
Gemeinschaftsschulen verlangen eine verstärkte Integrations- und Förderarbeit. Der Vortrag zeigt, wie das gehen kann. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die schulinterne Unterrichtsentwicklung, Lehrerkooperation und Lehrerfortbildung gerichtet. Vorgestellt werden konkrete Ansätze und Förderstrategien, die sich in Hunderten von Schulen bewährt haben. Konkrete Beispiele und Empfehlungen runden den Vortrag ab.Referent: Dr. Heinz Klippert, Dozent, Berater und Ausbilder in Sachen Schul- und Unterrichtsentwicklung. Moderator: Prof. Dr. Markus Ritter, Ruhr-Universität Bochum. 12:00 - 13:15 Uhr / Forum Bildung, Halle 1, Stand K71
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