Die Gemeinschaftsschule: Vision für eine sozial gerechte Bildung in NRW
Eine Schule für alle Kinder, die das individuelle Lernen ermöglicht, Lehrkräfte entlastet und dem 21. Jahrhundert gerecht wird, das wünschen sich zwei Lehrkräfte aus NRW. Sie finden: Das Land braucht endlich ein neues Schulsystem.
01.07.2022 Bundesweit Artikel Nancy Meyer, David SteimelAlle am Schulsystem beteiligten Personen – Eltern- und Schüler*innenvertretungen, Parteien und Politiker*innen – wissen um die Probleme des Schulsystems in NRW. Es ist durch die frühe Selektion sozial ungerecht, da Kinder aus bildungsfernen Haushalten weniger Chancen haben, einen guten Abschluss zu erreichen. Die bisherigen Konzepte und Reformen gehen die Probleme nicht nachhaltig an: Zum Beispiel basiert ein mögliches zweigliedriges Schulsystem mit Gesamtschulen und Gymnasien weiterhin auf einer Selektion nach der 4. Klasse und würde so weiterhin in „gute und schlechte“ Kinder aufteilen, da die „guten“ an das Gymnasium gingen. Es braucht schnellstmöglich ein Konzept, das diese Probleme behebt.
Unsere Vision
Wir wünschen uns eine Schule von der 1. bis zur 10. Klasse mit jahrgangs- und fächerübergreifendem Unterricht. Eine Schule, die projektorientiert unterrichtet und deren Klassen maximal 25 Kinder umfassen – Ist das utopisch? Nein, denn es ist Realität an Schulen in Finnland und Estland sowie in der Primusschule in Münster oder der Heliosschule in Köln-Ehrenfeld. Sie alle sind Gemeinschaftsschulen. Wir wollen nachfolgend zeigen, was diese Schulform für Vorteile mitbringt und über ihre Umsetzbarkeit sprechen.
Gemeinschaftsschule – eine Schule für alle
In Gemeinschaftsschulen können sich Kinder mit Unterstützung in ihrem eigenen Tempo entwickeln, ohne bereits nach der 4. Klasse selektiert und somit demotiviert zu werden. Außerdem können Kinder durch die jahrgangsübergreifende Arbeit je nach individuellem Lernstand über Jahrgänge hinweg unterschiedliche Niveaus der Fächer auswählen und damit ihre Talente besser entfalten.
Diese Vorteile gelten nicht nur für Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, sondern auch für Kinder, die ihre speziellen Stärken über Jahrgänge hinweg stärken möchten. Dabei können sie sich untereinander als Expert*innen für einzelne Fachbereiche ergänzen und gemeinsam voneinander profitieren und lernen. Besonders im projektbasierten Unterricht können fächerübergreifende Themen angegangen und erforscht werden. Die starren Strukturen heutiger Schulen lassen im Gegensatz dazu nicht viel Raum für Kreativität.
Jedem Kind gerecht zu werden, würde auch durch offene Lernkonzepte unterstützt werden. Nicht jedes Kind kann 45, 60 oder 90 Minuten an einem Platz sitzen und dabei konzentriert arbeiten. Kinder haben jeweils ihre eigene Art zu lernen, dieser Tatsache können wir aber in den normierten Lernräumen kaum gerecht werden. Bei offenen Lernkonzepten hingegen können Kinder je nach Motivation und Tagesform ihren Lernort selbst wählen.
Dennoch braucht es eine klare Struktur des Tages, deshalb wird das Konzept der Lerngruppen bzw. Klassen beibehalten. Sie sind am Beginn eines jeden Tages die Anlaufstelle für alle Kinder. Dabei wird die Klassengröße von 25 Kindern nicht überschritten, damit weiterhin ein Austausch mit den zugeordneten Pädagog*innen möglich ist. Das Lernen individuell zu begleiten, wird erst mit kleinen Lerngruppen möglich.
Im Laufe des Tages wird das Kind in der Gemeinschaftsschule immer wieder individuell beraten und gefördert, zum Teil durch Einzelgespräche, die Diagnose des Lernstands oder die Unterstützung und Begleitung einzelner Arbeits- und Lernphasen.
Das klingt alles wunderbar, doch wie können wir diese Schulen in ganz NRW einführen?
Die Umsetzbarkeit der Gemeinschaftsschule
Natürlich kann es uns nicht gelingen, von heute auf morgen alle Schulen zu Gemeinschaftsschulen umzubauen. Es geht vielmehr darum, neue Schulen als Gemeinschaftsschulen aufzubauen und bestehenden Schulen Anreize (z.B. Ausstattung, Personal) zu geben, damit sie sich freiwillig auf den Weg zur Gemeinschaftsschule machen. Wir wollen die Schulen und Lehrkräfte auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule begleiten und nicht alleine lassen.
Allein gelassen werden Lehrkräfte momentan bei ihrer täglichen Arbeit. Wir werden überhäuft von zusätzlichen Aufgaben, die uns die begrenzte Zeit für einen guten Unterricht kosten. Daher müssen wir dringend festlegen, was Lehrkräfte bewältigen müssen und für alle anderen Aufgaben Expert*innen aus diesen Arbeitsbereichen in die Schulen holen. Für uns ist in Hinblick auf die Gemeinschaftsschulen klar, dass Lehrkräfte als Pädagog*innen das Lernen begleiten sollen.
Demnach brauchen wir für Verwaltungsaufgaben Unterstützung von Verwaltungsfachangestellten, bei der psychologischen Arbeit von Schulpsycholog*innen und Schulsozialarbeiter*innen, bei den IT-Aufgaben durch digitale Hausmeister*innen, bei der Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigung durch Sonderpädagog*innen. Wir alle wären ein Team. Ein Team, das die Arbeit mit den Kindern wertschätzt und deren Entwicklung bestmöglich und individuell ermöglicht.
Das beinhaltet natürlich auch eine Öffnung und mehr Flexibilität im Schulsystem. Der Rahmen schulischer Arbeit sind unsere Lehrpläne, die allerdings nicht zum 21. Jahrhundert passen. Sie sind zu voll, sodass wir auf Probleme von Kindern oder tagesaktuelle Themen wie den Krieg in der Ukraine, Corona oder die „FridaysforFuture“-Bewegung nicht eingehen können. Wir müssen endlich die Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts abbilden und alle Fächer an diese Kernkompetenzen anpassen. Das schmeckt uns Fachlehrer*innen meistens nicht, aber es ist schon lange überfällig, und Länder wie Finnland machen uns vor, wie es gelingen kann. Im gleichen Zuge können wir endlich neue Kompetenzen in unsere Lehrpläne integrieren, die in der Wirklichkeit unserer modernen Gesellschaft wichtig sind: beispielsweise Projekte zu planen, zu leiten und umzusetzen oder digitale Kompetenzen in der sich rasant entwickelnden Welt. Wir brauchen Lücken für Gruppengespräche. Wir brauchen Platz für Präventionsarbeit. Kinder brauchen weniger Druck vom System und mehr Flexibilität für ihre ganz eigenen Talente.
Das alles kostet mehr Geld. NRW investiert 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den Bereich Bildung. Damit sind wir Schlusslicht in Deutschland. Und wenn wir nach Finnland schauen, die 7 Prozent des BIP investieren, wird die Dimension noch klarer.
Was geschehen muss
Wollen wir eine moderne, zukunftsfähige Schule, dann müssen wir den Mut dazu haben und endlich mehr Geld investieren. Wollen wir endlich ein sozial gerechtes Schulsystem, müssen wir aufhören, Pilotschulen auszuprobieren, die in anderen Ländern seit Jahrzehnten funktionieren, und sie stattdessen in ganz NRW umsetzen. Wollen wir endlich den Kindern gerecht werden und sie wirklich individuell fördern, dann brauchen wir die Gemeinschaftsschulen!
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