Die Hauptschule hängt am Tropf des KM

Inzwischen vergeht kaum eine Woche, in der nicht der Kultusminister seine Hauptschulinitiative in den höchsten Tönen preist. Mit Beginn des neuen Schuljahres soll sie flächendeckend mit dem verstärkten Praxisbezug in der 7. Jahrgangsstufe beginnen. In den Folgejahren sollen die Modularisierung in einzelnen Fächern und die verstärkte Berufsorientierung mit der Einführung der Wahl eines vierstündigen berufsorientierenden Bereichs (Wirtschaft/Technik /Soziales) fortgesetzt werden. Ganztagesklassen sollen weiter ausgebaut werden und das Arbeits- und Sozialverhalten der SchülerInnen soll besser werden.

11.09.2008 Bayern Pressemeldung GEW Bayern

Wenngleich einzelne Elemente zunächst durchaus sinnvoll erscheinen, bleibt grundsätzlich kritisch festzuhalten, dass das Dilemma der Hauptschule im Kontext der demografischen Entwicklung und des Schulwahlverhaltens dadurch nicht gelöst wird. Dazu wäre eine Abschaffung des gegliederten Schulsystems und die Einführung der von der GEW geforderten "Einen Schule für alle" erforderlich, denn das Siechtum der HS wird schon dadurch verschlimmert, dass das Begabungsniveau bei uns direkt von der Zahl der Plätze an den RS und Gymnasien abhängig ist. Da diese grundsätzlich aufgefüllt werden, können bei rückläufigen Schülerzahlen immer mehr SchülerInnen (und Eltern) der imagebeschädigten und die Berufswahl erschwerenden Hauptschule entfliehen.

Bei der Umsetzung der Hauptschulinitiative droht vielerorts das Chaos. Das KM hat zwar mittlerweile erkannt, dass die Festlegung auf einen berufsorientierenden Bereich für die 8. und 9. Klasse für viele Schüler ein Problem darstellt. Als Lösung dieses Problems soll nun die Möglichkeit gegeben werden, neben der Hauptwahl einen zweiten Bereich mit weniger Stunden zusätzlich zu besuchen und gegebenenfalls noch zu wechseln. Dies könnte im Extremfall dazu führen, dass in der 9. Klasse SchülerInnen mit vier verschiedenen Lernständen aufeinandertreffen. Diese Defizite sollen mit Modulen und Förderstunden abgefangen werden. Die Stunden hierfür müssen allerdings im Rahmen der flexiblen Stundentafel anderswo abgezwackt werden oder gehen zu Lasten des Wahlunterrichts.

Die Hauptschulen sind mit LehrerInnen und Unterrichtsstunden unzureichend ausgestattet. Gerade FachlehrerInnen werden viel zu große Gruppen unterrichten müssen. In den Bereichen Technik und Wirtschaft stehen viel zu wenig Lehrkräfte mit einer entsprechenden Ausbildung zur Verfügung. Viele KollegInnen müssen fachfremd unterrichten und sollen im Rahmen einer jetzt anlaufenden "Fortbildungsoffensive" parallel zu ihrem Unterrichtseinsatz eine "Einstiegsqualifikation" erhalten.

Der Ausbau der Ganztagesklassen ist dringend erforderlich, darf jedoch nicht, wie es derzeit geschieht, auf Kosten der Schulen ohne Ganztagesklassen gehen. Dabei ist auch die Ausstattung der Ganztagesklassen mit 12 statt der ursprünglich 19 zusätzlichen Lehrerstunden pro Klasse unzureichend.

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich für einzügige Hauptschulen. Die ursprüngliche Idee, dass jede kleinere Schule sich auf einen berufsorientierenden Bereich spezialisiert und die Schüler am Praxistag zwischen verschiedenen Schulen hin und her transportiert werden, trat wegen der dabei entstehenden Buskosten nun wieder in den Hintergrund, ist aber durchaus möglich. Nun sollen jahrgangsübergreifend 8. und 9. Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Diese Lösung wird sich als nicht konkurrenzfähig zum Fachunterricht an größeren Schulen erweisen und zu einer noch rascheren Auflösung der 299 einzügigen Hauptschulen in Bayern führen, die vor der Landtagswahl natürlich von der Regierungspartei bestritten wird.

Die Rettung der Hauptschule wird mit keiner wie auch immer gearteten Reform gelingen. Um die momentane Situation der HauptschülerInnen zu verbessern, ist aber eine bessere personelle und materielle Ausstattung der Hauptschulen nötig. In kleinen Klassen können Lehrkräfte sich besser um die individuelle Förderung kümmern. Die SchülerInnen brauchen verpflichtend die gebundene Ganztagesschule mit vielen Wahlangeboten aus dem sportlichen und künstlerischen Bereich und keine Reduzierung auf praktische Fertigkeiten in einer "Blaumannschule".

Sie müssen - durch zusätzliche sozialpädagogische Fachleute unterstützt - in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt werden und gutes Arbeits- und Sozialverhalten üben.

Starke und kreative SchülerInnen sind auch bereit und in der Lage, sich um ihre Zukunft selbst zu kümmern.

Peter Caspari, Fachgruppe Grund/Hauptschule der GEW Bayern, E-Mail: ; Tel: 08124 - 9237

Ansprechpartner

GEW Bayern

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