Unterrichtsentwicklung

"Die Schüler wollen und brauchen Abwechslung"

Unterrichtsqualität und Unterrichtsentwicklung sind Topthemen in der Bildungsdiskussion. Dennoch sind von den Millionen Unterrichtsstunden, die täglich an Deutschlands Schulen abgehalten werden, längst nicht alle vorzeigbar. Woran liegt das und lässt sich Unterricht auch mit einfachen Mitteln weiterentwickeln? Das wollte Perspektive: Bildung von Michael Klein-Landeck wissen. Der Hamburger Gesamtschullehrer und Privatdozent hat jetzt mit zwei Kollegen das Buch "Unterrichtsentwicklung mit Erfolg" veröffentlicht.

22.11.2010 Artikel
  • © privat

Herr Klein-Landeck, in dem Buch beschreiben Sie und ihre Kollegen anhand von praxisorientierten Bausteinen, wie der Unterricht in der Sekundarstufe I gelingen kann. Hat sich denn der Unterricht in den vergangenen Jahren nicht durch neue Methoden und Erkenntnisse ohnehin schon enorm weiterentwickelt?

Michael Klein-Landeck: Es gibt eine Untersuchung von Klaus Hage und anderen aus dem Jahr 85 zum Unterrichtsalltag in der Sekundarstufe I, die belegte noch, dass 75 Prozent des Unterrichts lehrerzentriert und klassengebunden stattfinden. Mittlerweile hat sich - insbesondere in den Grundschulen - einiges geändert, aber auch weiterführende Schulen haben sich auf den Weg gemacht. Denn es kann einfach nicht mehr so weitergemacht werden wie bisher. Inzwischen hat sich ja auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass es trotz aller Homogenisierungsbemühungen keine wirklich homogenen Lerngruppen geben kann. Gruppen sind immer heterogen. Diese Heterogenität hat sicher in den letzten Jahren und Jahrzehnten zugenommen, unter anderem durch den Anspruch von Integration und Inklusion sowie die Zunahme der Schüler mit Migrationshintergrund. An unseren Schulen zum Beispiel unterrichten wir in Integrationsklassen und in Klassen mit einem hohen Migrantenanteil. Es existiert also eine große Bandbreite an Begabungen und Lernvoraussetzungen.

Und was folgt daraus?

Michael Klein-Landeck: Das erfordert eine starke Differenzierung. Neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung machen außerdem deutlich, wie Lernen funktioniert, dass es nicht die Eins-zu-eins-Übertragung vom Lehrer zum Schüler ist, sondern dass Schüler sich selbsttätig Wissen aneignen und Strategien und Methoden erwerben müssen. Und das erfordert veränderte Unterrichtsformen. Und letztendlich belegen auch die PISA-Ergebnisse, dass Unterricht sich weiterentwickeln muss. Verständlicherweise gibt es auch viele Ängste: Angst, etwas abzugeben, Angst, den Schülern etwas zuzumuten, Angst vor Kontrollverlust oder Furcht, für etwas geradestehen zu müssen, wenn es nicht klappt und schließlich Angst vor Mehrarbeit und wachsender Belastung.

Was setzen Sie diesen Ängsten und Befürchtungen entgegnen?

Michael Klein-Landeck: Von außen betrachtet sieht es tatsächlich so aus, als würde es eine unglaubliche Kraftanstrengung kosten und sehr viel Mehrarbeit erfordern, wenn man den Unterricht umstellt, wenn man also mit Wochenplan und Kompetenzraster, mit Lernwerkstatt oder Epochenunterricht arbeitet. Tatsächlich muss man auch zwischenzeitlich mehr Zeit investieren, aber das zahlt sich doppelt und dreifach wieder aus.

Nämlich?

Michael Klein-Landeck: Einfach durch eine größere Zufriedenheit bei den Schülern und den Lehrkräften. Wir haben in dem Buch Beispiele beschrieben, bei denen der Unterricht vorab über mehrere Wochen hinweg vorbereitet werden musste. Es wurden Lernumgebungen geschaffen, Lernwerkstätten und Wochenpläne entwickelt. In dieser Zeit der Vorbereitung hatten die Lehrer ein Mehr an Arbeit, das ist richtig - dafür dann aber in den nächsten Wochen entsprechend weniger in der täglichen Vorbereitung.

Die kleinen Schritte

Muss es denn eigentlich immer die komplette Neugestaltung sein, oder können Lehrkräfte auch kleine Schritte machen und welche?

Michael Klein-Landeck: Man kann auch als einzelne Lehrkraft die Unterrichtsorganisation ändern. Ein Beispiel: Jeder Lehrer unterrichtet mindestens zwei Fächer. In den sogenannten kurzen Fächern lassen sich Unterrichtstunden sehr gut zu sinnvollen Lerneinheiten im Sinne von Epochenunterricht zusammenlegen. Es macht einen großen Unterschied, ob ich ein Fach zweimal pro Woche unterrichte oder ob ich über zwei Wochen kontinuierlich bei einem Thema bleibe und jeden Tage daran arbeite. Statt am Montag zwei Stunden Biologie, am Donnerstag zwei Stunden Geschichte und am Freitag noch einmal eine Stunde Biologie zu unterrichten, bündele ich diese fünf Wochenstunden zu einem Epochenthema.

Einfache Beispiele

Und gibt es auch kleine Schritte, die ein ganzes Kollegium machen kann?

Michael Klein-Landeck: Manchmal sind es ganz einfache Beispiele. Wir hatten an unserer Schule mit großem Unbehagen festgestellt, dass der Alltag morgens schon mit Stress beginnt: Die Schüler stehen bis zu zwanzig Minuten auf den Fluren vor den Schultüren, es entsteht ein Gerangel, ein Geschubse und ein Gekreische, bis dann die Lehrer um acht Uhr die Türen aufschließen und versuchen, wieder für Ruhe zu sorgen. Das haben wir einfach mit einem Schlag geändert, indem wir die Türen bereits um zwanzig vor acht geöffnet haben. Jetzt kommen die Kinder nach und nach in die Klasse, essen etwas, unterhalten sich, arbeiten vielleicht sogar und um acht Uhr haben wir eine herrlich entspannte Lernatmosphäre. Wir brauchen nicht mehr für Ruhe zu sorgen, weil sie einfach da ist.

Das heißt aber auch: Sie brauchen mehr Aufsichtskräfte.

Michael Klein-Landeck: Ja, aber das lässt sich alles mit spitzem Bleistift rechnen, wenn man es will. Bei uns sind die Stunden aus dem Vertretungspool genommen worden.

Sie sprachen vorhin davon, dass Schüler sich selbsttätig Wissen aneignen müssen, wie sieht Überprüfung des Gelernten aus?

Michael Klein-Landeck: Nehmen wir das Beispiel Logbücher. Die Logbücher enthalten neben Stundenplan und Adressliste auch Platz für Mitteilungen zwischen Elternhaus und Schule und Seiten mit Lernvereinbarungen, Notenübersichten und vor allen Dingen eine Doppelseite für jede Unterrichtswoche und für jedes Fach. Dort gibt der Schüler an, was er sich für die jeweilige Unterrichtsstunde vorgenommen hat, was dann tatsächlich bearbeitet wurde und welche Aufgaben er beim individuellen Arbeiten konkret erledigt hat. Das klingt sehr aufwendig, denn die Logbücher müssen angelegt und deren Nutzung muss gemeinsam mit den Schülern eingeübt werden. Auch muss ich als Lehrer diese Logbücher regelmäßig lesen und kommentieren. Dafür kann ich aber an anderer Stelle Abstriche machen. Zum Beispiel nehme ich nicht mehr alle zwei Tage einen Klassensatz Hefte mit nach Hause. Und trotzdem habe ich und haben auch die Schüler einen besseren Überblick über ihren Lernstand.

Die Ergebnisse

Sprechen wir über die Ergebnisse: Was ändert sich tatsächlich am Unterricht, am Schulalltag, an der Lernmotivation und am sozialem Verhalten?

Michael Klein-Landeck: Ich bin überrascht, wie stark sich gerade das Sozialverhalten ändert. Man denkt ja zunächst, die Schüler lernen zu lernen und werden selbstständiger - das stimmt auch. Was uns aber viel stärker ins Auge fällt, ist das veränderte Sozialverhalten. Das liegt daran, dass wir in diesen freien Arbeitsformen sehr viel mit Feedback arbeiten. Die Schüler lernen, sich einzuschätzen und sich gegenseitig Rückmeldungen zu geben und zwar auf faire, konstruktive und weiterführende Weise. Und wenn sich irgendwo ein Problem entwickelt, dann frage ich mittlerweile erst einmal die Schüler nach einer Lösung. Denn sie haben ein großes Einfühlungsvermögen entwickelt. Das ist wirklich beeindruckend!

Also Wochenpläne, Freiarbeit, Gruppenarbeit, individualisiertes Lernen - wenn ich mal diese Stichworte zusammenfasse - aus diesen Zutaten wird dann ein guter und für alle Beteiligten erfolgreicher und zufriedenstellender Unterricht?

Michael Klein-Landeck: Das wäre zu einfach. Man darf nicht polarisieren. Ich stehe zum Beispiel hinter den Erziehungswissenschaftlern Herbert Gudjons und Hilbert Meyer, die beide die Fahne auch für den Frontalunterricht hochhalten. Entscheidend ist: Man darf nicht Tag für Tag und Woche für Woche die gleiche Methode einsetzen. Die Schüler wollen und brauchen Abwechslung und auch ab und zu eine schöne, knackige, unterhaltsame, vom Lehrer geleitete Unterrichtsstunde. Denn Schüler müssen lernen, sich auf verschiedene Sozialformen einzustellen. Sie müssen mit der Gruppe agieren und nicht nur allein oder in kleinen Zirkeln arbeiten. Deswegen bin ich für eine gesunde Mischung, wie Hilbert Meyer sie vorschlägt. Man erlebt das als Erwachsener ja auch bei Fortbildungen. Manchmal ist es gut, zusammenzusitzen und zu reden, aber dann muss auch wieder ein Input kommen und genauso stelle ich mir das an der Schule vor. Ein vernünftiger Rhythmus von unterschiedlichen Arbeits- und Sozialformen ist das Ziel. In dem Buch haben wir versucht, zu beschreiben, wie man das hinkriegen kann.

Lernen über alle Sinne

Sie sind ausgewiesener Montessori-Experte und haben auch an Ihrer Schule eine Montessori-Klasse gegründet, wie viel Montessori steckt denn in dem Buch?

Michael Klein-Landeck: Ich habe mich mit unterschiedlichen reformpädagogischen Konzepten beschäftigt und überall interessante Anregungen gefunden. Etwas allerdings würde ich an Montessori festmachen. Wir legen viel Wert darauf, mit Materialien zum Hantieren zu arbeiten. Es ist nicht nur für behinderte Kinder in der Integrationsklasse ein Riesengewinn, über alle Sinne zu lernen und Dinge in die Hand zu nehmen, es ist auch ein enormer Motivationsfaktor für leistungsstarke Schüler.

Was raten Sie Kollegen, die Ihren Unterricht verändern wollen – außer natürlich zur Lektüre Ihres Buches?

Michael Klein-Landeck: Eine große Hilfe sind Hospitationen, also einfach schauen, wie andere es machen und was sie gut machen. Die Initiative "Blick über den Zaun" zum Beispiel, an der mittlerweile mehr als 100 Schulen beteiligt sind, organisiert wechselseitige Besuche, damit Schulen und Lehrer direkt voneinander lernen.

Bibliographische Angaben zum Buch
Unterrichtsentwicklung mit Erfolg, Von Michael Klein-Landeck, Claus Karau und Ilka Landeck, 159 S., Eur (D) 17,95 / Eur (A) 18,50 / sFr 32,70 ISBN 978-3-589-23149-2, Cornelsen Verlag Scriptor 2010


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