Künstliche Intelligenz

„Digitalisierung braucht keine Superstars“

Die digitale Transformation sorgt bei Lehrkräften für einen anhaltenden Fortbildungsbedarf. Mit welchen Konzepten die Schulentwicklung gelingen kann und warum Lehrkräfte häufiger ihre Schülerinnen und Schüler in die Fortbildungen einladen sollten, darüber spricht Lehrer Hauke Pölert im Interview. Von Roman Eisner

21.02.2025 Bundesweit Artikel mobile.schule Magazin
  • Mehrere Kinder sitzen an ihren Tischen im Klassenzimmer und schauen auf ihr jeweiliges Handy. Die Lehrerin schaut einer Schülerin über die Schulter. © Adobe Stock

mobile.schule: Was ist zuletzt in Ihrem Unterricht so richtig schiefgegangen?

Hauke Pölert: Wir arbeiten an unserer Schule seit einiger Zeit mit einem neuen Lernmanagementsystem namens Learning View. Ich kann damit zum Beispiel Audio- und Video-Feedback erstellen und die Schülerinnen und Schüler bei ihrem Lernprozess begleiten. Aber meine digitalen Unterrichtsmaterialien basierten zuvor hauptsächlich auf Taskcards, also digitalen Pinnwänden. Ich versuche seit Monaten, meinen Unterricht Schritt für Schritt auf das neue LMS umstellen. Dabei fällt mir auf, wie schwierig es sein kann, Unterricht nun ganz anders zu planen, wenn neue digitale Möglichkeiten wie Learning View dazukommen. Ich fühle mich gerade wie ein Anfänger und kann die Gedanken vieler Kolleginnen und Kollegen, die sich mit solchen Prozessen belastet fühlen, gut nachvollziehen.

Hauke Pölert unterrichtet am Theodor-Heuss-Gymnasium Göttingen Spanisch und Geschichte. Er engagiert sich dort in Schulentwicklungsprojekten zur Digitalisierung und zum multimedialen Lernen. Auf seinem Blog und Youtube-Kanal „Unterrichten. Digital“ teilt er seine Praxiserfahrungen und ist als Fortbilder, Referent und Autor aktiv.

Schrecken viele Lehrkräfte deshalb vor der Digitalisierung zurück, weil sie dieses Gefühl vermeiden wollen?

Pölert: Ja, das ist für viele Kolleginnen und Kollegen eine mentale Hürde. Lehrerinnen und Lehrer wollen immer Profis sein im Klassenraum. Dabei sollten wir Lehrkräfte die Haltung vorleben, uns selbst als Lernende zu begreifen. Gerade in von Digitalität geprägten Lernszenarien lernen wir immer gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern und sollten ihr Feedback nutzen, um unseren Unterricht weiterzuentwickeln. Es ist aber auch eine Frage von Belastung und Entlastung. Wir müssen in digitale Medien und Künstliche Intelligenz zunächst sehr viel Arbeit stecken, um dann erst durch sie Entlastung und Bereicherung zu erfahren.

Sie sind selbst in digitalen Schulentwicklungsprojekten tätig. Wie motivieren Sie Ihr Kollegium, diesen Haltungswechsel auszuprobieren?

Pölert: Indem man sich in die Kolleginnen und Kollegen hineinversetzt und ihnen nicht weismacht: „Digitalisierung ist doch kein Problem, es wird alles sofort einfacher und besser. Alles, was ihr bisher gemacht habt, funktioniert nicht mehr.“ Hilfreich sind niedrigschwellige, praxisbezogene Formate. Wir bieten seit Jahren an unserer Schule interne Mini-Fortbildungen an, in denen wir digitale Tools vorstellen, die sich für Einsteiger eignen. Dabei bilden Lehrkräfte aus der Schule das eigene Kollegium fort. Das ist Fortbildung auf Augenhöhe, damit lassen sich Berührungsängste abbauen. In diese Fortbildungen laden wir teils auch Schülerinnen und Schüler ein. Sie erzählen uns, wie sie lernen. Dann reflektieren wir gemeinsam, mit welchen digitalen Tools wir Lehrkräfte sie dabei unterstützen können.

Ist diese Fortbildungsstrategie erfolgreich?

Pölert: Ja, auf lange Sicht. Wir legen Wert darauf, das Kollegium bei diesem Prozess mitzunehmen und den Druck zu nehmen, nach dem Motto: „Ein Jahr ist kein Jahr in der Schule.“ Deshalb sind die Fortbildungen freiwillig. Nach einem Jahr teilen die Kolleginnen und Kollegen, die als Anfänger eingestiegen sind, im Optimalfall ihre Erfahrungen. Eine Schulleitung könnte auch Dinge durchsetzen und etwa die Nutzung einer Lernplattform für alle verbindlich machen. Dann hat man eine einheitliche Plattform und kann maßgeschneiderte Fortbildungen dazu planen. So ein Vorgehen produziert aber immer Widerstand. Dann hat man vielleicht ein verbindliches, einheitliches Konzept, aber auf Kosten des Zusammenhalts – bestenfalls schafft eine Schule, beides zu vereinen, das ist ein schmaler Grat.

mo­bi­le.schu­le Cam­pus Spe­cial - De­mo­kra­tie­bil­dung: Wege in die Zu­kunft

Mittwoch, 19. März, 16 bis 19 Uhr: Diese kostenfreie Online-Veranstaltung be­leuch­tet die Demokratiebildung an Schulen. Auf einen Kurzimpuls folgen mehrere Workshops. Hier anmelden.

Würden Sie Ihre Strategie auch anderen Schulen empfehlen?

Pölert: Das lässt sich nicht pauschalisieren. Aber man kann schon sagen, dass die meisten Kollegien in ein digital-progressives, ein abwägend-moderates und ein kritisches Drittel geteilt sind. Durch unsere Strategie erreichen wir, dass wir uns nicht permanent überfordert fühlen. Wir haben dadurch mehr Miteinander und weniger Konflikte, aber auch ein langsameres Tempo bei der digitalen Transformation als solche Schulen, die auf top-down-Ansätze bauen. Unser Modell stößt an Grenzen, da wir mit der Freiwilligkeit nicht alle gewinnen können. Es gibt sicher einige wenige Schulen, in denen das ganze Kollegium voll hinter einer einheitlichen Digitalisierungsstrategie steht. Das bewundere ich. Wenn diese Schulen jedoch das Bild in der Öffentlichkeit prägen, kann das neben dem sehr hilfreichen Modellcharakter letztlich der Entwicklung auch schaden, indem falsche Selbstverständlichkeiten suggeriert werden. Denn die Schulrealität sieht in der Breite anders aus.

Ihnen gehe es nicht um Hochglanzdigitalisierung, schreiben Sie auf Ihrer Homepage. Was genau meinen Sie damit?

Pölert: Wenn ich mir die großen Schulpreise anschaue, Keynotes auf Bildungsveranstaltungen anhöre, vor allem jedoch in Social Media lese, ist es für mich interessant zu sehen, wie andere Schulen agieren. Würde ich aber die Kollegien mancher dieser Leuchtturmschulen nach einem ehrlichen Meinungsbild fragen, dann würden wohl nie 100 Prozent des Kollegiums das unterschreiben, was die Schulleitung nach außen transportiert. Was ich meine: Wir brauchen Realismus. Die Mehrzahl der Kollegien ist momentan überfordert. Das liegt an unterschiedlichen Faktoren wie dem Lehrermangel, der Überlastung und auch an der fehlenden Unterstützung durch Kultusministerien und Schulträger. Es hilft niemandem, wenn sich einzelne Lehrkräfte in Fortbildungen als Superstars der Digitalisierung inszenieren und in der Breite der Eindruck bleibt: „Das werde ich niemals schaffen“.

Wie geben Sie Ihre Erfahrungen mit digitalem Unterricht im Kollegium weiter, ohne falsche Erwartungen zu erzeugen?

Pölert: Es geht nur durch konkrete Beispiele. Wenn ich mich hinstelle und sage: „Wir setzen jetzt alle sofort die 4Ks im Unterricht um und jetzt läuft alles digital“, dann werde ich keinen überzeugen. Stattdessen werde ich konkret: „Wir haben doch alle das Problem, dass bis zu 30 Schülerinnen und Schüler in unserem Unterricht sitzen und wir es nicht schaffen, jedem und jeder im Unterricht zumindest einmal ein individuelles Feedback zu geben. Das können wir aber mit digitalen Tools durch Audiofeedback, das können auch schon KI Plattformen. Ich zeige euch kurz, wie das geht“. Andere Lehrkräfte lassen sich eher überzeugen, wenn sie in Hospitationen erleben, wie ihre Kolleginnen und Kollegen digitale Tools einsetzen. Nach der Hospitation sprechen wir über die Stunde. Vielen Kollegen wird erst dann klar, was Digitalität im Lernraum bewirken kann, etwa die Aktivierung der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen, mehr Kreativität und eigene Lernwege ohne größeren Aufwand zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Dadurch steigt die Motivation, es im eigenen Unterricht auszuprobieren.

Was muss die Politik tun, um Schulen und Lehrkräfte bei der digitalen Transformation zu unterstützen?

Pölert: An den Schulen flachen aktuell der Digitalisierungshype nach dem Digitalpakt I von 2019 und auch der KI-Hype nach der Veröffentlichung von ChatGPT 2022 etwas ab. Viele Schulen haben kein Fortbildungsbudget, die Lehrkräfte fühlen sich überlastet durch die vielen Herausforderungen, es gibt wenig Freiräume für Schulentwicklung. Der Digitalpakt 2.0 ist wichtig für alle Schulen, da er die Lebenszyklen der im ersten Digitalpakt angeschafften Infrastruktur aufgreift. Kommt er zu spät oder gar nicht, stehen viele Schulen als Verlierer da. Unsere Schule hat früh angefangen, sich aus eigenen Mitteln zu digitalisieren. Aber auch wir hoffen auf den Digitalpakt 2.0 und eine stärker pädagogisch-didaktisch fokussierte Ausrichtung. Neben Hardware und Infrastruktur sollten nun endlich Fortbildung und Budgetfreiräume ebenso gefördert werden, denn der Einzug von generativer KI hat den Innovationsdruck auf Schulen nochmal erhöht.

Was meinen Sie damit genau? Sie selbst empfehlen für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz das 3-I-Modell.

Pölert: Das Modell soll helfen, das disruptive Thema Künstliche Intelligenz zielführend in die eigene Schulentwicklung zu überführen. Wenn beispielsweise eine Gesamtschule bereits einen stark differenzierenden Ansatz verfolgt, könnte sie KI-basierte Lernplattformen nutzen, um dieses Ziel noch besser, um Lernende etwa noch individueller zu erreichen. Das ist der erste Punkt: zielgerichtete Integration von Technologie in bestehende Schulinitiativen, ohne KI zum Selbstzweck werden zu lassen. Der zweite Punkt ist Investition. Schulträger und Schulleitungen müssen entscheiden, wo ihr Budget hinfließt. Wenn etwa das Kultusministerium keine passende KI-Plattform zur Verfügung stellt, dann müssen die Entscheider vor Ort eine Plattform anschaffen und in die Fortbildung des Kollegiums investieren. Das kostet Geld.

Und der dritte Punkt?

Pölert: Das ist Innovation oder Innovationskultur. Schulen müssen eine offene und vertrauensvolle Grundhaltung etablieren. Es hilft nichts, den Schülerinnen und Schülern KI zu verbieten. Gerade bei KI sollten wir Lehrkräfte uns davon verabschieden, den Kindern und Jugendlichen vermeintliches Herrschaftswissen zu vermitteln. Dann planen wir einen Unterricht, der KI überhaupt nicht mitdenkt, für Schülerinnen und Schüler, die KI aber in großen Teilen ihrer Arbeitszeit verwenden. Deshalb begrüße ich die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zu KI in der Schule sehr. Sie plädieren unter anderem dafür, KI in der Prüfungskultur stärker zu berücksichtigen und bestehende Prüfungsformate im Kontext von KI grundsätzlich zu hinterfragen. Das ist wichtig, wenn man bedenkt, wie sehr unsere in Verordnungen und Erlassen manifestierte Prüfungskultur echte Schulentwicklung verhindern kann. Insofern: Ein gutes Signal und ein Hoffnungsschimmer für innovationsfreudige Kollegien!

Dieser Artikel ist zuerst im mobile.schule Magazin Ausgabe 1/2025, S. 4-7 erschienen.



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Ein Kommentar vorhanden

  • 21.02.2025 12:32 Uhr
    Geht das nur mir bzw. meinem Webbrowser so, oder fehlen im obigen Text diverse Buchstaben "f"?
    Inhaltlich: Sicher kann man digital Schülern Rückmeldungen geben. Aber gibt es einen nachgewiesenen Zusatznutzen gegenüber einfachen Rückmeldungstools, wie sie von Dylan Wiliam entwickelt wurden, deren Einsatz mir auch eher selten zu sein scheint? Zu Wiliam ein kurzer Einstieg über eine KI-Abfrage:
    https://www.perplexity.ai/search/es-gab-gibt-einen-beruhmten-br-rLl96UPyR4qUpMywagOZ5A
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