Umfrage

Digitalisierung und Fernunterricht im Fokus

„Mit ihren fachlichen, personellen und kommunikativen Kompetenzen ist die Lehrkraft der bestimmende Faktor, damit Unterricht in Zeiten von Corona sowohl im Fernunterricht als auch im Präsenzunterricht erfolgreich funktioniert", so Jürgen Böhm, Vorsitzender des Bayerischen Realschullehrerverbands (brlv).

27.05.2020 Bayern Pressemeldung Bayerischer Realschullehrerverband
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"Unsere Realschullehrkräfte finden – wenn nötig – individuelle Lösungen, erreichen ihre Schüler gut im krisenbedingten Fernunterricht und sorgen dafür, dass die Zehntklässler angemessen auf die Abschlussprüfungen vorbereitet werden. Die Corona-Krise hat sich als Indikator für den Zustand der Digitalisierung an den Schulen in ganz Deutschland gezeigt“, dieses Fazit zog Böhm bei der heutigen Präsentation einer Umfrage des brlv, bei der das digitale Lehren und Lernen im Fernunterricht während der Pandemie im Fokus stand.

Von 14. bis 22. April hatte der brlv eine Onlinebefragung zum Fernunterricht durchgeführt, an der knapp 1.100 bayerische Realschulkräfte teilgenommen haben. Die 26 Fragen der Umfrage bezogen sich auf die Schulschließung von 16. März 2020 bis zum Beginn der Osterferien am 3. April 2020 und decken damit die ersten drei Wochen des Fernunterrichts ab. Behandelt wurden die Themen „Digitale Werkzeuge und die Kommunikation mit den Schülern“, „Lernplattform mebis“, „Aufgabenstellungen durch die Lehrkräfte“, „Rückmeldungen über die Arbeit“ und „Fernunterricht und die Abschlussprüfung“.

Die meisten Teilnehmer (76 Prozent) gaben an, nach der Schulschließung sofort E-Mails als einfachste Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit den Schülern genutzt zu haben. Viele Realschulkräfte zeigten sich innovativ und fanden andere Kommunikationswege zum gegenseitigen Austausch: Auf die Frage nach dem bevorzugten Kommunikationsmittel nannten nur zwölf Prozent der Befragten mebis. Damit rangiert mebis auf Platz 4 hinter der Kommunikation mit E-Mail, Kollaborationssoftware (Software zur Unterstützung der Zusammenarbeit in einer Gruppe, z. B. Microsoft Teams) und schuleigenen Cloudlösungen, aber immerhin weit vor sozialen Netzwerken.

Der digitalen Lernplattform mebis des Kultusministeriums stehen die befragten Lehrkräfte ambivalent gegenüber: 49 Prozent der Befragten nutzten sie, 51 Prozent nicht. „Die Performance bis zu den Osterferien brachte die Kollegen dazu, sich stabile Alternativen zu suchen, bei denen viele dann im Fernunterricht geblieben sind“, interpretiert Böhm dieses Ergebnis. Generell halten 66 Prozent der Befragten mebis für den Fernunterricht für (sehr) geeignet, andere Kollaborationssoftware wurde mit 85 Prozent noch deutlich besser bewertet.

Im Durchschnitt wurden im Zeitraum vor den Osterferien 85 Prozent der Schüler erreicht. Dennoch hatten in der Anfangsphase der Schulschließungen damit rund drei bis vier Schüler pro Klasse keinen Kontakt zu ihren Lehrern. Das Nichterreichen lag entweder an der fehlenden technischen Ausstattung der Familien zuhause oder auch an der Lerneinstellung der Schüler. 77 Prozent der befragten Lehrkräfte zeigten sich mit der Kommunikation mit den Schülern zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Und sieben von zehn Lehrkräften sind sich sicher, dass das Verhältnis zu ihren Schülern wie zuvor im Präsenzunterricht bleibt, 16 Prozent der Befragten sehen sogar ein verbessertes Verhältnis zu ihren Schülern seit den Schulschließungen. Wenn es ein Feedback gab, berichteten 75 Prozent der Befragten von positiven Rückmeldungen der Eltern (Elternbeiräte: 81 Prozent).

Die befragten Lehrkräfte haben bereits im Zeitraum bis zu den Osterferien mehrheitlich sowohl wiederholt als auch neue Lerninhalte vermittelt. 84 Prozent der Lehrkräfte sahen zum Zeitpunkt der Befragung die Abschlussprüfungen trotz unklarer Zukunftsaussichten nicht gefährdet. 71 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass sich Leistungsunterschiede zwar feststellen lassen, sind aber davon überzeugt, dass dies an der Realschule nicht zu einem Auseinanderklaffen führen wird. Nicht einmal drei von zehn Kollegen gehen davon aus, dass die Leistungsunterschiede deutlich größer werden. 

„85 Prozent der Schüler wurden unmittelbar nach Einsetzen der Fernbeschulung erreicht. Das zeigt, dass der Fernunterricht an Realschulen sehr gut funktioniert, eine breite Palette an digitalen Medien genutzt wird und in den meisten Fällen die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern und Lehrern und Eltern gut funktioniert hat. Die Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen war zu keiner Zeit gefährdet, denn mittlerweile findet seit dem 27. April auch wieder Präsenzunterricht statt“, resümiert Böhm die Onlineumfrage.

Vier Forderungen des brlv im Hinblick auf digitales Lehren und Lernen
Auf der Basis der Umfrageergebnisse hat der brlv vier Forderungen formuliert, die das Lehren und Lernen sowie die Nutzung digitaler Medien im Bildungsbereich für alle Beteiligten in Zukunft weiter professionalisieren sollen:

  1. Erweiterung der Kommunikationsplattformen: Es müssen dauerhafte Ergänzungs- und Wahlmöglichkeiten bei den Kommunikationsplattformen geschaffen werden und es darf bei keinen Kurzzeitlösungen während der Corona-Krise bleiben. 
  2. Die Wartung und Systembetreuung der IT müssen vor Ort an der Schule weiter professionalisiert und durch externes Fachpersonal unterstützt werden (extern erfolgen). Eine enge Partnerschaft zwischen Schulen und Sachaufwandsträger ist die Voraussetzung, damit es nicht an jeder Schule zu unterschiedlichen „Insel-Lösungen“ kommt, die von einzelnen Personen abhängig sind.
  3. Digitale Endgeräte für Lehrkräfte und Schüler: Jeder Lehrkraft muss ein digitales Endgerät zur Verfügung gestellt werden, das auf die Lern- und Kommunikationsumgebung der Schule abgestimmt ist. Es braucht gezielte und niedrigschwellige Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung (z. B. Landesbürgschaften), damit jedem Schüler zuhause ein digitales Endgerät zur Verfügung steht.
  4. Digitales und modernes Arbeiten erfordert klare Regelungen von Arbeits- und Regenerationsphasen.

Die vier Forderungen decken sich größtenteils mit dem „Münchner Appell“, den der brlv anlässlich eines Digitalisierungskongress Ende April 2017 formuliert hatte. Dabei werden aktuell 2020 wie schon 2017 gerade die entscheidende Rolle der Lehrkraft, deren personelle Kompetenzen und die pädagogische Nutzung der digitalen Medien in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt.

„Corona wird unser Leben und unseren Schulalltag noch länger begleiten. In diesen herausfordernden Zeiten danke ich allen Lehrkräften an unseren bayerischen Realschulen für ihr hohes Engagement und ihren Einsatz für die Zukunft unserer jungen Menschen. Es kommt jetzt darauf an, dass es seitens der Politik zu keinen überzogenen Forderungen an die Lehrkräfte kommt. Der Spagat zwischen Präsenz- und Fernunterricht sowie Betreuungsaufgaben kann auf Dauer nicht geleistet werden“, so der brlv-Vorsitzende.


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