Inklusion

Drei Fragen an: Michael Felten

Pädagoge und Autor Michael Felten plädiert im Interview für ein dynamisches Neben- und Miteinander von Förder- und Regelschulen. Die Idee, Kinder mit Behinderung könnten sich nur im gemeinsamen Lernen an Regelschulen optimal entwickeln, basiert aus seiner Sicht auf einem „romantischen Missverständnis“.

30.01.2019 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer
  • © Michael Euler-Ott Michael Felten hat 35 Jahre lang an einem Kölner Gymnasium Mathematik und Kunst unterrichtet und lehrt an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. 2017 veröffentlichte er das Buch „Die Inklusionsfalle – Wie eine gut gemeinte Idee unser Bildungssystem ruiniert“ (Gütersloher Verlagshaus).

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Herr Felten, wo gibt es in Deutschland beim Thema Inklusion an meisten Aufholbedarf?
Gerade in Deutschland muss klarer werden, was die Behindertenrechtskonvention der UN (BRK) in puncto Bildung eigentlich wollte und aussagt. Ihr Ziel war, dass Kinder mit und ohne Behinderungen weltweit am öffentlichen Schulsystem teilnehmen können sollen. Das ist hierzulande bereits lange der Fall, denn Förderschulen gehören zu den allgemeinbildenden Schulen. Die BRK sagt aber keineswegs, dass wir unsere hochspezialisierten Förderschulen oder -klassen abschaffen müssen. Im Gegenteil: Besondere Maßnahmen, die die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen ermöglichen oder beschleunigen, gelten nicht als Diskriminierung (Art. 5.4). Insbesondere verlangt die BRK, bei allen Maßnahmen das Entwicklungswohl des einzelnen Kindes vorrangig zu berücksichtigen (Art. 7.2). Der Besuch einer Spezialschule mit besonderen Ressourcen kann also geradezu geboten sein. Vielen ist nicht klar, dass ein Schüler mit besonderen Lernschwierigkeiten in einer Regelklasse durch den ständigen Vergleich mit Leistungsstarken zusätzlich benachteiligt würde. Im Übrigen müssten wir uns dringend darum kümmern, mehr junge Menschen für ein Studium der Sonderpädagogik zu gewinnen. Das ist vor lauter Strukturstreit unter den Tisch gefallen. 

Fast jedes Bundesland geht bei der Inklusion einen anderen Weg. Wie kann mehr Vereinheitlichung erreicht werden?
Das unterschiedliche Vorgehen der Bundesländer hat durchaus eine positive Seite: Man kann besser vergleichen, was funktioniert und was nicht. So wurde etwa in NRW durch eine übereilte und unterfinanzierte Radikalinklusion in der Schule viel Porzellan zerschlagen – sowohl bei den Förderstrukturen als auch im Bewusstsein der Bevölkerung. Bayern dagegen verfolgte von Anfang an das Ziel, das Elternwahlrecht zu gewährleisten: In jedem Kreis werden sowohl inklusiv arbeitende Schulen angeboten als auch Spezialschulen für jeden Förderbedarf. Man könnte sagen: Überall da ist man auf einem guten Weg, wo der Fokus darauf liegt, was das einzelne Kind im Moment braucht, und wo die Ressourcen stimmen. Dual-inklusives Denken würde bedeuten, dass Regel- und Förderschulen nebeneinander existieren und dynamisch miteinander kooperieren. Jedes Kind, das dies braucht, kann zeitweise in geschütztere und unterstützendere Bedingungen wechseln und auch wieder zurück.

Ist die Diskussion rund um die Inklusion eher ideologisch oder finanziell geprägt?
Mir scheint beides eine starke Rolle zu spielen. In finanzieller Hinsicht gab es den naiven Urgedanken, schulische Inklusion ließe sich kostenneutral realisieren: durch Auflösung der Förderschulbudgets und gießkannenartige Verteilung des Personals auf alle Regelschulen. Das aber bedeutet unter dem Strich für das einzelne behinderte Kind fatalerweise viel geringere Förderressourcen als zuvor. In ideeller Hinsicht grassiert das romantische Missverständnis, nur im gemeinsamen Lernen an Regelschulen könnten sich behinderte Kinder optimal entwickeln. Dabei wird höchst fahrlässig negiert, dass bei bestimmten Behinderungsformen eine Regelbeschulung geradezu kontraproduktiv ist: große Lerngruppen, die ängstigen und überfordern; nur wenig Sonderpädagogenpräsenz, was förderliche Beziehungskontinuität erschwert oder ausschließt.

Vom 19. bis 23. Februar 2019 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen. 

Forum Unterrichtspraxis
Gute Lehrer-Schüler-Beziehung, der Geheimcode für Unterrichtserfolg – wie geht das eigentlich?

  • Referent: Michael Felten, Lehrer und Publizist, freier Schulentwicklungsberater, Köln

22.02.2019
15:00 - 16:00 Uhr
Halle 8, E021/D020
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e.V.

Forum Bildung
Inklusion – Wende in Richtung Vernunft

  • Referent: Michael Felten, Lehrer und Publizist, freier Schulentwicklungsberater, Köln

23.02.2019
12:15 - 13:15 Uhr
Halle 7, D040/ E041
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e.V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2019 finden Sie unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

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Ein Kommentar vorhanden

  • 31.01.2019 14:30 Uhr
    Michael Felten verbreitet in dem Interview erneut die ewig gleichen Halbwahrheiten, Missverständnisse und Irrtümer. Im Einzelnen:

    1. Es geht nicht um Teilnahme „am öffentlichen Schulsystem“, sondern um „die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in das allgemeine Bildungssystem und damit auch das gemeinsame zielgleiche oder zieldifferente Lernen von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderungen in der allgemeinen Schule“ (KMK 2010, 3).
    2. Inklusion findet im „allgemeinen Bildungssystem“ (KMK 2010, 3) statt, nicht in „allgemeinbildenden Schulen“ (Felten).
    3. Besondere Maßnahmen sind keine Diskriminierung. Die Förderschulen sind besondere Institutionen, besondere Schulen und keine „besonderen Maßnahmen“.
    4. Schüler mit Behinderungen sind nicht „einem ständigen Vergleich mit den Leistungsstarken“ (soziale Bezugsnorm) ausgesetzt, sondern lernen in der Inklusion zieldifferent mit einer Bewertung nach der individuellen Bezugsnorm.
    5. Regel- und Förderschulen existieren seit über 100 Jahren „nebeneinander“. Mir ist nicht bekannt, dass sie in dieser Zeit „dynamisch miteinander“ kooperiert hätten. Und sie werden auch in den nächsten 100 Jahren nicht dynamisch miteinander kooperieren.
    6. „Zeitweise in geschütztere Schonräumen wechseln“: Sonderschulen sind Daueraufenthaltsorte! Felten will glauben machen, dass behinderte Schüler in Förderschulen lediglich eine ambulante Gastrolle spielen, im Übrigen aber zwischen Sonder- und Regelschule ständig hin und her pendeln.
    6. Dass behinderte Kinder sich „nur im gemeinsamen Lernen an Regelschulen optimal entwickeln“, ist eine fixe Idee von Felten. Inklusion behauptet, dass behinderte Kinder sich im gemeinsamen Unterricht mindestens genauso gut entwickeln wie in der Förderschule. Und das kann man sich in der Realität anschauen und durch empirische Untersuchungen belegen.
    Hans Wocken
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