Wirtschaft

Finanzielle Analphabeten

Aktien, Steuererklärung, Altersvorsorge – das finanzielle Wissen der Deutschen ist unterdurchschnittlich. Ökonomische Bildung als Unterrichtsfach könnte helfen. Eine Initiative hat nun eine nationale Finanzbildungsstrategie ausgerufen. Von Franziska Schuberl

19.06.2023 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • Schülerin schreibt etwas. © www.pixabay.de

Über Geld spricht man nicht. Geld verdirbt den Charakter. Aktien sind nur etwas für Reiche oder Zocker. Solche Glaubenssätze seien immer noch in den Köpfen der Deutschen verankert, sagt Verena von Hugo, Co-Vorsitzende des Bündnisses für Ökonomische Bildung BÖB. Um solchen Glaubenssätzen entgegenzuwirken, sei ökonomische Bildung entscheidend. Das sehen auch viele Schülerinnen und Schüler so: Nach der jüngsten Jugendstudie des Bankenverbandes wünschen sich nahezu drei Viertel der jungen Leute mehr Informationen in der Schule über wirtschaftliche Zusammenhänge. Viele machen sich große Sorgen um ihre finanzielle Zukunft, nicht zuletzt aufgrund der steigenden Inflation. 77 Prozent von ihnen fordern explizit die Einführung eines entsprechenden Unterrichtsfachs. Dass das Finanzwissen der Deutschen ausbaufähig ist, zeigt auch eine OECD-Studie von 2019. Etwa ein Drittel der Bürger können einfache Fragen zur Zinsrechnung nicht richtig beantworten. Nach einer europaweiten Studie der ING Bank von 2022 sieht sich sogar die Hälfte der Bürger als „finanzielle Analphabeten“ – damit ist Deutschland im europäischen Vergleich Vorletzter. Vor allem Frauen fühlen sich unsicher bei finanziellen Entscheidungen.

Zwei Ministerien, ein Ziel

Dabei sei finanzielle Bildung die Voraussetzung für Wohlstand, sagte Finanzminister Christian Lindner in der Pressekonferenz am 23. März zur Initiative Finanzielle Bildung. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Bundesministerium der Finanzen haben sich zusammengeschlossen, um eine nationale Finanzbildungsstrategie zu entwickeln. Eine zentrale Plattform soll Bildungsangebote zu diesem Thema für Bürger/-innen und insbesondere Schüler/-innen bündeln. Ziel der Initiative ist es, die Finanzbildung zu verbessern, damit mehr Menschen in Deutschland an Wachstum und Wohlstand teilhaben können. Die Bildungsangebote werden Fragen aus unterschiedlichen Lebensphasen abdecken, wie beispielsweise die ersten Entscheidungen bei Miet-, Kredit- oder Kaufverträgen, die Steuererklärung oder die Altersvorsorge. „Den eigenen Arbeitsvertrag zu verstehen gehört genauso dazu wie die Altersvorsorge in die Hand zu nehmen,“ erklärte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger bei der Pressekonferenz.

Der lange Weg zum Schulfach

Um ökonomische Bildung an Schulen zu ermöglichen, bedarf es einer sinnvollen didaktischen Aufbereitung der Inhalte. In einigen Bundesländern und Schularten gehört ökonomische Bildung bereits zum Lehrplan, etwa als Fach „Wirtschaft und Recht“ an bayerischen Gymnasien oder „Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung“, kurz WBS in Baden-Würtemberg für Sekundarstufe I und II. Darüber hinaus gibt es einige Bildungsangebote, mit denen Schülerinnen und Schüler wirtschaftliche Zusammenhänge erleben und ihre ökonomische Fähigkeiten entwickeln können, etwa der Planspielwettbewerb „Play the market“ für bayerische Gymnasien. Es handelt sich dabei um ein Spiel, bei dem die Lernenden einen virtuellen mittelständischen Betrieb leiten und Entscheidungen in den Bereichen Einkauf, Lagerung, Produktion, Marketing, Vertrieb und Finanzen treffen.

Facetten ökonomischer Bildung

Das BÖB unterteilt ökonomische Bildung in acht Themengebiete: Finanz-, Verbraucher-, Wirtschafts-, digitale Bildung, Werte- und Persönlichkeitsbildung, Bildung zu Unternehmertum und nachhaltiger Entwicklung sowie Berufsvorbereitung. Das Bündnis will ökonomische Bildung zukünftig verpflichtend für alle und in hinreichendem Umfang in allen Schularten in der Sekundarstufe I und zur Vertiefung in der Sekundarstufe II auf den Stundenplan bringen – beispielsweise drei Schuljahre lang mit zwei Schulstunden pro Woche. Es gebe viele Stellschrauben, die ökonomische Bildung strukturell zu verbessern, so von Hugo: die Lehrpläne, die Stunden, die Lehrkräfteaus- und -fortbildung, die Verbindlichkeit des Themengebiets in Abschlussprüfungen sowie die Anwendung einheitlicher Prüfungsanforderungen. Der Königsweg, davon geht von Hugo aus, ein eigenständiges Fach mit entsprechender Lehrkräfteausbildung in allen Bundesländern zu implementieren, werde länger, bis zu zehn Jahre dauern – allein die Ausbildung von Lehramtsstudierenden nehme rund sieben Jahre in Anspruch.

Kein BWL, sondern Grundlagen

Ein Schulfach „Ökonomische Bildung“ könnte Schülerinnen und Schüler nicht nur auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten, sondern auch dazu beitragen, dass sie als mündige Bürgerinnen und Bürger die komplexe Wirtschaftswelt besser verstehen und kritisch hinterfragen können – so die Argumentation der Befürworter. „Wenn es dem Einzelnen bessergeht, geht es der Gesellschaft besser“, ist von Hugo überzeugt. Dafür müssten nicht alle zu BWLern und Finanzexperten mutieren, es ginge um Grundlagenwissen: Was ist ein Girokonto? Wo liegt der Unterschied zwischen einer Debit- und Kreditkarte? Was sind die drei Säulen des Rentensystems? Welche Möglichkeiten bietet der Arbeitgeber zur betrieblichen Altersvorsorge?

Die Befürworter von ökonomischer Bildung in der Schule sehen Finanzbildung als Beitrag, allen Menschen unabhängig ihrer Herkunft gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Ökonomische Bildung könne auch Teil der Lösung vieler gesellschaftlicher Probleme sein, wie etwa bei der Altersarmut, sagt Sven Schumann, Co-Vorsitzender des BÖB. „Studien zeigen, dass Personen, die unter 30 Jahren in die Verschuldung rutschen, solche Verhaltensmuster im Umgang mit Geld bereits im Teenageralter gezeigt haben.“ Dabei verweist Schumann auf Ergebnisse der Studie „Die Bedeutung von Finanzbildung für das Konsumverhalten von Jugendlichen“ von 2020: Wenn am Elterntisch über Wirtschaft und Finanzthemen gesprochen wird, gehen die Personen später, wenn sie eigenverantwortlich ihr Leben führen, pragmatischer mit Finanzthemen um – Gegenteiliges gilt für Kinder und Jugendliche aus armen Familienverhältnissen. Ökonomische Bildung könnte also auch Menschen helfen, die Armut zu verlassen oder nicht in Armut zu geraten. BÖB-Vorsitzende von Hugo ist guter Dinge: „Ökonomische Bildung ist kein Allheilmittel. Wir können aber einen Beitrag leisten, wenn wir solche Themen weniger tabuisieren und in der Schule fest verankern.“ Damit das finanzielle Analphabetentum der Deutschen bald ein Ende findet.


Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 2/2023, S. 38-41 erschienen. https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_2_2023/#0



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