didacta-Themendienst

G8 oder G9: „Ich möchte kein Entweder-oder“

In Hamburg können sich Schülerinnen und Schüler entscheiden, ob sie nach acht oder neun Jahren Abitur machen wollen. Ties Rabe, Senator für Schule und Berufsbildung der Hansestadt, über willkommene Herausforderungen, Schulstress und demographischen Wandel.

08.02.2017 Bundesweit Artikel Anne Odendahl
  • © Michael Zapf Ties Rabe ist Senator für Schule und Berufsbildung in Hamburg.

Herr Rabe, G8 oder G9: Wo steht Hamburg in dieser Frage?
In Hamburg führen zwei weiterführende Schulformen zur Allgemeinen Hochschulreife: An der Stadtteilschule können die Schülerinnen und Schüler ihre Abiturprüfung nach neun Lernjahren ablegen, am Gymnasium nach acht Lernjahren. Kinder und ihre Eltern entscheiden sich für die Stadtteilschule, wenn sie nach dem Leistungsstand oder der allgemeinen lernpsychologischen Entwicklung den Eindruck haben, dass eine längere Lernzeit den späteren Übergang in die Studienstufe besser ermöglichen könnte. In Hamburg muss also kein Schüler seine Abiturprüfung nach acht Jahren ablegen.
  
Fühlen sich Schüler, die nach acht Jahren Abitur machen, gestresster als diejenigen, die nach neun Jahren Abitur machen?
Empirische Untersuchungen, die eine signifikante Steigerung des subjektiven Stressempfindens von Schülern durch die Einführung eines achtjährigen Bildungsgangs am Gymnasium belegen, liegen nicht vor. Schulstress kann viele Ursachen haben, ein Bezug zu G8 ist bislang nicht nachweisbar. So weist zum Beispiel eine Studie des Instituts für soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Ludwig-Maximilian-Universität München (2010) darauf hin, dass kein messbarer Unterschied zwischen der Stressbelastung von Schülerinnen und Schülern im G8 bzw. G9 an Gymnasien besteht.

Literaturangaben zur angesprochenen Untersuchung und zu weiteren Studien finden Sie im Artikel „Mehr Stress durch G8? Stressbelastung von Abiturienten mit regulärer und verkürzter Gymnasialzeit in NRW“, erschienen in der Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie, in Heft 4/2015.

Durch welche Faktoren ist Schulstress zu begründen? 
Das Stressempfinden der Schülerinnen und Schüler ist stets durch vielfältige Faktoren bedingt. Neben einer allgemeinen schulischen Arbeitsbelastung können beispielsweise Leistungserwartungen in der Familie, Konflikte mit Lehrkräften oder Mitschülern, entwicklungspsychologische Herausforderungen in der Pubertät und mediale Überreizung eine Rolle spielen. Das Stressempfinden muss unabhängig von der Dauer des Bildungsgangs ernst genommen und seinen Ursachen nachgegangen werden. Aufgabe einer kompetenten Lehrkraft, aber auch des Elternhauses und des schulischen Umfelds bleibt es, rechtzeitig übergroße Belastungen zu erkennen und mit dem Schüler Handlungswege und Unterstützungsmöglichkeiten im Rahmen der schulischen Möglichkeiten zu entwickeln. Nicht zuletzt kann ein guter, strukturierter Unterricht, der den Schülern seine Leistungsanforderungen transparent macht und individuelle Lernwege anbietet, stressmindernd wirken. 

Welche Maßnahmen könnten oder müssten getroffen werden, um den Schulstress zu reduzieren?

Die Einführung des achtjährigen Bildungsgangs an Hamburger Gymnasien erfolgte im Schuljahr 2002/2003 (Doppeljahrgang 2010). Begleitend wurden strukturelle Maßnahmen eingeführt, die zur Entlastung beitragen sollten, zum Beispiel das Doppelstundenprinzip, Studienzeiten und eine Verringerung der Zahl der schriftlichen Lernerfolgskontrollen. Im Rahmen der bundesweit geführten G8/G9-Diskussion in den Jahren 2012/2013 hat die zuständige Behörde nach einer Phase intensiver Diskussion und Auswertungen im August 2014 weitere Maßnahmen durchgeführt, die dazu beitragen, den Schulstress an den Hamburger Gymnasien zu reduzieren. Unser Ziel ist eine gleichmäßigere Verteilung der Arbeitsbelastung. Zu oft wechseln Phasen mit hohem Schulstress mit Phasen, in denen in der Schule nur sehr wenig geschieht, beispielsweise direkt vor oder nach den Ferien. Eine gleichmäßigere und transparente Verteilung der schriftlichen Lernerfolgskontrollen in der Sekundarstufe I wurde verbindlich geregelt: pro Woche nicht mehr als zwei, pro Monat nicht mehr als sieben, im Dezember maximal sechs Klausuren. Kollegiale Absprachen und schulische Regelungen müssen gewährleisten, dass die für die Hausaufgaben verwendete Arbeitszeit nicht mehr als etwa eine Stunde pro Tag und fünf Stunden in der Woche beträgt. Nicht zuletzt wurde der Unterrichtsumfang in den Jahrgängen 5 und 6 auf 30 bzw. 31 und in den Jahrgängen 7 bis 10 auf höchstens 34 Wochenstunden à 45 Minuten festgelegt. Eine Ausnahme von letzterer Regelung bilden nur die altsprachlichen Gymnasien mit ihrem zusätzlichen Fremdsprachenunterricht. In den Dienstbesprechungen der Schulleitungen und Abteilungsleitungen der Gymnasien werden die Auswirkungen dieser Maßnahmen und weitere Folgen des Übergangs zum achtjährigen Bildungsgang in regelmäßigen Abständen ausgewertet.

Eine Begründung für die G8-Einführung war, dass man dem demografischen Wandel begegnen wollte, indem man die Jugendlichen früher ins Arbeitsleben integriert und sie international konkurrenzfähiger macht. Geht dieser Plan auf?
Die langfristigen Auswirkungen der Verkürzung der Lernzeit am Gymnasium auf die Berufsbiografien der Schülerinnen und Schüler und damit auf sozialpolitische Folgen des demografischen Wandels erlauben zurzeit noch keine fundierte Analyse. Immerhin konnte eine 2015 veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung nachweisen, dass die Einführung von G8 in 14 Bundesländern nicht zu einer Verringerung der Abiturientenzahlen geführt hat. Der seit einigen Jahren deutliche Anstieg der Abiturientenquote ist weiterhin ungebrochen. Das Alter der Abiturienten hat sich hingegen durch die Einführung von G8 im Schnitt um zehn Monate verringert.

Welche pädagogischen Argumente sprechen aus Ihrer Sicht für bzw. gegen G8 und welche für bzw. gegen G9?
Ich möchte kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. In Hamburg stehen deshalb zwei weiterführende Schulformen, Gymnasium und Stadtteilschule, den Schülerinnen und Schülern zur Wahl, die einen achtjährigen bzw. neunjährigen Bildungsgang zum Abitur ermöglichen. Für diese Entscheidung spielen ganz individuelle Voraussetzungen und Ziele der Schüler die entscheidende Rolle. Der kürzere Bildungsgang am Gymnasium ist auf ein erhöhtes Anforderungsniveau und den späteren Übergang in die Studienstufe zugeschnitten, während der Unterricht an der Stadtteilschule stets grundlegende, mittlere und erhöhte Anforderungen berücksichtigt und bestmöglich auf alle drei Abschlüsse vorbereitet. Die kognitiven und lernmethodischen Anforderungen am Gymnasium, die in einem mitunter schnelleren Lerntempo zu bewältigen sind, können für Schüler, die mehr Zeit für ihre Entwicklung und das Erreichen ihrer Bildungsziele benötigen, eine Schwierigkeit darstellen – für andere Schülerinnen und Schüler sind sie gerade eine gern angenommene Herausforderung. Im Übrigen hat sich in Hamburg gezeigt, dass der Jahrgang 11 des neunjährigen Bildungsgangs am Gymnasium von den Schülern nur unzureichend zur Kompetenzerweiterung genutzt wurde. Auch die Zahl der Auslandsaufenthalte war in diesem Jahrgang beträchtlich. Grundsätzlich muss allerdings betont werden, dass für die Wahl der Schulform häufig weitere Kriterien ausschlaggebend sind, wie beispielsweise das individuelle Profil der Schule, Angebote im Ganztagsschulbetrieb, Förder- und Forderkonzept bis hin zum allgemeinen Eindruck eines innovativen pädagogischen Leitbilds „aus einem Guss“, das die Schule in allen Details prägt.  

Auf der didacta 2017 in Stuttgart diskutiert Ties Rabe über die Belastungen, denen Schüler ausgesetzt sind.

Schule/Hochschule

Forum Bildung
Schulstress: Wie viel Leistungsdruck vertragen unsere Schüler/-innen?
Es diskutieren:
•    Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes (DPhV)
•    Dr. Josef Meier, Philologisch-Historische Fakultät Universität Augsburg
•    Ties Rabe, Senator für Schule und Berufsbildung der Freien und Hansestadt Hamburg
•    Erika Takano-Forck, stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrates
18. Februar 2017
13:00 bis 14:15 Uhr
Halle 1, H71
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

Forum Bildung
Podium: G8/G9: Was ist der richtige Weg zum Abitur in Baden-Württemberg?
Darüber diskutieren:
•    Doro Moritz, Vorsitzende GEW Baden-Württemberg
•    Bernd Saur, Vorsitzender PhV Baden-Württemberg
•    Claudia Stuhrmann, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg
15. Februar 2017
13:30 bis 14:45 Uhr
Halle 1, Stand H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum didacta aktuell
Leistungsstarke Kinder – wo bleiben sie?
Darüber diskutieren:
•    Dr. Susanne Eisenmann, Kultusministerin von Baden-Württemberg
•    Monika Greschuchna, Schulleiterin aus dem Saarland
•    Stefan Küpper, SCHULEWIRTSCHAFT Baden-Württemberg
•    Prof. Dr. Manfred Prenzel, School of Education an der TU München
•    Dr. Donate Kluxen-Pyta, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
15. Februar 2017
11:00 bis 11:45 Uhr
Halle 5, D32
Veranstalter: Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier


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