Gebärdensprache in Bayern eigenes Unterrichtsfach

(Maren Dors) Seit September 2003 wird der Unterricht für Gebärdensprache in Bayern mit Hilfe eines eigenen Lehrplans abgehalten. Ziel des bilingualen Sprachunterrichts in den bayerischen Förderschulen ist es, durch die Parallelität von Laut- und Gebärdensprache ideale Voraussetzungen für die Berufstätigkeit hörbehinderter Menschen zu schaffen.

18.05.2004 Artikel

Bayern hat einen bedeutenden Schritt in Richtung Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache und Sozialisation gehörloser Kinder unternommen: Im September 2003 wurde im südlichsten deutschen Bundesland der Lehrplan für die Deutsche Gebärdensprache an Förderschulen eingeführt, eine integrative Leistung, von der Schüler mit dem Förderschwerpunkt Hören profitieren. Gebärdensprache wurde dadurch zu einem eigenen Unterrichtsfach an Förderschulen. In bilingualen Sprachlerngruppen werden Gebärden- und Lautsprache seither gemeinsam unterrichtet. Ziel ist es, die kommunikativen Fähigkeiten in beiden sprachlichen Systemen zu fördern und damit die Integration Schwerhöriger und Gehörloser in die Regelschule prinzipiell zu ermöglichen.

Kontrastiver Unterricht

Praktisch sieht der bilinguale Unterricht in bayerischen Förderschulen so aus, dass ein interaktiver Wechsel zwischen Laut-, Schrift- und Gebärdensprache stattfindet. Um die individuellen Sprachbedürfnisse hörgeschädigter oder gehörloser Schüler ideal zu fördern, wird der Unterricht kontrastiv abgehalten. Das heißt konkret, dass eine Lehrkraft nur in Lautsprache mit den Schülern kommuniziert, während eine zweite dieselben Inhalte in Gebärdensprache übersetzt. Auf diese Weise wird die Identifikation mit beiden Sprachen ermöglicht und der Schüler kann selbst entscheiden, in welcher Sprache er sich verständigen möchte. Er erlernt also beide Sprachen und erhält die Möglichkeit, mit Menschen ohne Gehörschädigung ebenso zu kommunizieren wie mit anderen Schwerhörigen oder Gehörlosen.

Mit dem interaktiven Wechsel zwischen Laut- und Gebärdensprache soll erreicht werden, dass gehörgeschädigte Menschen ihre Fähigkeiten so optimal wie möglich ausbilden können. Dazu gehört neben der eigenen Kommunikationsfähigkeit mit Gebärdensprache auch die Aneignung der laut gesprochenen Sprache, der Ablesefähigkeiten und nicht zuletzt natürlich auch die Schriftsprache. Denn die Fähigkeit, selbst laut zu sprechen oder von den Lippen abzulesen, ist bei richtiger Förderung für viele Gehörlose oder Schwerhörige weitgehend erlernbar. Genau diese Fertigkeiten sind es, mit denen sie am gesellschaftlichen Leben der Hörenden aktiv teilnehmen können. Obgleich Gehörgeschädigte auch selbst sprechen bzw. gesprochene Sprache von den Lippen ablesen können, ist die Anerkennung der Gebärdensprache wichtig, weil sie unter den Betroffenen das wichtigste Kommunikationsmittel und Teil einer eigenen Kultur ist, in der Gehörschä-digung keine Behinderung, sondern ein Teil des Lebens ist. Die Gebärdensprache bietet hörbehinderten Menschen Raum für eine eigene Identität. Zudem ist sie – wenn hörbehinderte Menschen unter sich sind – das praktischste Verständigungsinstrument.

Berufstätigkeit erleichtern

Ziel des bilingualen Sprachunterrichts in den Bayerischen Förderschulen ist es, durch die Parallelität von Laut- und Gebärdensprache ideale Voraussetzungen für die Berufstätigkeit zu schaffen: Da sich die berufliche Kommunikation mit dem vermehrten Einsatz von Computern in den vergangenen Jahren stark gewandelt hat und E-Mails viele Telefongespräche ersetzen, können Schwerhörige oder Gehörlose genauso schnell kommunizieren und sind damit am Arbeitsplatz weit weniger eingeschränkt als noch vor einigen Jahren.

In Bayern haben Schüler und Eltern auf den Unterricht für Gebärdensprache sehr positiv reagiert. Der gleichzeitige Erwerb zweier Sprachen führt weder zu einer nachhaltigen Verzögerung der Sprachentwicklung noch zu zwei nur unvollständig entwickelten sprachlichen Systemen. Ganz im Gegenteil: Oft ist die Sprachkompetenz bei zweisprachig aufgewachsenen Menschen sogar höher. Dies hängt damit zusammen, dass das Gefühl für Grammatik und korrekten Ausdruck durch die Gegenüberstellung von zwei Sprachsystemen intensiver wird. Dennoch ist der bayerische Lehrplan für Gebärdensprache ein Einzelfall.

Kein anderes deutsches Bundesland hat bisher ähnliche Vorhaben konsequent realisiert: Zwar wurde in Hamburg ein sehr erfolgreicher Schulversuch zum bilingualen Unterricht durchgeführt und auch Hessen ist bemüht, den Unterricht je nach Förderbedarf flexibel zu gestalten. Aber entsprechende Lehrpläne wurden bisher nicht verabschiedet. Scheinbar dominiert immer noch die Meinung, dass Integration hörbehinderter Menschen in die hörende Umgebung heißen muss, den Regeln der hörenden Welt so genau wie möglich zu folgen und damit eine eigene Kultur für hörbehinderte Menschen auszuschließen. Dass aber gerade diese eigene Identität, die sich in der Sprache manifestiert, die Menschen für diese sonst so laute Welt stärkt, wird dabei kaum berücksichtigt.

Gebärdensprache an Regelschulen?

Auch die Integration behinderter Schüler in den Unterricht der Regelschulen ist seit vielen Jahren ein Thema, das in deutschen Kultusministerien immer wieder heiß diskutiert wird – im einen Bundesland mehr, im anderen weniger. Insgesamt gibt es immer wieder konkrete Bemühungen, gehörgeschädigte Menschen so zu fördern, dass ihre gesellschaftliche Integration auf eine ideale Grundlage gestellt ist. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass schon bald schwerhörige oder gehörlose Schüler neben den Grundschülern in der Regelschule sitzen. Will man alle Schüler ihren Fähigkeiten gemäß ideal fördern, scheinen die Unterschiede einfach doch zu groß zu sein.

Hintergrund

Eigenständiges Sprachsystem

Die Deutsche Gebärdensprache ist ein eigenständiges sprachliches System, das sich sowohl semantisch-lexikalisch als auch grammatikalisch-syntaktisch von der Lautsprache unterscheidet. Dabei erfüllt sie den selben Zweck wie jede andere Sprache: Gedanken in sprachliche Einheiten zu strukturieren oder einfach die Belange des menschlichen Lebens auszudrücken. Auch Gedichte gibt es in Gebärdensprache. Wie bei jedem Erstspracherwerb geht es nicht nur um das Erlernen der Sprache, sondern auch darum, das Denken selbst zu erlernen. Diesen wichtigen Entwicklungsprozess ermöglicht die Gebärdensprache ebenso wie jede andere Sprache. Die Gebärdensprache ist ein Zeichensystem, in dem den meisten Wörtern der Lautsprache eine Gebärde zugeordnet ist. Die Gebärden basieren keineswegs nur auf der Handform und der Handstellung; auch Ausführungsstelle, Mimik, Körperausdruck und Mundbild kommen große Bedeutung zu. Im bilingualen Unterricht, in dem die Gebärdensprache oft lautsprachbegleitend verwendet wird, werden die Gebärden jedoch auf die sinntragenden Einheiten reduziert, da die Produktionszeit länger ist als in der Lautsprache und das Gefühl für Tempo und Rhythmus der Lautsprache trotzdem trainiert werden soll. Ergänzend wird das Fingeralphabet verwendet. Neben den Handzeichen tragen aber auch Mimik des Gesichts und Gestik des Kopfes bzw. des Oberkörpers zur sprachlichen Kompetenz bei.

Weitere Infos:

www.gebaerdenwerk.de
www.stmuk.bayer.de/km/asps/presse/presse.asp

Autorin

Maren Dors hat Linguistik studiert und ist Pressereferentin im Ernst Klett Verlag
E-Mail:


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