"Geschichtsbücher müssen Mut zur Kontroversität haben"

Das Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung in Braunschweig schärft zurzeit sein Profil. Die Direktorin Professor Dr. Simone Lässig erläutert im Gespräch mit Ute Kehse, wie die beiden Leitlinien "gesellschaftliche Relevanz" und "wissenschaftliche Qualität" die Institutsarbeit bestimmen.

30.10.2008 Artikel
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Frau Lässig, Sie haben zum Wintersemester 2006/2007 die Leitung des Georg-Eckert-Instituts für Schulbuchforschung übernommen. Können Sie schon eine erste Bilanz Ihrer Arbeit ziehen?

Dr. Simone Lässig: Selbstverständlich. Um das Zusammenspiel unserer Forschungs- und Serviceleistungen zu erhöhen, haben wir im letzten Jahr eine grundsätzlich neue Struktur ins Institut gebracht: Wir haben vier Projektbereiche eingerichtet, die aktuelle Fragen wie das Lernen in Migrationsgesellschaften oder Probleme der europäischen Integration aufgreifen. Damit werden wir auch den Ansprüchen der Bundesländer, die das Institut finanzieren, an unsere Serviceleistungen besser gerecht.

Wieso hat das Thema Schulbuchforschung in den letzten Jahren an Aktualität gewonnen?

Dr. Simone Lässig: Wir besinnen uns darauf, dass unsere Zukunft sehr stark von Bildungsfragen abhängt. Das gilt nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern auch für die sogenannten sinnbildenden Fächer wie Geschichte, Geografie und Sozialkunde, mit denen wir uns beschäftigen. Schulbücher werden bei Lehrern und Schülern auf der ganzen Welt als etwas "Wahres" wahrgenommen. Insofern ist das, was in Schulbüchern steht, ausgesprochen prägend.

Findet man denn noch Vorurteile in deutschen Schulbüchern?

Dr. Simone Lässig: Feindbilder, wie wir sie zum Beispiel aus der deutsch-französischen Geschichte vor 1945 kennen, kommen nicht mehr vor. Aber trotzdem gibt es noch genügend Ansätze für Verbesserungen. Wie wir Minderheiten abbilden, wie wir es schaffen, Geschichte so zu vermitteln, dass sich in unseren schon überwiegend multiethnischen Klassenzimmern alle Schüler angesprochen fühlen – das sind neue Fragen. Auch die internationale Schulbuchforschung steht hier noch am Anfang.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte, der aus den Mitteln des Niedersächsischen Vorab gefördert wird, heißt "Migration und ethnisch-religiöse Parallelgesellschaften". Kommen diese Themen im Unterricht gar nicht vor?

Dr. Simone Lässig: Wenn ich mir die Schulbücher anschaue, spielen sie eher eine untergeordnete Rolle – zu untergeordnet. Deutschland ist nicht unbedingt Vorreiter, wenn es darum geht, diese Themen in die Geschichtslehrbücher zu bringen.

Inwieweit fließen die Ergebnisse der Schulbuchforschung wieder in die Gestaltung neuer Lehrbücher ein?

Dr. Simone Lässig: In der Vergangenheit sind Empfehlungen, die das Institut zum Beispiel zur Darstellung der jüdischen Geschichte gegeben hat, mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung in die Schulbücher eingesickert. Wir wollen aber den Transfer unserer Arbeitsergebnisse in die Gesellschaft beschleunigen. Daher bauen wir zurzeit ein Internetportal auf. In einem der Module werden wir Schulbuchrezensionen anbieten. Verfasst werden sollen sie aus drei Perspektiven – von Schülern, Lehrern und Wissenschaftlern. So sollen Schulbücher auf den Prüfstand kommen.

Wie könnte beispielsweise ein ideales Geschichtsbuch aussehen?

Dr. Simone Lässig: Geschichte ist ein Fach, das neben den historischen Fakten vor allem bestimmte Kompetenzen vermitteln soll. Für eine staatsbürgerliche Bildung, die demokratischen Anforderungen genügen soll, ist es sehr wichtig, dass ein Geschichtsbuch den Mut zur Kontroversität hat. Schüler sollten verstehen, dass es die eine historische Wahrheit nicht gibt und dass jede Generation und jede Nation ihre eigene Geschichte schreibt. Geschichtsbücher sollen heute insofern vor allem den Blick weiten und es den Schülern ermöglichen, die Geschichte der Anderen auch mit deren Augen zu sehen. Nur so können Jugendliche Fremdkompetenz und die Fähigkeit zur Empathie entwickeln, die heute wichtiger sind denn je.

Könnte ein europäisches Geschichtsbuch diese Aufgaben erfüllen?

Dr. Simone Lässig: Ich bin skeptisch. Wenn von einem europäischen Geschichtsbuch die Rede ist, so erhoffen sich dessen Befürworter zumeist mehr soziale Kohäsion. Es geht um eine gemeinsame europäische Identität, die über das Bewusstsein einer gemeinsamen Geschichte wachsen soll. Häufig aber dominiert eine sehr westliche, abendländische Sicht. Die Länder im Osten Europas würde man mit einem solchen Ansatz eher ausgrenzen als integrieren. Daher arbeiten wir zurzeit an einem Alternativprojekt: Wir wollen auf einer mehrsprachigen Internetplattform Europabilder vorstellen, wie sie in europäischen und außereuropäischen Schulbüchern vorkommen, und sie wissenschaftlich kommentieren. So kann im Unterricht ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, welche Vorstellung von Europa in anderen Ländern vorhanden ist. Dies scheint uns derzeit viel gewinnbringender zu sein als eine "europäische eistererzählung" zu erschaffen.

Der zweite Schwerpunkt, den Sie mithilfe der Mittel aus dem Niedersächsischen Vorab angeschoben haben, beschäftigt sich mit universitären Lehrbüchern. Ist das ein ganz neues Forschungsgebiet?

Dr. Simone Lässig: Dieses Feld ist noch relativ unbestellt, und wir haben deshalb eine Pilotstudie angeregt. Allerdings ist der Ansatz ein ganz anderer als bei Schulbüchern: In diesen kann man lesen, was Staaten gern in den Köpfen junger Menschen verankert wissen wollen. In den universitären Lehrbüchern ist das zumindest in demokratischen Staaten nicht der Fall. Unser Blick richtet sich daher eher darauf zu untersuchen, inwieweit die Einführung der neuen Bachelor- und Master-Studiengänge die Lehr- und Lernkultur an den Universitäten verändert.

Wie sehen Sie die Zukunft des Georg-Eckert-Instituts?

Dr. Simone Lässig: Ziel ist es, unser Alleinstellungsmerkmal in Forschung und Service weiter zu festigen und noch auszubauen. Wir wollen – europa- und auch weltweit – zum wichtigsten Kompetenzzentrum in Fragen der Lehrmedienforschung werden. Unser Nahziel ist die Aufnahme in die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz, denn dies würde den optimalen Rahmen bilden, um auf dem jetzt eingeschlagenen Weg voranzuschreiten und unsere mittel- und langfristigen Vorhaben zu realisieren.

Erstveröffentlichung und alle Rechte: Forschen für morgen - Personen und Projekte im Niedersächsischen Vorab, eine Broschüre der Volkswagenstiftung.


Weiterführende Links

  • Das Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung in Braunschweig

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