GEW befürchtet große Löcher bei der Unterrichtsversorgung im neuen Schuljahr
"Mit Ausnahme der Grundschulen wird es zu Beginn des Schuljahres an den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen in Rheinland-Pfalz zu teilweise erheblichen Engpässen und zu strukturellem Unterrichtsausfall zwischen 3% und 6% kommen", prognostiziert der Vorsitzende der Gewerkschaft und Wissenschaft Rheinland-Pfalz (GEW), Klaus-Peter Hammer. Grund hierfür seien einerseits die steigenden Schülerinnen- und Schülerzahlen in der Sekundarstufe sowie an den berufsbildenden Schulen, darüber hinaus aber ein Personal- und Einstellungsmanagement, das die objektiven Bedingungen im Bereich des Lehrkräftearbeitsmarktes in den vergangenen Jahren nicht ausreichend berücksichtigt habe und nach wie vor nicht hinreichend berücksichtige.
01.08.2008 Rheinland-Pfalz Pressemeldung GEW Rheinland-Pfalz"In fast allen Schularten gibt es nicht mehr genügend Bewerberinnen und Bewerber, um die vorhandenen Planstellen besetzen zu können", teilte Hammer mit. "Zurzeit suchen die Einstellungsbehörden händeringend nach Lehrerinnen und Lehren, um die Löcher zu stopfen, vor allem durch den Abschluss von Vertretungsverträgen, weil es für die Planstellen niemand mit der angeforderten Fächerkombination mehr gibt." Deshalb werde auch auf Lehrkräfte anderer Schularten und in Einzelfällen mit anderer Fakultas zurückgegriffen.
50 Grund- und Hauptschullehrkräfte werden nach GEW-Angaben im kommenden Schuljahr an die Gymnasien abgeordnet. "Wir kritisieren diese Verschiebeaktion schon deswegen, weil die Abgeordneten an den Schulen ihrer Schulart auch benötigt werden", sagte Hammer. "Das Ministerium errechnet statistisch einen Lehrkräfteüberhang, den es so gar nicht gibt, weil es bei seiner Berechnung des Lehrerbedarfs die Klassenmesszahl und nicht die tatsächlichen Klassengrößen zugrunde legt", so der GEW-Landesvorsitzende. An den Haupt- und Regionalen Schulen gebe es Unterrichtsausfall vor allem in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie, Arbeitslehre, Techniklehre, regional auch in Sport, Kunst und Musik. Nach Einschätzung der GEW werden im kommenden Schuljahr rund 350 bis 400 Personen ohne abgeschlossenes Lehramtsstudium eingestellt, um Unterrichtsausfall an den Grund-, Haupt und Regionalen Schulen zu kaschieren.
"Richtig ist wohl", so Klaus-Peter Hammer, "dass alle im Haushalt zur Verfügung stehenden Planstellen in diesen Schularten noch besetzt werden können. Die GEW fordert aber mehr Planstellen für notwendige pädagogische Arbeit an den Grundschulen, z.B. für individuelle Förderung und Differenzierung, und eine Vertretungsreserve für alle Schularten. In Grundschulklassen mit zum Teil bis zu 30 Kindern ist die Förderung Einzelner kaum möglich." Zudem würden etwa 60% der so genannten "Feuerwehrlehrer" an Grundschulen als Klassenlehrer eingesetzt und fehlten daher für kurzfristige Vertretungsfälle.
An den Realschulen dürfte der Unterrichtsausfall im kommenden Schuljahr nach GEW-Informationen bei etwa 3% liegen (rund 130 Lehrkräfte). Absolute Mangelfächer seien nach wie vor Physik und Chemie. Auffallend seien hier die vielen Vertretungsverträge, vor allem in Rheinhessen-Pfalz.
Ein gleich hoher Unterrichtsausfall, also rund 3% (ca. 60 Lehrkräfte), sei an den Integrierten Gesamtschulen zu erwarten. Hier fehlten neben anderen insbesondere Gymnasiallehrerinnen und -lehrer, weil es bereits nicht mehr genügend Bewerberinnen und -bewerber für die Besetzung der Planstellen an den Gymnasien gebe.
An den Gymnasien sei ein Unterrichtsausfall zwischen 3% und 4% zu erwarten (280 bis 370 Lehrkräfte). Lehrerinnen und Lehrer fehlten hier insbesondere in Latein, Mathematik und Physik, aber partiell auch in Englisch und Französisch sowie in Kunst und Musik. Lücken versuche man auch hier - neben Abordnungen von Grund- und Hauptschullehrkräften - über Vertretungsverträge zu stopfen.
Bei den Förderschulen fehlten vor allem in den Schulaufsichtsbereichen Trier und Koblenz zwischen insgesamt 20 und 40 Stellen, weil es auch in dieser Schulart keine Bewerberinnen und Bewerber mehr mit 2. Staatsexamen mehr gebe. Hier müssten die Einstellungsbehörden deswegen zwangsläufig auf Grundschullehrerinnen und -lehrer zurückgreifen, zum Teil auf Lehrkräfte mit nur dem 1. Staatsexamen. Auswirkungen habe dies auch auf die Schwerpunkt-Grundschulen, in denen beeinträchtigte und nicht beeinträchtigte Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden, weil auch für diese Schulen Förderschullehrerinnen und -lehrer nicht mehr in der erforderlichen Anzahl zur Verfügung stünden.
Wegen der steigenden Schülerzahlen müssten an den berufsbildenden Schulen rund 50 Stellen mehr besetzt werden, als durch Pensionierungen und sonstige Abgänge frei geworden sind. Auch dann würde der strukturelle Unterrichtsausfall aber nur unwesentlich unter 6% sinken. Besonders hoch sei der Unterrichtsausfall nach Angaben der GEW im Schulaufsichtsbereich Koblenz. Insgesamt verschärfe sich die Situation im ländlichen Bereich, weil dringend benötigte Lehrkräfte sich aussuchen könnten, an welcher Schule sie unterrichten wollen. Besonders dramatisch sei die Lehrerversorgung in den klassischen gewerblich-technischen Bereichen – katastrophal im Bereich Metalltechnik (z.B. Maschinenbau, Kfz), Probleme aber auch zunehmend im Bereich Elektrotechnik: Hier konkurrierten die berufsbildenden Schulen mit der Wirtschaft um die Ingeneurinnen und Ingenieure mit Universitätsabschluss.
Die berufsbildenden Schulen litten auch unter der verschärften Konkurrenz mit Gymnasien, weil der Bedarf in den berufsübergreifenden ("allgemein bildenden") Fächern wie Deutsch, Englisch, Französisch, Musik, Sport, Mathematik oder Naturwissenschaften nicht mehr gedeckt werden könne, da Lehrkräfte für diese Fächer überwiegend für die gymnasialen Lehramtsstudiengänge ausgebildet werden. Zunehmend gebe es jetzt auch Versetzungsanträge von an berufsbildenden Schulen beschäftigten Gymnasiallehrerinnen und -lehrern hin zu den Gymnasien.
Für die GEW ist ein Teil der immer schwieriger werdenden Personalsituation an den Schulen "hausgemacht". So wurde nicht nur viel zu lange vor dem Lehramtsstudium gewarnt, sondern werde auch heute noch die Anzahl der zur zweiten Ausbildungsphase zugelassenen Bewerberinnen und Bewerber begrenzt. "Wir übersehen nicht, dass das Bildungsministerium in den vergangenen Jahren mehr Personen zum Referendariat zugelassen hat als noch vor zehn Jahren", sagte der GEW-Landesvorsitzende. " Wir verstehen aber nicht und kritisieren deswegen immer wieder, warum trotz des real drohenden Lehrerinnen- und Lehrermangels nicht alle geeigneten Bewerberinnen und Bewerber in den Studienseminaren zugelassen wurden und werden. Wenn hier kein schnelles und rigoroses Umdenken erfolgt, werden wir, trotz zurückgehender Schülerzahlen, in fünf bis zehn Jahren ganz schwierige Verhältnisse haben", prophezeit Hammer.
Hinzu komme, dass sich Rheinland-Pfalz bei der Beamtenbesoldung an die letzte Stelle der vergleichbaren Bundesländer "gespart" habe, ihre Lehrerinnen und Lehrer bei der Besoldung zum Teil geringer einstufe als die Nachbarländer und bereits mit 40 Jahren keine Verbeamtungen mehr vornehme. Das führe dazu, dass in Rheinland-Pfalz ausgebildete junge Lehrkräfte lieber nach Hessen, Baden-Württemberg oder das Saarland gehen, als in Rheinland-Pfalz auf eine Planstelle zu hoffen oder als schlechter bezahlte Angestellte auf 500 Euro oder mehr monatlich verzichten zu müssen. "Die GEW fordert die Landesregierung auf, die Besoldung ihrer Landesbeamtinnen und -beamten an das bundesweite Niveau heranzuführen und die Verbeamtungsgrenze im Schulbereich wieder auf mindestens 45 Jahre anzuheben", sagte Klaus-Peter Hammer. "Die Herabsetzung der Altersgrenze durch eine Verfügung des Finanzministers auf 40 Jahre ist zumindest im Schulbereich ein kontraproduktiv. Die Folgen müssen nun die betroffenen Kolleginnen und Kollegen und in zunehmendem Maße auch die Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz ausbaden."
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