Globalisierung im Klassenzimmer

(kei). Ob Amerika, Peking oder Australien – Auslandserfahrungen sind für viele deutsche Schüler längst eine Selbstverständlichkeit. Dabei immer im Fokus: der Ausbau der Sprachkenntnisse, das Verständnis für andere Kulturen und die persönliche Weiterentwicklung. Wichtig ist darum eine gute Vorbereitung.

12.09.2007 Artikel
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Kopfgymnastik in der Pause – für die 23 Schüler des Stuttgarter Ferdinand-Porsche-Gymnasiums und ihre Lehrerin Sonja Schanz war das schon ungewöhnlich. Für die rund 4 000 Schüler ihrer Partnerschule in Peking dagegen gehörten die Massagen von Augen und Nacken zum Alltag. Das haben Schanz und ihre Schüler erfahren, als sie dort im September 2006 für drei Wochen zu Besuch waren. "Wir waren sehr nervös, ob wir alles richtig machen", berichtet die Lehrerin. Die Regeln einzuhalten sei den Schülern dann auch nicht immer leicht gefallen. Der Besuch in der Partnerschule, die der Renmin- Universität in Peking angeschlossen ist, soll die Schüler motivieren, sich mit dem Land, seiner Geschichte und wirtschaftlichen Entwicklung auseinanderzusetzen – und natürlich Chinesisch zu lernen. Mit Erfolg: Eine Schülerin will Chinesisch studieren, ein anderer Schüler hat sich für einen Zivildienst in Peking entschieden.

Organisationen

Die Globalisierung hat deutsche Klassenzimmer längst erreicht. Fast jeder dritte Student war nach den Befunden der 17. Sozialerhebung aus dem Jahr 2003 schon einmal mit dem Schüleraustausch im Ausland. Programme, die dies ermöglichen, gibt es viele: So bringt das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) des Deutschen Bundestags und des Kongresses der USA junge Leute beispielsweise für ein Jahr in die USA. Das Goethe-Institut stellt mit seinem Jugendaustausch-Programm Kontakt zwischen Jugendlichen aus Russland, der Ukraine, Kasachstan, Kirgistan und Deutschland her.

Das Deutsch-Französische Jugendwerk hat im vergangenen Jahr rund 70 000 Kinder und Jugendliche bei ihrem grenzüberschreitenden Austausch mit dem Partnerland gefördert – ganze Klassen, aber auch einzelne Schüler. "Paris und Berlin waren dabei immer sehr gefragt", berichtet Joëlle Bontems, die für den Schüleraustausch zuständig ist.

Lernen mit allen Sinnen

Lehrer können sich in Seminaren, die das Jugendwerk anbietet, auf den Austausch vorbereiten. Sie lernen beispielsweise, wie man Hemmungen und Ängste bei den Schülern abbaut, berichtet Julia Gottuck, die sich um die so genannte Sprachanimation kümmert.

Auch Lehrerin Ingrid Hüniken, die am Emil-von-Behring Gymnasium in Großhansdorf Englisch und Französisch unterrichtet und regelmäßig Schülergruppen auf dem Austausch mit der Partnerschule Lycée Sainte Thérèse in Rambouillet bei Paris begleitet, hat die Erfahrung gemacht, dass Vorbereitung wichtig ist. "Ich würde immer empfehlen, vor dem Austausch mit der Gruppe kleine alltägliche Situationen zur Vorbereitung zu simulieren." Schon in Kleinigkeiten würden sich französische und deutsche Gepflogenheiten unterscheiden. "Beispielsweise überreicht man der Gastmutter in Frankreich den Blumenstrauß mit der Folie und wickelt die Blumen nicht etwa aus." Für Hüniken ist es wichtig, dass der Kontakt der Schüler nicht über das Internet, sondern vor Ort stattfindet.

Diese echten Begegnungen müssten erhalten bleiben, um das interkulturelle Lernen mit allen Sinnen zu ermöglichen. Schüler entwickeln Selbstbewusstsein und Reife Begegnungen von Schülern vor Ort ermöglicht beispielsweise der American Field Service – AFS Interkulturelle Begegnungen e.V., die nach eigenen Angaben größte und älteste Jugendaustauschorganisation weltweit. Ob in Mexiko, Italien, Südafrika, Japan oder Australien – die Organisation bietet Schülern Austauschprogramme auf jedem Kontinent an. Rund 1 400 Schüler reisen in diesem Jahr mit dem AFS in die Welt. Ein Drittel von ihnen fährt in die USA.

Auch Brasilien, Argentinien, Italien, Thailand und China sind beliebte Ziele für ein Schuljahr im Ausland. Der Blick richte sich zunehmend "gen Osten". "Das macht im Lebenslauf viel her", sagt AFS-Sprecherin Annika Wolfgram. Vorkenntnisse in den Sprachen müssen die Schüler, die bei der Abreise zwischen 15 und 18 Jahren alt sein sollten, nicht unbedingt haben. "Manche können tatsächlich außer Hallo kaum ein Wort", berichtet sie. Doch zu Beginn des Auslandsaufenthaltes bekommen die Schüler einen Crashkurs in der Landessprache. Ohne gute Sprachkenntnisse ist noch keiner zurückgekommen. Und: Es sind nicht nur die Sprachkenntnisse, die Schüler im Ausland entwickeln. Die jungen Leute werden auch selbstständiger, selbstbewusster und sie entwickeln eine erste interkulturelle Kompetenz. "Mütter sagen oft, sie schicken Jungs los und bekommen junge Männer zurück", sagt Wolfgram. Schüler mit Auslandserfahrung seien im Schnitt ein Jahr reifer als ihre Mitschüler, die zuhause geblieben sind. Dennoch sei auch ein bisschen Heimweh immer dabei.

Osten im Trend

Sankt Petersburg und Moskau sind die Hauptziele der Schulklassen, die mit Unterstützung der Stiftung Deutsch- Russischer Jugendaustausch nach Russland reisen. "Manche Gruppen fahren auch nach Sibirien", berichtet Mathias Burghardt, Referent für den Schulbereich und die Sprachförderung. Die Stiftung wurde im Jahr 2006 vom Bund, der Stadt Hamburg und privaten Trägern gegründet. "Unser Ziel ist es, mehr Jugendliche in Deutschland für Russland zu interessieren – und umgekehrt", berichtet Burghardt. Russischkenntnisse sind keine unbedingte Voraussetzung für die Förderung durch die Stiftung. "Es sind auch Schulgruppen dabei, die kein Russisch können", berichtet Burghardt. Auch die 18 Jahre alte Karen aus Paderborn konnte die Landessprache nicht, als sie im Jahr 2005 mit rund 30 Mitschülerinnen des Gymnasiums St. Michael aus Paderborn nach Mezöbereny in Ungarn gefahren ist. Immerhin: "Unsere Gastschüler haben erstaunlich gut Deutsch gesprochen", berichtet sie. An der Partnerschule, dem Petöfi-Sandor-Gymnasium, werde Deutsch als erste Fremdsprache unterrichtet. Den Schülerinnen aus Paderborn sei es dagegen mehr darum gegangen, eine andere Kultur kennen zu lernen und neue Freundschaften zu schließen, erzählt Karen.

Für Schüler gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich zu informieren – beispielsweise auf Messen. Eine davon findet jedes Jahr in Großhansdorf bei Hamburg statt. In diesem Jahr werden dort am 15. September rund 40 Aussteller über den Austausch mit den USA, Kanada und anderen Ländern informieren. Im Internet bietet die Seite www.rausvonzuhaus.de der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB) vielfältige Informationen: Erfahrungsberichte, Finanzierungsmöglichkeiten, Länderinformationen und Beschreibungen der einzelnen Programme. Einen Blick wert ist auch das Forum: Hier geben Teilnehmer ihre Erfahrungen mit Austauschprogrammen an Interessierte weiter.

Kompakt

Die Globalisierung hat deutsche Schulen erreicht. Fast jeder dritte Student war schon als Schüler im Ausland. Ob Kasachstan, China oder Sankt Petersburg – deutsche Jugendliche reisen mit Austauschprogrammen rund um die Welt.

Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst


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  • Raus von zuhaus

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