Große Skepsis über Effektivität einzelner Lehrplanreformen an der Grundschule bei Eltern und Lehrkräften am Gymnasium
Auch wenn Bayerns Grundschüler im Bundesvergleich laut einer aktuellen Studie des IQB in Berlin im Lesen, Zuhören und Rechnen gute Leistungen attestiert wurden, wollte der Bayerische Philologenverband in einer umfangreichen Befragung von Gymnasiallehrkräften dennoch genauer wissen, wie sich die veränderten Rahmenbedingungen und bestimmte methodisch-didaktische Neuerungen an der Grundschule auf den Anfangsunterricht am Gymnasium auswirken.
05.12.2012 Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)Dies gilt insbesondere für die Bewertung des vor einigen Jahren an der Grundschule eingeführten Englischunterrichts. In einer Online-Umfrage wurden deshalb 1.146 Gymnasiallehrkräfte mit Unterrichtserfahrung in Englisch, Deutsch und Mathematik in der 5. Jahrgangsstufe nach ihren Erfahrungen mit dem Kenntnisstand von Übertrittsschülern aus der Grundschule befragt. Im Fokus standen der veränderte Grundschullehrplan und neue Lehrmethoden in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik.
Umfrageergebnisse zeigen Handlungsbedarf auf
Aus Sicht der Gymnasiallehrerschaft zeigen die Umfrageergebnisse, dass trotz des guten Abschneidens der bayerischen Grundschüler im nationalen IQB-Vergleich Handlungsbedarf besteht. Nur 10 Prozent der befragten Englischlehrkräfte sind der Auffassung, dass die Einführung von Grundschulenglisch den seinerzeit erhofften positiven Effekt auf den gymnasialen Englischunterricht zur Folge gehabt hat, die große Mehrheit sieht keinen Qualitätsgewinn. Außerdem verzeichnen rund 85 Prozent der befragten Deutschlehrkräfte eine Abnahme der Rechtschreibleistungen bei den Übertrittsschülern in den letzten Jahren, was auch eine Folge des wegen der Einführung von Englisch gekürzten Deutschunterrichts an der Grundschule sein könnte. 60 Prozent von ihnen finden außerdem, dass sich die Einführung neuer Rechtschreiblehrmethoden ("Lesen durch Schreiben") an der Grundschule negativ auf die Rechtschreibkompetenz der Schüler ausgewirkt habe. Knapp 70 Prozent der befragten Mathematiklehrkräfte sind zudem der Meinung, die an der Grundschule vermittelten Rechenfähigkeiten hätten nachgelassen. Nicht einmal 4 Prozent von ihnen sind überzeugt, dass die in den letzten Jahren im Mathematikunterricht eingeführten methodisch-didaktischen Neuerungen (neue Subtraktionsmethode etc.) einen positiven Effekt auf die Rechenkompetenz der Grundschüler gehabt haben.
"Wieder mehr Deutschunterricht an den Grundschulen!"
Für den bpv-Vorsitzenden Max Schmidt liegen die Konsequenzen auf der Hand: "Unsere Grundschüler brauchen zum einen wieder mehr Deutschunterricht! Flüssiges Lesen und Schreiben und eine sichere Beherrschung der Grundgrammatik sind die zentralen Voraussetzungen für gelingende Bildungswege!" Dass sich Bayern in der 3. und 4. Jahrgangsstufe eine Wochenstunde weniger Deutschunterricht leistet als beispielsweise Baden-Württemberg und Sachsen, sei angesichts des gesellschaftlichen Wandels mit steigendem Migrantenanteil "ein Schuss nach hinten".
"Abziehverfahren in Mathematik: Am Gymnasium kommen die Nachteile voll zum Tragen!"
"Zweitens", so Schmidt weiter, "sind die bayerischen Gymnasiallehrer keineswegs glücklich mit dem Abziehverfahren. In der Grundschule mag es seinen Zweck erfüllen. Aber am Gymnasium, wo die Rechenaufgaben komplizierter werden, bekommen unsere Schüler massive Probleme mit der Unübersichtlichkeit des Verfahrens." In den Schulheften der Fünftklässler herrsche nach übereinstimmenden Beobachtungen teils "blindes Chaos". Schmidt, selbst Mathematiklehrer, ergänzt, das Abziehverfahren sei vor allem zur individuellen Förderung einzelner weniger Schüler geeignet, z. B. bei Dyskalkulie, nicht aber für die Mehrheit der Gymnasiasten. Selbst die Hälfte der bayerischen Grundschullehrkräfte hält das Abziehverfahren für ein "nicht geeignetes Subtraktionsverfahren", wie eine Umfrage des bayerischen Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) 2011 ergab. "Ganz klar" sei, so Schmidt: "Das Abziehverfahren muss weg!"
"Grundschulenglisch: Die Rahmenbedingungen stimmen einfach nicht!"
Drittens hakt es aus Sicht der Gymnasiallehrkräfte auch beim Grundschulenglisch. "Der Englischunterricht an der Grundschule ist meist nicht altersgerecht gestaltet. Die Dritt- und Viertklässler beschäftigen sich mit Inhalten, die eigentlich für Kleinkinder vorgesehen sind", erläutert der bpv-Vorsitzende vor dem Hintergrund einer Untersuchung der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. "Wir fordern daher: Solange die Rahmenbedingungen wie das Unterrichtsmaterial und die Lehrerbildung nicht stimmen und der Englischunterricht an der Grundschule nicht optimal gestaltet werden kann, sollte er lediglich als Zusatzangebot im Wahlbereich stattfinden. Die dadurch frei werdenden Unterrichtsstunden sollten dringend in den Deutsch- und Mathematikunterricht fließen!" Erst wenn verbindliche Standards für den Englischunterricht und die Ausbildung der Lehrkräfte an den Grundschulen existieren, könne man über verpflichtendes Grundschulenglisch sprechen. Schmidt stellt dabei klar: "Ich habe nichts gegen guten Englischunterricht an der Grundschule. Wenn die dort geschaffenen Grundlagen gut wären, könnten wir in den Gymnasien bereits in der 5. Klasse mit einer 2. Fremdsprache beginnen und Englisch weiterführen." Solange dies aber ein "Wunschtraum" sei, müsse "Deutsch höchste Priorität haben!"
Susanne Arndt: "Englisch-Unterricht nicht zu Lasten des Deutsch-Unterrichts"
Auch die Eltern an den Gymnasien zeigen sich besorgt. "Unsere Kinder bringen zunehmend schlechte Ergebnisse in Deutsch, auch und gerade in den höheren Klassen. Unsicherheiten in Rechtschreibung und Grammatik sind allenthalben auszumachen." Einen Grund hierfür sehen die Eltern auch in den Neuerungen an der Grundschule, beispielsweise bei "Lesen durch Schreiben". "Bei dieser Methode ist die Gefahr groß, dass sich Rechtschreibfehler verfestigen. Das bedeutet dann für die Eltern, dass sie ihre Kinder mit viel Zeitaufwand beim Lernen begleiten müssen, um das Einschleifen von Fehlern zu verhindern." Bei einer sich wandelnden Gesellschaft, in der der Migrantenanteil wächst, der Anteil doppelt berufstätiger Eltern steigt und es immer mehr Alleinerziehende gibt, sei dies "kontraproduktiv" und gefährde den elementaren Bildungserfolg.
Ebenso kritisch steht man dem Grundschulenglisch ab der 3. Klasse gegenüber. "Eine Stunde Deutsch mehr in der dritten Klasse und Englisch erst ab der vierten Klasse scheint uns wesentlich sinnvoller als die jetzige Praxis."
Neue Lehrplangeneration muss Schnittstellen verlässlich gestalten
Der bpv-Vorsitzende sieht auch keinen Widerspruch zwischen der Ergebnissen der IQB-Studie und der Umfrage seines Verbandes: "Wer Spitze bleiben will, muss bei drohenden Qualitätsverlusten rechtzeitig gegensteuern und darf nicht warten, bis sich dies auch in Rankinglisten niederschlägt. Letztlich geht es darum, unseren Schülerinnen und Schülern an allen Schularten das bestmögliche Rüstzeug zur Verfügung zu stellen. In diesem Sinne wollen und werden Gymnasiallehrer auch überall vor Ort mit Lehrkräften anderer Schularten vertrauensvoll zusammenarbeiten."
Mit Blick auf die Überarbeitung der Lehrpläne und die neue Lehrplangeneration LehrplanPlus fordert Schmidt, dabei ein Hauptaugenmerk auf die Gestaltung der Übergänge zu richten: "In einem gegliederten Schulwesen mit so hoher Durchlässigkeit wie dem bayerischen kommt den Schnittstellen große Bedeutung zu. Ganz besonders gilt das für den Übergang zwischen der Grundschule und den weiterführenden Schularten. Dass dieser verlässlich gestaltet wird, ist erstes Gebot!"
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