Grundsatzpapier der CDU/CSU gegen "Längeres gemeinsames Lernen" demonstriert Hilflosigkeit
Mit einem Grundsatzpapier haben sich die unionsgeführten Länder Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen für ein gegliedertes Schulsystem und gegen "Längeres gemeinsames Lernen" ausgesprochen. Dass jedoch in den meisten unionsregierten Ländern Schritt für Schritt die starre Mehrgliedrigkeit aufbricht, wird dabei verschwiegen.
04.11.2010 Pressemeldung Länger Gemeinsam Lernen B-WVöllig abstrus wird es schließlich, wenn der bayerische Kultusminister Spänle bei der Präsentation dieses Grundsatzpapiers moniert, dass die Idee der "Einheitsschule" der Retropädagogik des vergangenen Jahrhunderts entstamme und diese Schule als etwas Vorgestriges darstellt. Dies ist eine Verdrehung der Fakten und eine Verunglimpfung aller engagierten Pädagogen, Eltern, Bildungswissenschaftler und Schulentwickler, die sich für die Überwindung des aus dem vorletzten Jahrhundert stammenden Schulsystems mit seinen vielfach nachgewiesenen Mängeln einsetzen. Wenn dann noch Begriffe einer modernen Pädagogik wie Individualisierung oder Umgang mit Vielfalt für die Zementierung des gegliederten Schulsystems missbraucht werden, wird deutlich, dass hier Wahlkampf-Nebelkerzen gezündet werden.
Die Frage ist, ob Kultusminister weiter im Amt zu halten sind, die im Zeitalter der Globalisierung noch nicht bemerkt haben, dass bis auf wenige deutsche Bundesländer und Österreich weltweit kein Staat mehr die Kinder mit bereits 10 Jahren auf hierarchisch angeordnete Schularten verteilt und dass sämtliche internationale Schulleistungsstudien mit einer unmissverständlichen Eindeutigkeit folgendes aufzeigen: Die Spitzenpositionen haben ausschließlich Staaten mit "Längerem gemeinsamen Lernen" inne. Mehr noch: Es gibt kein einziges früh sortierendes Schulsystem, das leistungsstark und gerecht ist. Das schaffen nur die gut umgesetzten integrativen Systeme, die ihre Kinder meist bis zum Ende der Pflichtschulzeit in sogenannten "Einheitsschulen" gemeinsam beschulen und dabei individuell fördern.
So ist z. B. aus der Pisastudie 2002 viel zu wenig bekannt, dass beim Vergleich der zehn Prozent Besten eines Jahrgangs in allen Kompetenzbereichen ausschließlich Staaten im Spitzenfeld liegen, die ihre Schüler meist bis zum Ende der Pflichtschulzeit gemeinsam beschulen. Unser damaliger "Klassenprimus" Bayern belegte Platz 8.
Wäre unser gegliedertes System international erfolgreich, gäbe es längst Nachahmer.
Das Gegenteil ist der Fall. In den letzten 40 Jahren haben bis auf die beiden genannten deutschsprachigen alle anderen Staaten, die ein gegliedertes Schulsystem praktizierten, auf ein "Längeres gemeinsames Lernen" umgestellt. Ein Blick über den eigenen Tellerrand könnte bei den Unionspolitikern eine entspanntere Haltung erzeugen und eine Weiterentwicklung nach dem Vorbild international erfolgreicher Saaten anstoßen. In jedem anderen Bereich würde man schon längst nach Veränderung streben, wenn ein System-Unikat seit Jahrzehnten international nicht erfolgreich ist.
Nationale Vergleiche unter den Bundesländern als Argument für das dreigliedrige Schulsystem heranzuziehen ist Augenwischerei. Fakt ist, dass die Pisastudie zu keinem innerdeutschen Schulsystemvergleich taugt, da bisher in keinem einzigen Bundesland ein flächendeckendes "Längeres gemeinsames Lernen" existiert. Es ist eine gesicherte Größe, dass integrative Schulsysteme ihre Vorteile nicht neben einem parallel dazu existierenden selektiven System voll entfalten können.
Dass der von der Union geprägte Begriff "Einheitsschule" polemisiert, ideologisiert und dabei völlig in die Irre führt, zeigt die Praxis. Während die erfolgreichen Staaten mit einer "Schule für alle Kinder" eine "Schule der Vielfalt" umsetzen, besteht unser gegliedertes Schulwesen aus 3 "Einheitsschulen", in denen zu viel Gleiches im Gleichschritt und meist frontal unterrichtet und viel zu wenig individualisiert wird.
Warum ist das so? Schulstruktur hängt mit Schul- und Lernkultur eng zusammen.
So ist es zum Beispiel eine Illusion zu glauben, alle Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich dem Prinzip der individuellen Förderung uneingeschränkt verpflichtet, wenn unser Schulsystem ihnen nahe legt, auf Lernprobleme mit Sitzen lassen und Abgeben in die nächst niedrigere Schulart zu reagieren. Dementsprechend ist für die individuelle Förderung kaum Unterstützung vorhanden.
Es zeugt schon von Hilflosigkeit, wenn die Union den Begriff "Individualisierung" als neue Vokabel für ihr gegliedertes Schulsystem entdeckt, obwohl diesem System gerade in diesem Bereich in schöner Regelmäßigkeit größte Defizite bescheinigt werden.
Wie erklärte ein Schülersprecher kürzlich bei einer Podiumsdiskussion:
"Eigentlich reichen die drei Schubladen nicht aus, in die die Schüler bei uns eingeteilt werden. Eigentlich bräuchten wir für jeden Schüler eine eigene Schublade, um ihm gerecht zu werden." Und dann sind wir wieder bei der "Schule für alle Kinder", bei einer "Schule der Vielfalt", die tatsächlich Individualisierung zum Grundprinzip hat und wo demzufolge kein Kind abgegeben wird sondern optimal seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert und begleitet wird.
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