Klimawandel

Handeln, bevor das Klima kippt

Jugendliche streiken für das Klima und kleben sich auf die Straße. Doch in den Schulen erhalten sie bislang kaum Klimabildung. Ein Projekt der LMU München will das ändern.

04.01.2024 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • Ein paar Hände hält eine Pflanze mit Erde. © www.pixabay.com

Kurz vor acht Uhr morgens betritt Lehrer Thomas Keßelring mit seinem Koffer in der Hand das Schulgebäude des Franz-Ludwig von Erthal-Gymnasiums in Lohr am Main im bayerischen Unterfranken. Im Klassenzimmer der 9a legt er den Koffer aufs Lehrerpult. Seine Schülerinnen und Schüler staunen. Es handelt sich nicht um einen Aktenkoffer aus Leder, keine Schulbücher oder Arbeitsblätter finden sich darin. Der Koffer ist aus Holz und enthält verschiedene Gegenstände, darunter einen Tischtennisball und einen Luftballon. Was nach den Utensilien für Zauberstricks klingt, hat einen anderen Zweck. Thomas Keßelring unterrichtet Mathematik und Physik und hat den Klimakoffer des Bildungsprogramms „Klimawandel: verstehen und handeln“ der LMU mitgebracht.

CECILIA SCORZA ist die Initiatorin des Bildungsprogramms „Klimawandel: verstehen und handeln“.

Das Programm will Lehrkräfte dabei unterstützen, Schülerinnen und Schülern den Klimawandel zu vermitteln und ihnen Handlungsoptionen aufzuzeigen, wie sich das Klima retten lässt. Cecilia Scorza hat das Programm 2017 entwickelt. Sie ist Astrophysikerin an der Ludwig-Maximilians-Universität LMU München und Klimaschutz ist ihr wichtig: „Von der Astronomie her weiß ich, wie viele Ereignisse zusammenkommen mussten, damit ein bewohnbarer Planet wie die Erde entstehen konnte. Ich will daher meinen Teil zu ihrem Schutz beitragen.“ Das Thema Klimawandel sei längst in der deutschen Gesellschaft, der Wirtschaft und den Medien angekommen. In den Lehrplänen der Schulen aber nur vereinzelt, wie im Physik-Lehrplan der 9. Jahrgangstufe an bayerischen Gymnasien. Scorza kann das nicht verstehen: „Wir hören oft, dass die Lehrpläne voll seien. Aber der Klimawandel wird uns hunderte Jahre lang begleiten. Wir müssen jetzt anfangen, uns darauf vorzubereiten.“ So entwickelte sie das Bildungsprogramm „Klimawandel: verstehen und handeln“, stellte Unterrichtsmaterialien zusammen und entwarf zusammen mit dem Physik- und Mathelehrer Moritz Strähle die Experimente für den Klimakoffer. Zunächst fand das Projekt vor allem in Bayern Anklang. Das änderte sich 2021 mit dem Verleih des Bildungspreises des deutschen Stifterverbandes, wie Scorza schildert: „Dadurch erhielten wir Mittel für die bundesweite Ausweitung des Projektes und konnten ein Netzwerk in ganz Deutschland aufbauen“.

Selbst erfahren, was mit der Erde passiert

Thomas Keßelring öffnet den LMU-Klimakoffer auf seinem Pult. Es kommen zwölf Experimente und Aktivitäten zum Vorschein, mit denen seine Schülerinnen und Schüler erforschen können, wie der Klimawandel funktioniert und welche Auswirkungen er hat. Die Experimente folgen einer Logik und sollten nacheinander oder teilweise parallel durchgeführt werden. Es beginnt mit der Lage der Erde im Sonnensystem, geht weiter mit dem Strahlungsgleichgewicht der Erde, über den natürlichen und anthropogenen Treibhauseffekt und den Anstieg des Meeresspiegels, bis hin zur Versauerung der Ozeane und den Moment, an dem das Klima der Erde unwiederbringlich kippen kann. Der Klimakoffer und die Unterrichtsmaterialien des Projekts „Klimawandel: verstehen und handeln“ seien ihm sehr willkommen, bekennt der Mathe- und Physiklehrer Keßelring: „In meinen Lehramtsstudium gab es nichts zum Thema Klimawandel“. Gut gefällt ihm das Experiment, das die Wärmeabsorption durch CO2 verdeutlicht. Die Schülerinnen und Schüler mischen Zitronensäure mit Natron und Wasser, dabei entsteht CO2. Dies füllen sie in eine Dose und richten einen Wärmestrahler auf sie. Mit einer Wärmebildkamera und einem Thermometer können sie mitverfolgen, wie sich die Temperatur in der Dose erhöht. Sie sehen, wie das CO2 die Infrarot-Strahlung der Lampe aufnimmt – genauso wie die Treibhausgase in der Atmosphäre. So funktioniert der Treibhauseffekt. Keßelring lobt die didaktischmethodische Ausrichtung des Klimakoffers: „Meine Schülerinnen und Schüler können etwas anfassen, sie können selbst erfahren, was passiert, sie gewinnen durch ihr eigenes Tun Erkenntnisse zum Klimawandel.“ Das sei viel wertvoller, als wenn er als Lehrer nur vorne stehe und den Jugendlichen Fakten vermittle oder einen Film zeige.

Der Luftballon platzt nicht

Bei Keßelrings Schülerinnen und Schüler kommt das Experiment mit dem Luftballon gut an. Sie halten einen wassergefüllten Luftballon über eine Kerze und warten gespannt: Wann wird der Luftballon platzen? Aber es passiert nichts. Zumindest nichts, was man sehen könnte. Langsam begreifen die Jugendlichen, dass der Luftballon nicht platzen wird. Denn das Wasser im Luftballon nimmt die Wärme der Kerzenflamme auf. Die sehr wichtige Rolle der Wärmeaufnahme der Ozeane lässt sich so mühelos verstehen. In einem Folgeexperiment lernen die Schüler/-innen dann, dass die Ozeane große Mengen CO2 binden können, dass aber erwärmtes Wasser weniger CO2 aufnehmen kann. Noch schlimmer, erwärmtes Wasser fängt an, CO2 freizusetzen, was wiederum die Atmosphäre noch mehr erhitzt. 

Bei einer der letzten Aktivitäten des Klimakoffers sehen die Schüler/-innen, was passiert, wenn die menschengemachten CO2-Emissionen weiter steigen: Das Klima könnte kippen. Dafür legen sie Metallmuttern als Symbol von CO2 in eine Tüte am Ende einer Wippe. Ein Tischtennisball auf der anderen Seite der Wippe stellt den Zustand des Erdklimas dar. Nach und nach legen sie mehr Muttern in die Tüte. Werden diese zu schwer, also der CO2-Anteil zu hoch, kippt die Wippe, der Ball rollt auf die andere Seite und kann nicht mehr zurück. Keßelring formuliert die Lehre dieses Experiments deutlich: „Wenn wir den CO2-Emissionen stoppen oder gar verringern, bleibt das Erdklima stabil. Wenn jedoch die Menschheit das CO2 weiter erhöht, dann könnte das ganze Erdklimasystem kippen.“ Danach gebe es kein Zurück mehr: Der Anstieg der Temperaturen und der Meeresspiegel ließe sich dann nicht mehr aufhalten und würde die Bewohnbarkeit der Erde erheblich einschränken.

Hier geht es zum Projekt "Klimawandel: verstehen und handeln", zum Klimakoffer und zu den Unterrichtsmodulen mit den ausgearbeiteten Lerneinheiten, Arbeitsblättern und Erklärvideos. 

Ein Handbuch zum Projekt "Klimawandel: verstehen und handeln" mit Erläuterungen, Experimentieranleitungen und handlungsanregungen steht hier zum freien Download. 

Die Fahrradständer sind voll

Die Experimente des Klimakoffers gehören aber nur zur ersten Säule des Bildungsprogramms, sie heißt „Verstehen“. Die beiden weiteren lauten „Zukunftsgestaltung“ und „Zusammen handeln“. Sie komplettieren den didaktisch-methodischen Dreischritt des Programms: Nur wenn Schülerinnen und Schüler den Klimawandel verstehen und den Klimaschutz und die Energiewende als Möglichkeit der Zukunftsgestaltung kennenlernen, sind sie bereit, sich für das Klima zu engagieren. Das Projekt bietet auf seiner Homepage kostenfreie Unterrichtsmaterialien zu allen drei Säulen. Dabei lernen die Schülerinnen und Schüler, wie sich Treibhausgasemissionen reduzieren lassen und wie die Abkehr von fossilen Ressourcen hin zu erneuerbaren Energien dabei helfen kann. Zudem erhalten die Jugendlichen Ideen zum Klimaschutz. So können sie etwa mithilfe eines CO2-Rechners herausfinden, in welchen Bereichen ihre Schule die meisten Emissionen verursacht. Die Projekt-Initiatorin Cecilia Scorza war überrascht: „Es hat sich an vielen Schulen herausgestellt, dass bis zu 70 Prozent ihrer Emissionen aus der Mobilität kommen, also über die Wege in die Schule und zurück nach Hause.“ Keßelrings Schule hat aus diesem Grund an der Aktion „Stadtradeln“ teilgenommen. Die Schülerinnen und Schüler sollten mit dem Rad zur Schule fahren, die Klasse mit den meisten geradelten Kilometern wurde prämiert. Die Aktion war ein Erfolg, so Keßelring: „Die Fahrradständer an unserer Schule waren proppenvoll.“ In einer anderen Challenge sammelten seine Schüler/- innen alte Handys, Ladekabel, leere Batterien und Druckerpatronen und entsorgten sie fachgerecht. Scorza hebt den lernpsychologischen Effekt hervor: „Die Jugendlichen erfahren durch solche Aktionen Selbstwirksamkeit. Das steigert ihre Motivation, sich für das Klima einzusetzen.“

Als Partner des Bildungsprogramms „Klimawandel: verstehen und handeln“ hat die Caritas-Werkstatt München-Dachau die Herstellung und den Vertrieb von bislang 4000 Klimakoffern übernommen. Schulen können den Koffer für 319 Euro bestellen. Mittlerweile bietet das Programm deutschlandweit schulart- und fächerübergreifende Lehrerfortbildungen zur Klimabildung an. Das Franz-Ludwig-von Erthal-Gymnasium bedient alle drei Säulen des Programms und nutzt sie zur Bewerbung als „Klimaschule-Bayern“. Im Oktober ist Thomas Keßelring als Klimaschutzbeauftragter seiner Schule nach München gefahren und hat aus den Händen der bayerischen Kultus- und Umweltministerien die Auszeichnung zur Klimaschule-Bayern entgegengenommen. In der Zwischenzeit treibt Cecilia Scorza ihr Herzensprojekt weiter voran: „Wir kooperieren bereits mit Österreich, Schweiz und Luxemburg. Es gibt auch schon Anfragen aus Indien, Kolumbien und Mexiko. Momentan werden die Materialien des Programms und die Bauanleitungen für den Klimakoffer ins Englische und Spanische übersetzt.“ Damit die ganze Welt mit dem Klimakoffer lernen kann. Noch liegt der Tischtennisball auf der richtigen Seite der Wippe.


Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 4/2023, S. 50-53 erschienen. https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_4_2023/#0



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