Handwerkszeug der Gewaltfreiheit

(kg) Pöbeleien, Mobbing und gewalttätige Auseinandersetzungen gehören in vielen Schulen zum Alltag. Dem Ziel der Konfliktvorbeugung und -lösung haben sich darum über die vergangenen Jahre immer mehr Projekte verschrieben. Sollen sie die Schulentwicklung tatsächlich positiv beeinflussen, brauchen sie vor allem eins: den langen Atem der Beteiligten.

12.07.2007 Artikel
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Als ein neuer Schüler in der Franz-Schubert-Schule in Berlin-Neukölln versucht, die Aufmerksamkeit seiner Klassenkameraden durch Beleidigungen und Streitereien zu gewinnen, hat er keinen Erfolg. Die Fünfklässler wollen weder gewaltsame Auseinandersetzungen noch respektlosen Umgang und zeigen ihm, dass es anders geht. Gelernt haben sie das im Fach "Soziales Lernen", das die Franz-Schubert-Schule vor elf Jahren einführte. Mit Übungen und Rollenspielen lernen Schüler, sich selbst und andere besser wahrzunehmen, mit Gefühlen umzugehen, Menschen verschiedener Kulturkreise zu akzeptieren, sich mit Vorurteilen auseinanderzusetzen und eine Sprache zu verwenden, die andere nicht verletzt.

Das Konzept hat sich bewährt. Die Pausen verlaufen friedlich, die Schüler lösen Streitereien untereinander oder gemeinsam mit den Streitschlichtern der Schule. Finden sie keine Lösung, holen sie sich Hilfe bei den Sozialpädagogen des Schülerclubs oder wenden sich an einen Lehrer. Laut Schulleiterin Ulrike Banach hat sich das Schulklima durch "Soziales Lernen" entscheidend verbessert. "Seitdem haben die gewaltsamen Konflikte deutlich abgenommen", berichtet sie. Lehrerin Mechthild Ripper weist darauf hin, dass es wichtig ist, die Ursachen eines Konflikts zu kennen, um diesen konstruktiv lösen zu können. "Häufig entladen sich in der Schule Probleme, die Kinder im Elternhaus haben", sagt Ripper. Wie Konflikte entstehen und gelöst werden können, müsse daher immer wieder auch in anderen Fächern thematisiert werden. Schließlich lernten die Schüler besser, wenn sie den Kopf frei hätten, außerdem werde der Unterricht weniger gestört.

"Soziales Lernen"

In Baden-Württemberg steht "Soziales Lernen" auf dem Bildungsplan aller Schulen. Die Inhalte werden beispielsweise durch Lektüre und Spiele in die Fächer Deutsch und Sport integriert. Laut Beate Hille vom Kontaktbüro Gewaltprävention des Kultusministeriums Baden-Württemberg gibt es allerdings einen großen Unterschied zwischen Plan und Praxis. "Kurzfristige und punktuelle Maßnahmen bringen nichts", sagt sie. Auch die mangelnde Bereitschaft vieler Lehrer, sich fortzubilden, sei hinderlich. Entscheidend sei außerdem eine langfristige Einbindung von Lehrinhalten oder Projekten in das Schulprogramm.

Beispiel "Faustlos"

Bewährt hat sich das Programm "Faustlos". Das Curriculum fördert ebenfalls die sozialen Fähigkeiten von Kindern. Sind sie vorhanden, lassen sich Konflikte bewältigen; fehlen sie, entstehen Agressionen. Das Programm vermittelt darum das alters- und entwicklungsadäquate Handwerkszeug in den Bereichen Empathie, Impulskontrolle und Umgang mit der eigenen Wut. Materialien gibt es für Kindergärten und Grundschulen. Eine vom Universitätsklinikum Heidelberg in Kooperation mit den Oberschulämtern Mannheim und Heidelberg 1998 durchgeführte Evaluationsstudie belegt die Wirksamkeit von "Faustlos". Die am Programm teilnehmenden Kinder hatten deutlich weniger soziale Ängste als Kinder einer Vergleichsgruppe, sie konnten Gefühle besser wahrnehmen und lehnten aggressive Verhaltensweisen als Mittel der Konfliktlösung ab.

Beispiel "Erwachsen werden"

Als besonders effektiv bezeichnet Beate Hille vom Stuttgarter Kontaktbüro Gewaltprävention das Programm "Erwachsen werden" von Lions-Quest, das durch Persönlichkeitsförderung und die Vermittlung von Lebenskompetenzen gegen Gewaltbereitschaft vorbeugen will. "Die Materialien sind sehr breit gefächert, lassen sich gut in den Unterricht integrieren, und auch Fortbildungen für Lehrer gehören dazu", sagt Hille. Dabei steht die fächerübergreifende Förderung sozialer Kompetenzen im Mittelpunkt. Eine Studie der Universität Bielefeld bewertete das Programm 2002 positiv.

Kontinuität entscheidend

"Kurzfristige Maßnahmen zur Gewaltprävention gehen ins Leere", bestätigt auch Eduard Ruml vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg. "Wichtig sind Kontinuität und Nachhaltigkeit", sagt der Leiter der Zentralstelle Prävention Jugend, der seit zehn Jahren mobile Präventionsmaßnahmen an Schulen durchführt. "Nicht erst schlagen, dann fragen", "Gewalt erzeugt Gegengewalt" sind die Überschriften seiner Schulveranstaltungen. Gemeinsam mit den Schülern klärt er verschiedene Formen von Gewalt, analysiert in Rollenspielen Opfer- und Täterverhalten und informiert über zivilrechtliche Folgen. Die Nachfrage der Schulen nach den Präventionsveranstaltungen der Polizei habe sich in den vergangenen Jahren verdoppelt.

Mediatoren und Konfliktlotsen

Maßgeblich zur konstruktiven Konfliktlösung und Gewaltprävention trägt der Einsatz von Mediatoren und Konfliktlotsen an Schulen bei. Dabei unterstützen die zu Mediatoren ausgebildeten Lehrer das Verfahren, sie sind verantwortliche Begleiter und an der Ausbildung der Konfliktlotsen beteiligt. Diese Funktion übernehmen dafür ausgebildete Schüler. Sie beruhigen Streithähne, moderieren Streitgespräche unparteiisch, unterstützen die Konfliktparteien bei Lösungen und Vereinbarungen, um weitere Konflikte zu verhindern. Die Pausen beaufsichtigen Konfliktlotsen und Lehrer. "Diese gemeinsame Verantwortung beider Generationen verändert das Schulklima erheblich und schafft spürbar eine Atmosphäre der Sicherheit, Offenheit und des Respekts", berichtet Lehrerin Ortrud Hagedorn, die das Modell 1992 in Berlin entwickelt hat.

Das belegt auch eine bundesweite Evaluationsstudie, die 2003 bis 2005 von Camino, Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich, und dem Institut für Sozialpädagogische Forschung in Mainz durchgeführt wurde.

Hilfreich ist Mediation ebenso bei Konflikten zwischen Lehrern und Eltern. "Lehrern fehlt häufig das Handwerkszeug, um Konflikte zu lösen", berichtet Lehrerin Luzie Haller, die in Berlin Lehrer zu Mediatoren ausbildet. Sie fordert, dass alle Lehrer diese Zusatzqualifikation erwerben müssten. Gudrun Kollmar von der Berliner Goerdeler Grundschule besitzt diese nicht und kommt mit ihren Lösungsversuchen nicht weiter. "Ich biete immer wieder Gespräche an, die aber überhaupt nichts bringen", sagt die Lehrerin. Sie wäre an einer Fortbildung interessiert, hätte aber Schwierigkeiten diese zeitlich zu realisieren. Damit ist sie nicht allein, die meisten Lehrer besuchen Mediationskurse in ihrer Freizeit.

Kompakt

Der steigende Bedarf der Schulen nach Unterstützung bei der Gewaltprävention und Konfliktlösung zeigt, dass die sozialen Defizite vieler Schüler steigen und die Lehrer infolgedessen immer öfter an der Konfliktlösung scheitern.

Daher sollten Maßnahmen wie beispielsweise das Mediationsmodell in das Programm aller Schulen integriert werden, Konfliktlösung und Gewaltprävention selbstverständlich zum Schulalltag gehören, wie es in anderen Ländern längst der Fall ist. Die Praxis zeigt, dass die Programme nur erfolgreich sind, wenn sich alle Beteiligten langfristig für ein besseres Schulklima einsetzen. Wichtig ist zudem, dass Lehrer das notwendige Handwerkszeug dafür bereits in ihrer Ausbildung lernen.

Medientipp

Der Verlag Klett-Cotta hat eine neue Zeitschrift ins Programm genommen: "Trauma & Gewalt". Die interdisziplinär ausgelegte Zeitschrift versammelt Beiträge zur Psychotraumatologie und Gewaltforschung, geht also den Weg von der Klinik dorthin, wo Gewalt entsteht. Sie diskutiert Wege und Methoden der Prävention und der Entgegnung auf häusliche und kriminelle Gewalt. Einzelheft 21,00 Euro; Abonnement 62,00 Euro (Erscheinungsweise: vierteljährlich)

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst


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