Zumeldung

Hessen degradiert „Digitale Welt“ zum unverbindlichen Ganztagsangebot

Der elternbund hessen (ebh) verurteilt die Streichung der Lehrerstundenzuweisung für das Pilotprojekt „Digitale Welt“ als bildungspolitische Bankrotterklärung.

31.03.2026 Hessen Pressemeldung elternbund hessen e.v.
  • Ein Laptop und ein Tablett auf einem Tisch. © www.pexels.com Der elternbund hessen kritisiert die Entscheidung, den Schulen ab dem Schuljahr 2026/2027 keine Lehrerstunden mehr für das Fach „Digitale Welt“ zuzuweisen.

Der elternbund hessen (ebh) übt scharfe Kritik an der Entscheidung des Hessischen Ministeriums für Kultus, Bildung und Chancen, den Schulen ab dem Schuljahr 2026/2027 keine Lehrerstunden mehr für das Fach „Digitale Welt“ zuzuweisen. Was Bildungsminister Armin Schwarz als Ausweitung auf über 600 Schulen feiert, ist in Wahrheit das Gegenteil: die Abschaffung eines verbindlichen Unterrichtsangebots und seine Verdrängung in den freiwilligen Ganztag.

Korhan Ekinci, Vorsitzender des ebh: „Die Landesregierung betreibt einen Etikettenschwindel, der seinesgleichen sucht. Sie streicht die Finanzierung eines bundesweit als vorbildhaft anerkannten Pflichtangebots und verkauft die Streichung als Expansion. Wer genau hinsieht, erkennt: Aus einem verpflichtenden Schulfach mit eigener Lehrerstundenzuweisung wird ein unverbindliches Angebot, das mit Fußball-AGs und Töpferkursen um Aufmerksamkeit konkurrieren muss. Das ist keine Bildungsoffensive – das ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung.“

Bruch des Koalitionsvertrags

Der Koalitionsvertrag von CDU und SPD sieht die landesweite Einführung des Schulfachs „Digitale Welt“ ausdrücklich vor. Noch vor wenigen Wochen, bei einem Austauschtreffen der Pilotschulen in Weilburg, war von einem Auslaufen des Projekts keine Rede. Stattdessen wurde den Schulen die flächendeckende Ausweitung in Aussicht gestellt. Dass das Ministerium die Schulen dann in einer Dienstbesprechung am 25. März 2026 vor vollendete Tatsachen stellt und gleichzeitig eine Sperrfrist verhängt, offenbart ein demokratie- und transparenzfeindliches Amtsverständnis, das der elternbund hessen in aller Schärfe zurückweist.

Die Fakten hinter dem Framing

Was das Ministerium verschleiert: Ohne Lehrerstundenzuweisung können die Schulen das Fach schlicht nicht anbieten. Schulleitungen haben dies gegenüber der Frankfurter Rundschau unmissverständlich bestätigt. Bei größeren Schulen bedeutet der Wegfall der Zuweisung den Verlust von bis zu 36 Wochenstunden – mehr als eine volle Lehrerstelle. Die Übertragung in den Ganztag bedeutet zudem, dass die Schulen aus ihren eigenen, ohnehin knappen Binnenmitteln Gelder für das Angebot aufbringen müssten. Ob das Fach überhaupt angeboten wird, hängt damit künftig von der finanziellen Lage der einzelnen Schule ab – und davon, ob Eltern und Schülerinnen und Schüler das freiwillige Angebot gegenüber anderen Ganztagsangeboten vorziehen.

Die Vermittlung digitaler Kompetenz wird damit beliebig.

Digitale Bildung ist Pflicht, keine Kür

Das Pilotprojekt „Digitale Welt“ wurde 2022 in Kooperation mit dem Hasso-Plattner-Institut und unter wissenschaftlicher Begleitung der Goethe-Universität Frankfurt gestartet. Es hat sich von 12 auf 80 Schulen entwickelt und war bundesweit als zukunftsweisend anerkannt. Die Evaluation zeigt eine steigende Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler – insbesondere bei Mädchen. Der Geschlechteranteil liegt bei nahezu 50:50 – ein Ergebnis, das kaum ein anderes MINT-Angebot vorweisen kann.

Digitale Bildung ist im Jahr 2026 keine Ergänzung mehr – sie ist eine Basiskompetenz wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Kinder und Jugendliche beziehen ihre Informationen heute nahezu ausschließlich aus dem Netz. Sie sind einer digitalen Landschaft ausgesetzt, die von Desinformation, KI-generierten Fälschungen und Hassrede durchsetzt ist. Wer ihnen die Fähigkeit vorenthält, diese Informationen kritisch zu bewerten, lässt sie schutzlos zurück.

Dies trifft Kinder aus Familien mit fehlendem oder unzureichendem Zugang zu außerschulischen Bildungsangeboten mit besonderer Härte. Die Streichung der „Digitalen Welt“ als Pflichtangebot vertieft die Bildungsungerechtigkeit in Hessen.

Reihe der Kürzungen

Die Streichung der „Digitalen Welt“ reiht sich ein in eine Serie bildungspolitischer Kürzungen: die Mittelreduzierung für die integrierten Gesamtschulen, der Abbau sozialindizierter Lehrkräftezuweisungen und nun die faktische Abschaffung eines Vorzeigeprojekts der digitalen Bildung. Der elternbund hessen stellt fest: Die hessische Bildungspolitik unter Minister Schwarz folgt keiner pädagogischen Strategie – sie folgt dem Rotstift.

Forderungen des ebh

Der elternbund hessen fordert:

1. Die sofortige Rücknahme der Entscheidung und die Fortführung der Lehrerstundenzuweisung für das Fach „Digitale Welt“ ab dem Schuljahr 2026/2027.

2. Die Umsetzung des Koalitionsvertrags: verbindliche landesweite Einführung der „Digitalen Welt“ als Pflichtfach in der Sekundarstufe I.

3. Eine dauerhafte Verankerung der Medienbildung im Kanon der Pflichtfächer, finanziert durch Landesmittel – nicht durch Binnenmittel der Schulen.

4. Transparenz gegenüber den Schulgemeinschaften: keine Sperrfristen, keine Maulkörbe, keine Hinterzimmer-Entscheidungen über die Köpfe der Betroffenen hinweg.

Korhan Ekinci: „Ein auf Freiwilligkeit basierendes und in seiner Finanzierung ungesichertes Bildungsangebot wird den Anforderungen einer digitalisierten Gesellschaft in keiner Weise gerecht. Das Land Hessen darf sich nicht aus seiner Verantwortung für die digitale Bildung seiner Schülerinnen und Schüler stehlen – schon gar nicht unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Ausweitung.“

Ansprechpartner

elternbund hessen e.v.

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