Interview

Im digitalen Durcheinander

Die Schulschließungen haben vielerorts zu einem Digitalisierungsschub in Deutschland geführt. Doch es fehlt an digitalen Endgeräten und einem Plan, damit Jugendliche nicht abgehängt werden.

30.11.2020 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Tina Sprung
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didacta: „Wir wissen, dass ein Drittel der Jugendlichen nur klicken und wischen können“, sagten Sie in einem Interview für den After Corona Club. Wie kann bei dieser fehlenden Medienkompetenz schulisches Lernen auf Distanz funktionieren?
Birgit Eickelmann: Wir müssen schulisches Lernen auch in der Pandemie so organisieren, dass Lernprozesse begleitet werden und die Lernenden Feedback bekommen. Das geht insbesondere beim Fernlernen nur durch eine reflektierte Nutzung digitaler Angebote. Von den Schülerinnen und Schülern wird erwartet, dass sie digitale Lernangebote nutzen können. Dabei hat, so die Ergebnisse der Studie ICILS 2018, ein Drittel der Achtklässlerinnen und Achtklässler rudimentäre digitale Kompetenzen. Sie tun sich schwer, digitale Medien kompetent, produktiv und kommunikativ zu nutzen. Das müssen wir ändern, sonst funktioniert das digital gestützte Lernen nicht.

Wie kann das gelingen?
Bundeslandweise wird ein flexibles Gesamtkonzept für den schulischen Bildungsbereich benötigt, das dem Infektionsgeschehen Rechnung trägt und das so angelegt ist, dass keine Lernzeit verloren geht. Dazu sind fnanzielle Sofortmaßnahmen, damit alle Kinder und Jugendlichen von den schulischen Bildungsangeboten proftieren, nötig. Ein Baustein ist die zügige Ausstattung der Schülerinnen und Schüler mit digitalen Lerngeräten. Die Corona-Krise hat die Schulen, die noch am Anfang der Digitalisierung stehen, kalt erwischt.

Birgit Eickelmann ist Erziehungswissenschaftlerin und lehrt an der Universität Paderborn Schulpädagogik. Sie leitet in Deutschland die ICILS-Studie, die die digitalen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern der 8. Jahrgangsstufe und das Lernen und Lehren mit digitalen Medien international vergleichend untersucht.

Wie ist die aktuelle Lage an den Schulen?
Viele sprechen euphorisch von einem Digitalisierungsschub in den Schulen. Tatsächlich gab es viel Innovationsgeist und Ideen in der ersten Zeit der allgemeinen Schulschließungen, beispielsweise digitale Barcamps – offene Austauschformate – zur Abiturvorbereitung. Der Bund hat zudem entschieden, die Schulen zusätzlich zu unterstützen – auch in Bezug auf digitale Endgeräte und den Digitalpakt aufzustocken. Damit alleine ist es aber nicht getan.

Warum?
Digitalisierungsprozesse in Schulen sind nur dann nachhaltig, wenn sie auch mit einer wirklichen Veränderung des Lernens verbunden sind und die Lehrkräfte über die entsprechenden Kompetenzen verfügen. Nachdem die meisten Bundesländer beschlossen haben, das Thema Digitalisierung in der Pandemie-Zeit mit mehr Nachdruck anzugehen, lässt das auch für die Zeit danach hoffen. Neben der Ausstattung gelingt das, wenn wir die Lehrerinnen und Lehrer mitnehmen und dafür begeistern.

Was braucht es hierfür?
Die Schulen sollten nicht nur Hygienekonzepte, sondern vor allem pädagogische Konzepte, im Sinne von Organisations- und Arbeitsplänen, erstellen. In den Schulen, die das schon gemacht haben, sind Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte sowie die Eltern zufriedener.

Wie können Lehrkräfte benachteiligte und lernschwache Schülerinnen und Schüler abholen?
Die Ausstattung mit digitalen Endgeräten, die jetzt vorangetrieben wird, ist hilfreich, aber ohne pädagogische Konzepte, die noch hinzukommen müssen, werden diese Geräte nicht automatisch zu Lernerfolgen führen. In der Pandemie-Zeit, aber auch sonst, sollten Lehrkräfte Aufgaben so stellen, dass sie von den Schülerinnen und Schülern alleine oder in Gruppen bearbeitet werden können. Steigen die Infektionszahlen wieder, ist auch das Arbeiten mit Videokonferenztools, die viele Jugendliche ohnehin schon – wenn auch anderweitig – genutzt haben, ein Mittel der Wahl. Vor allem auch die Gestaltung von Lernprozessen über digitale Infrastrukturen wie Lernplattformen bietet sich an. Letztlich muss es in Deutschland endlich gelingen, den Bildungserfolg von der sozialen Lage zu entkoppeln, gerade auch im Bereich des digital gestützten Lernens. Andere Länder wie skandinavische schaffen das. Von denen könnten wir lernen.

Welche Länder gehen besonders positiv mit der aktuellen Situation um und warum?
In Italien, als ein besonders betroffenes Land zum Beispiel, haben die Schulen schnell auf Videokonferenzunterricht umgestellt und so die Schülerinnen und Schüler trotz Lockdown gut
erreicht. Besonders beeindruckend ist Finnland. Hier kann flexibel agiert werden, da bereits seit Jahren alle Schulen mit einer Lernplattform ausgestattet sind, die sowohl im Präsenzunterricht aber auch zu Hause genutzt werden kann. Letzteres ist wichtig. Die vorliegenden Studien zeigen, dass längst nicht alle Schülerinnen und Schüler in den letzten Monaten mit Lernangeboten erreicht werden konnten. Das muss sich im neuen Schuljahr ändern.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 3/2020, S. 4-6, www.didacta-magazin.de



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