„Im Ganztag ist die Aufteileritis ein Problem“
Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung stellt das Schulsystem vor Herausforderungen. Lehrer und Schulentwickler Maik Zaborowski erklärt, warum Schulen für guten Ganztag Strukturen aufbrechen müssen. Von Vincent Hochhausen
06.12.2024 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernendidacta: In zwei Jahren startet der Anspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Sind die Schulen darauf vorbereitet?
Maik Zaborowski: Ich fürchte nicht. Denn momentan gilt der Ganztag für viele Beteiligte als eine Art Nachspielzeit in der Schule. Das Credo ist häufig, dass die Schülerinnen und Schüler in dieser Zeit „beschäftigt werden müssen.“ Das reicht aber nicht. Der Ganztag muss als Bestandteil des Schultages und als Möglichkeit zum Lernen betrachtet werden. Und als wichtige Gelegenheit, die eigenen kreativen, musischen oder sportlichen Talente zu entdecken.
Woran liegt das?
Das hat mit der starren Struktur an unseren Schulen zu tun. Deswegen sind Schulen vor allem Experten für Aufteilung: von Aufgaben, von Lernenden, von Lerninhalten. Viel zu kurz kommt dabei aber, alle Elemente und Akteure in der Schule zusammenzubringen. An Grundschulen ist diese Aufteileritis nicht so ausgeprägt wie an weiterführenden Schulen, denn die Grundschullehrkräfte verbringen die meiste Unterrichtszeit mit ihren Klassen. Aber im Ganztag ist es an allen Schulformen ein gro- ßes Problem, denn die Betreuungskräfte am Nachmittag sind meist nicht mit den regulären Lehrkräften in Verbindung. Es gibt zum Beispiel kaum einen Austausch untereinander über die Kinder.
Maik Zaborowski unterrichtet seit 18 Jahren an einem Hamburger Gymnasium. Er qualifizierte anschließend im Referat „Personalentwicklung“ am Landesinstitut Hamburg schulische Führungskräfte. Er ist Mitgründer des Bildungsunternehmens Skyla.
Es braucht also mehr Kooperation?
Ja. Lehrkräfte sind zumindest im Kollegium in lose Kooperationsstrukturen eingebunden – wie stark die sind, variiert von Bundesland zu Bundesland und von Schule und Schule. Aber auch die Träger, die den Ganztag übernehmen, müssen eingebunden werden. Denn alle sind gemeinsam dafür verantwortlich, dass die Schule gute Arbeit macht und dass die Kinder lernen und ihre Persönlichkeiten entwickeln können – und zwar über den ganzen Tag.
Wie gelingt das?
Ich sehe zwei wichtige Gelingensbedingungen. Erstens müssen alle, die für den Lernprozess des Kindes verantwortlich sind, sich kennen. Denn das passiert unter Lehrkräften zu wenig. Dazu müssen die Strukturen geschaffen werden. Das schafft Vertrauen und ist gleichzeitig die Voraussetzung dafür, gemeinsame Ziele und Ideen für die Kinder auszuarbeiten. Und zweitens muss die Bereitschaft da sein, über Tabus zu sprechen. Dazu gehören zum Beispiel die Dysbalance der Arbeitszeiten und Besoldungen im Team – die sind oft ein Grund dafür, warum in multiprofessionellen Teams Konflikte entstehen.
Müssen auch die Familien eingebunden werden?
Ja, denn auch die prägen den Lernprozess der Kinder. Man muss sich auch klarmachen: Der Ganztag bedeutet eine große Veränderung der Lebenszeit, für Kinder ebenso wie für die Familien. Kinder haben zudem noch andere Interessen außerhalb der Schule und Hobbies, denen sie nachgehen möchten. Deshalb ist mein Tipp, auch die Schülerinnen und Schüler in die Gestaltung des Ganztags einzubinden. Eine Leitfrage kann dazu sein: Wie müsste der Ganztag aussehen, damit die Kinder bis 18 Uhr in der Schule bleiben wollen? Es ist oft verblüffend, was Kinder da schon beitragen können.
Dieses Interview ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 4/2024, S. 12-14 erschienen: https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_4_2024/#0
- Ganztagsausbau: Chancengerechtigkeit durch Sprachbildung
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