Im Norden abgeschafft, im Süden eingeführt

(db). Der Süden Deutschlands forciert eine Zusammenlegung getrennter Fachdisziplinen: Bayern führte letztes Jahr an Gymnasien das Fach Natur und Technik ein, Baden-Württemberg schafft jetzt sogar in allen Schulformen Fächerverbünde. Spannend: In Niedersachsen werden die Kombifächer mit dem kommenden Schuljahr wieder abschafft.

17.06.2004 Artikel

In den neuen baden-württembergischen Bildungsplänen wimmelt es von Abkürzungen: EWG (Erdkunde-Wirtschaft-Gemeinschaftskunde für Realschulen), NWA (Naturwissenschaftliches Arbeiten für Realschulen) und MNT (Materie-Natur-Technik für Hauptschulen). In Niedersachsen dagegen werden die Kombinationsfächer, die einander verwandte Fächer zusammenfassen, wieder abgeschafft. Es stellt sich die Frage, welche Vorteile sich die Süddeutschen - trotz der negativen Erfahrung Niedersachsens - von Fächerverbünden erhoffen und welche Kompetenzen der Schüler diese fördern sollen.

Vernetztes Denken

Der Unterricht im Fächerverbund geht von der Maxime aus, dass Phänomene und Problemstellungen in der heutigen komplexen Erfahrungswelt nicht nach Fachdisziplinen getrennt gesehen und gelöst werden können. Das erste Ziel der Fächerverbünde besteht demzufolge darin, den Schülern vernetztes Denken näher zu bringen. In den Kombifächern soll eine ganzheitliche Betrachtungsweise trainiert und so die Möglichkeit geboten werden, bestimmte Fragestellungen mehrperspektivisch zu erschließen und in einen übergreifenden Sinnzusammenhang zu stellen. Diese Zielsetzung gilt für Natur- und Geisteswissenschaften ebenso wie für den musischen Bereich.

Lehrkräfte überfordert

Ein Blick in den Norden zeigt, mit welchen Problemen sich Schulen bei der Umsetzung des Kombinationsunterrichts konfrontiert sehen. Eines der größten ist die Überforderung der Lehrkräfte. Ausgebildet für ein einzelnes Fach innerhalb des Verbunds, müssen die Lehrer fachfremde Themen an die Schüler vermitteln. An den Haupt- und Realschulen richtet sich die Kritik im Zusammenhang mit dem Kombinationsfach GSW (Geschichtlich-soziale Weltkunde) zusätzlich auch noch gegen die mangelhafte Chronologie innerhalb des Fachs, so Ulrich de Vries, langjähriger Außendienstmitarbeiter des Ernst Klett Verlags in Niedersachsen. Das nieder-sächsische Kultusministerium hat Konsequenzen gezogen: Mit Beginn des Schuljahrs 2004/05 werden GSW und das in der (ebenfalls gestrichenen) Orientierungsstufe (5. und 6. Schuljahr) unterrichtete Kombinationsfach WUK (Welt- und Umwelt-Kunde) wieder abgeschafft.

Zur Verabschiedung von den Fächerkombinationen führte in Niedersachsen vor allem die Tatsache, dass der Unterricht an den Schulen mehr verwirrte, als dass er Klarheit schuf. Die Folge seien zunehmende Orientierungslosigkeit und Unzufriedenheit unter den Schülern gewesen, so die Auskunft des Pressereferats im Kultusministerium Niedersachsen. Dass der Zusammenhang interdisziplinärer Themen von den Schülern zunächst nicht verstanden wird, ist eine ernst zu nehmende Gefahr dieser Modelle. Erst wenn in den einzelnen Fächern Grundkenntnisse erlangt wurden und eine Wissensbasis vorhanden ist, lassen sich die einzelnen Bausteine vernetzen.

Je älter, desto besser

Auch das Alter der Schüler, die mit Verbundunterricht konfrontiert werden, spielt nach Meinung der Experten eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Modelle: WUK wurde in den Klassen fünf und sechs unterrichtet. Doch gerade Kinder überfordert das Querdenken, während Schüler der Mittel- und Oberstufe eher damit klarkommen. Wer überfordert ist, tendiert bekanntermaßen dazu, das Interesse am Lernstoff zu verlieren.

Ältere Schüler hingegen besitzen in der Regel ein größeres Abstraktionsvermögen und können sich sogar dafür begeistern, die Abhängigkeit verschiedener Phänomene voneinander zu begreifen und diese in ihre Erfahrungswelt einzugliedern. Daraus resultiert, dass sich fächerübergreifender Unterricht auf das Lernen höherer Klassen durchaus positiv auswirken kann – und zwar unabhängig davon, ob er in der Haupt-, der Realschule oder auf dem Gymnasium stattfindet.

GWG ab Klasse 5

Trotz der Erkenntnis der Niedersachsen, dass Kinder im 5. und 6. Schuljahr mit Fächerverbünden nicht besonders gut zurechtkommen, führt Baden-Württemberg jetzt ab Klasse 5 in allen Gymnasien das Fach GWG ein, eine Kombination der Fachbereiche Geographie, Wirtschaft und Gemeinschaftskunde. Anhand von GWG lassen sich die mehr-perspektivischen Zugangsweisen der Fächerverbünde gut erläutern: Unterrichtet werden die Stunden weiterhin von den jeweiligen Fachlehrkräften, jedoch sind die Bildungsstandards der Fächer in besonderer Weise aufeinander abgestimmt. Integrative Themen ergänzen sich gegenseitig und bauen aufeinander auf: Während Geographie das Wissen um die Welt als Raum zum Leben vermittelt, erschließt Gemeinschaftskunde die entsprechenden politischen und sozialen Handlungsfelder. Die in beide Fächer integrierte Wirtschaftserziehung stellt den Bezug zu den ökonomischen Zusammenhängen her.

Auch Naturerscheinungen lassen sich mit Hilfe fächerübergreifender Erklärungsansätze wesentlich besser vermitteln, da es jungen Menschen bei einem zu engen Fachunterricht schwerer fällt, ein alltagstaugliches Konzept von Natur zu entwickeln. Wenn Schüler beispielsweise das Biosystem eines Flusses verstehen sollen, so müssen sie nicht nur Einblick in die Biologie, sondern auch in ökonomische, physikalische, chemische und technische Aspekte gewinnen. Um dies zu gewährleisten, wird an Baden-Württembergs Realschulen künftig ab Klasse 5 das neue Fach Naturwissenschaftliches Arbeiten (NWA) unterrichtet.

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Fächerverbünde den hohen Zielen der baden-württembergischen Bildungspolitiker gerecht werden können. Dass der Südwesten einführt, was Niedersachsen abschafft, heißt keineswegs, dass es sich um einen Alleingang handelt: Auch Bayern testet den Fächerverbund und führte zum Schuljahr 2003/04 in den 5. Klassen der Gymnasien das neue Fach "Natur und Technik" ein.

Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst


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