Umfrage

Inklusion stockt, Fortschritt Fehlanzeige

„Die Diskrepanz zwischen dem Stellenwert, den Politik der schulischen Inklusion in Sonntagsreden einräumt, und den Ressourcen, die sie tatsächlich bereit ist, für eine gelingende Inklusion zur Verfügung zu stellen, bleibt groß", so Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung.

09.11.2020 Bundesweit Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung e.V. (VBE)
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"Deshalb können die Schulen ihren Inklusionsauftrag unter den gegebenen Rahmenbedingungen nach wie vor nicht erfüllen“, kommentiert der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, die Ergebnisse der repräsentativen forsa-Umfrage zum Thema „Inklusion“. Diese wurde vom VBE bereits das dritte Mal in Auftrag gegeben. So liefert sie nicht nur einen Einblick in aktuelle Bedingungen an Schule, sondern zeigt im Zeitverlauf von 2015 über 2017 bis 2020 auch Veränderungen auf. Die befragten 2.127 Lehrkräfte allgemeinbildender Schulen bewerteten auch die Auswirkungen der coronabedingten Einschränkungen auf die Inklusion.

Zustimmung zu Inklusion, schlechte Note für Inklusionspolitik

Während 56 Prozent die gemeinsame Beschulung grundsätzlich sinnvoll finden, denken nur 27 Prozent, dass dies zurzeit praktisch sinnvoll umsetzbar ist. Landesregierungen und Kultusministerien erhalten die Note 4,5 für ihre Inklusionspolitik. „Da wundert es nicht, wenn sich vor diesem Hintergrund eine deutliche Mehrheit der Befragten (83 Prozent) für den mehrheitlichen Erhalt der Förderschulen ausspricht. Ein fatales Zeugnis nach 11 ½ Jahren Bewährungsprobe“, kommentiert Beckmann. 

Lerngruppengröße, Doppelbesetzung, Unterstützung 

Kommt eine Schülerin oder ein Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf hinzu, bleibt die Lerngruppe in der Regel gleich groß. Das sagen zwei von drei Befragten. An der Grundschule sind es sogar drei von vier. Dabei steigt die durchschnittliche Schülerzahl weiter an: Ein Kind mehr als noch 2017 ist in einer inklusiven Lerngruppe, an Grundschulen zwei mehr. Beckmann kommentiert: „So unterschiedlich die sonderpädagogischen Förderbedarfe sind, so unterschiedlich muss die Förderung sein. Doch dafür bleibt kaum Zeit. Was es braucht, ist daher eine Doppelbesetzung aus Lehrkraft und Sonderpädagogin oder -pädagogen.“ Doch: Obwohl 97 Prozent aller Befragten sagen, dass eine Doppelbesetzung in inklusiven Lerngruppen notwendig sei, berichtet davon nur die Hälfte der Lehrkräfte von Schulen mit inklusiven Lerngruppen. Zwar gibt es an vier von fünf Schulen mit inklusiven Lerngruppen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Dies ist eine deutliche Steigerung seit 2015. Jedoch: Unterstützendes Personal ist an fast einem Viertel der Schulen nur zeitweilig an ausgewählten Schultagen verfügbar. Für optimale Unterstützung braucht es laut 85 Prozent aller Befragten multiprofessionelle Teams. Diese gibt es aber nur an einem Drittel der Schulen!

Vorbereitung und Qualifizierung

Jede fünfte der befragten Lehrkräfte gibt an, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer, die eine inklusive Lerngruppe übernommen haben, darauf nur maximal eine Woche vorbereiten konnten. Über die Hälfte sagt, dass die Kolleginnen und Kollegen keine sonderpädagogischen Kenntnisse hatten. Fast die Hälfte, dass es keine begleitende Fortbildung gibt und keine Erfahrungen im gemeinsamen Unterricht gesammelt werden konnten. Jede dritte befragte Lehrkraft gibt an, dass es keine speziellen Fortbildungen gab. Ein Lichtblick: Inklusion kommt mittlerweile zumindest in der Ausbildung häufiger vor, aber noch immer sagt dies nur eine von vier Lehrkräften. Das Fortbildungsangebot wird von 44 Prozent der Befragten mit der Note mangelhaft oder ungenügend bewertet! Der Bundesvorsitzende kritisiert: „Die Lehrkräfte werden ohne angemessene Vorbereitung in die neue Situation gebracht. Das ist nicht nur unfair gegenüber den Lehrkräften, sondern genauso gegenüber den Kindern, insbesondere gegenüber denjenigen, die auf besondere Fördermethoden angewiesen sind.“

Weitere Ergebnisse:

  • Schulbau: Noch immer sind nur 16 Prozent der Schulen vollständig barrierefrei. Kleingruppen und Differenzierungsräume gibt es nicht einmal an der Hälfte der Schulen.
  • Austausch: Über die Hälfte der Lehrkräfte, die an Schulen mit inklusiven Lerngruppen arbeiten, geben an, dass sich die Lehrkräfte über die Herausforderungen des inklusiven Unterrichtens mindestens wöchentlich austauschen. Dieser findet nur an einer von fünf Schulen in institutionalisierten Koordinierungsstrukturen und bei 16 Prozent nur zu festen Zeiten innerhalb der Arbeitszeit statt.
  • Auswirkungen Corona-Zeit: 70 Prozent der Befragten geben an, dass die Schülerinnen und Schüler während der Schulschließungen nicht ausreichend gefördert werden konnten. 63 Prozent aller Lehrkräfte, aber sogar 75 Prozent der Lehrkräfte von Förderschulen stimmen der Aussage zu, dass bei den Schulöffnungen die Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarfen in den Vorgaben der Schulministerien nahezu vergessen wurden. 74 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass die coronabedingten Einschränkungen zu einem Rückschritt bei der Inklusion geführt haben, weil der Alltag fehlte.

Die Forderungen des VBE:

  1. Doppelbesetzung aus Lehrkraft und Sonderpädagoge (momentan sagen dies nur 46 Prozent der Befragten an Schulen mit inklusiven Lerngruppen),
  2. Unterstützung durch multiprofessionelle Teams (momentan: 36 Prozent),
  3. schulbauliche Voraussetzungen (16 Prozent aller Befragten geben an, dass ihre Schule vollständig barrierefrei ist),
  4. kleinere Klassen (nur 29 Prozent der Schulen verringerten Klassengröße),
  5. bessere Vorbereitung durch angemessene Aus-, Fort- und Weiterbildung (das Angebot wird mit der Note 4,3 bewertet).

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