Inklusive Bildung in MV gemeinsam umsetzen
Die Expertenkommission hat Empfehlungen für die Umsetzung eines inklusiven Bildungssystems in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Jahr 2020 vorgelegt. Den entsprechenden Bericht haben Bildungsminister Mathias Brodkorb und die Inklusionsbevollmächtigte, Prof. Dr. Katja Koch, heute in der Landespressekonferenz in Schwerin vorgestellt.
22.01.2013 Pressemeldung Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung Mecklenburg-Vorpommern"Mit dem Bericht haben wir eine gute Grundlage, um schrittweise ein inklusives Bildungssystem zu entwickeln und umzusetzen", sagte Bildungsminister Brodkorb. "Das Bildungsministerium wird in diesem Jahr einen Umsetzungsvorschlag erarbeiten und ihn dann zur Diskussion stellen", so der Minister weiter.
Die Bevollmächtigte für Inklusion und Vorsitzende der Expertenkommission, Prof. Dr. Katja Koch, betonte: "Das Vorhaben, ein inklusives Bildungssystem zu entwickeln, stellt das Land auf vielen Ebenen vor große Herausforderungen. Doch die Kommission ist überzeugt, dass der Weg zur inklusiven Schule auch ein Weg zu einer besseren Schule für alle Kinder sein kann. Inklusion ist aber nicht nur Aufgabe von Sonderschulpädagogen, sondern bezieht alle mit ein."
Fünf Maßnahmen hält die Expertenkommission (EPK) für besonders wichtig, damit die Umsetzung eines inklusiven Bildungssystems gelingen kann:
1. Übergang Kita - Schule
Insbesondere hinsichtlich des frühen Erkennens von Risiken und Stärken sind die Potenziale der alltagsintegrierten Beobachtung und Dokumentation effektiver zu nutzen und mit qualifizierten und vereinheitlichten diagnostischen Instrumenten zu unterstützen. Die Kommission empfiehlt weiterhin, über eine Änderung des Kindertagesförderungsgesetzes die rechtlichen Bedingungen dafür zu schaffen, dass die in den Kindertageseinrichtungen (oder der Frühförderung) erhobenen Entwicklungsbefunde den Schulen für eine bessere Förderung der Kinder zur Verfügung gestellt werden können.
2. Schrittweise Auflösung der Förderschulen
Die EPK empfiehlt eine schrittweise Umsetzung der UN-Konvention. In einem ersten Schritt sollen Kinder mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen, emotional-soziale Entwicklung und Sprache (LES) an Grundschulen unterrichtet werden, später auch an weiterführenden Schulen.
Mit Einführung der inklusiven Grundschule sollen die Schulen für die genannten Förderschwerpunkte zugunsten einer Förderung im Gemeinsamen Unterricht auslaufen. Für eine kleine Anzahl von Kindern mit schwerwiegenden Problemen im sozial-emotionalen Bereich sollten dennoch temporär angelegte Sonderbeschulungsmaßnahmen vorgehalten werden. Für Kinder aller anderen Förderschwerpunkte sollen "Schulen mit spezifischer Kompetenz" entwickelt werden. Um eine wohnortnahe Beschulung zu realisieren, sollen für den Zielzeitraum bis 2020 mindestens in jedem Alt-Kreis bzw. in jeder ehemaligen kreisfreien Stadt inklusive Beschulungsmöglichkeiten entstehen, indem Schulen entsprechend ausgestattet werden.
3. Diagnoseunabhängige Stundenzuweisung
Alle Grundschulen sollen für 6 % aller Schülerinnen und Schüler eines Jahrganges eine sonderpädagogische Grundausstattung für die Förderung in den Förderschwerpunkten LES erhalten. Diese beläuft sich auf 0,18 Stunden pro Schülerin bzw. Schüler. Für Grundschulen in sozialen Brennpunkten ist eine erhöhte Ausstattung erforderlich (sog. Sozialfaktor). Mit der sonderpädagogischen Grundausstattung soll die bislang für die sonderpädagogische Ressourcenzuweisung nötige Einzelfeststellung zugunsten einer flexiblen und prozessorientierten Diagnostik und Förderung in der allgemeinen Schule entfallen. Die entsprechenden Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen gehören zum Kollegium der Grundschule.
Den inklusiv arbeitenden Schulen der Sekundarstufe I soll eine schülerbezogene Ausstattung nach dem gleichen Prinzip zugewiesen werden.
Der Vorzug einer sonderpädagogischen Grundausstattung liegt u.a. in der Flexibilität der Einzelschulen, mit ihrer sonderpädagogischen Grundausstattung kurzfristig und situationsbezogen handeln zu können.
4. Weiterbildungsprogramm für Lehrerinnen und Lehrer
Qualitätsentwicklung im Bildungssystem muss mit einer umfangreichen Qualifikationsentwicklung des beteiligten Personals verbunden sein. Akteure in diesem Prozess werden nicht nur Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen sein, sondern alle Lehrkräfte, Personal mit sonderpädagogischer Aufgabenstellung, Schulleiterinnen und Schulleiter, Erzieherinnen und Erzieher, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Integrationshelferinnen und Integrationshelfer etc. Die EPK empfiehlt daher den zeitnahen Ausbau einer inklusionsorientierten Fortbildung für alle Akteure. Im Bericht der EPK finden sich dazu exemplarisch ausgearbeitete Module.
5. Anforderungen an die Schulträger
Eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems kommt den Schulträgern zu, denn durch sie müssen die baulichen Voraussetzungen realisiert werden. So empfiehlt die Kommission, pro inklusiver Schule zusätzlich mindestens drei Räume für Beratungs- und Krisensituationen bereitzustellen. Ebenso müssen die "Schulen mit spezifischer Kompetenz" angemessen ausgestattet werden.
Mit dem Bericht "Zur Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Jahr 2020" beendet die Expertenkommission nach neun Monaten ihre Arbeit. "Ich danke allen Mitgliedern der Kommission und der Begleitgruppe für das große Engagement und die ehrenamtliche Arbeit", sagte Minister Brodkorb. "Danken möchte ich auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Schulabteilung des Ministeriums für die Unterstützung der Gremien."
Die Bevollmächtigte für Inklusion wird den Minister bei der Umsetzung der inklusiven Bildung weiterhin beratend unterstützen.
Anlagen:
Bericht der Begleitgruppe zur Expertenkommission "Inklusive Bildung in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Jahr 2020" - Teil 2 (PDF, 8,9 MB)
Bericht der Begleitgruppe zur Expertenkommission "Inklusive Bildung in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Jahr 2020" - Teil 1 (PDF, 10,9 MB)
Bericht EPK-Inklusion.pdf (PDF, 1,4 MB)
Weiterführende Links
- "Fördert die Inklusion neue Etikettierungen?" - Interview mit Mathias Brodkorb
Keine Kommentare vorhanden