Integrierte Gesamtschule Wedel: Eine Schule für alle

(Antonius Soest)

07.06.2004 Artikel

Was weiß man schon über sich selbst!

"Wer sind wir?" wird ja oft verwechselt mit "Wie möchten wir erscheinen?". Selbstbilder sind weiß Gott nicht die Wahrheit, aber sie drücken ein Bemühen aus.
Zunächst einmal sind wir ca. 660 Personen, die sich zu einem Gemeinwesen verbunden haben und darin ihren Arbeitsplatz gefunden haben.
Fangen wir mit den ca. 55 Erwachsenen an. Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut, mit Kopf, Hand und Herz, manchmal gereizt, überwiegend aber geduldig, zugleich Privatmenschen und Professionelle, mit guten und schlechten Tagen, skeptisch und begeistert, erschöpft und unbändig von Tatendrang, innovativ und routiniert, freiheitsbewusst und regelorientiert. Wir sind nicht perfekt, weil wir Menschen sind und keine Ameisen sein können und keine Apparatschiks sein wollen. Der Streit, ob wir uns in unserem Gemeinwesen als Mangelwesen oder Luxuswesen verstehen sollen, ist nicht entschieden. Jedenfalls brauchen die Begeisterten die Skeptiker und die Skeptiker die Begeisterten.

Uns sind ca. 610 Schülerinnen und Schüler anvertraut, die eine Altersspanne von 10 bis 20 Jahren umfassen. Natürlich sind sie unterschiedlich leistungsstark, aber jeder und jede hat irgendeinen Bereich, in dem er oder sie leistungsstark ist. Diesen Bereich muss eine Schule entdecken und zur Geltung kommen lassen. Wir wissen, dass es keinen Menschen dieser Welt gibt, der ohne das Gefühl und die Erfahrung von Stärke erfolgreich lernen kann. Diese Stärke gewinnt man nicht in der Konkurrenz (darin gibt es mehr Verlierer als Gewinner), sondern in der Erfahrung einer erfolgreichen Vorwärtsbewegung, in der Erfahrung gelungener Kommunikation (auch mit dem Leistungsstärkeren oder dem Leistungsschwächeren). Das schließt nicht Wettbewerb aus. Dieser braucht aber die Spielregeln meinetwegen eines Fußballspiels. Ein Kräftemessen nach Regeln, im Teamwork, mit Trainingsprogrammen und mit dem Selbstbewusstsein und der Lust, ausgedrückt in der Weisheit: Neues Spiel, neues Glück. Nicht nur Glück, sondern auch die Besinnung darauf, wie man den gemeinschaftlichen Erfolg arbeitend vorbereiten kann. Kinder, welchen Abschluss sie auch erreichen können, wollen auch einmal Helden sein, eine Bühne betreten, gesehen werden. Die meisten sind sehr motiviert, wenn sie entschieden Gutes tun können, wenn sie soziale Helden sein können. Eine Reihe von Kindern sehen wir mit großen Begabungen, aber auch manchmal ohne Regelbewusstsein, ohne die Erfahrung, dass Begrenztheit die Bedingung für Freiheit ist. Sie suchen die Grenzerfahrung, ohne die Grenze ertragen zu können. Das ist ein verbreitetes Phänomen unserer Zeit.

Was tun wir Lehrenden, um die Lernenden zu einem guten Hauptschulabschluss, zu einem guten Realschulabschluss oder zu einem guten Abitur zu führen?

Wir haben die Struktur einer Integrierten Gesamtschule, weil wir ziemlich sicher sind, dass man Kinder nicht frühzeitig etikettieren darf. Weil man das Kostbarste eines Menschen, seine Intelligenz, nicht missachten darf, sollte man ihn nicht in Lern- und Erfahrungstunnel sperren. Das meinen wir zumindest. Jeder Tag kann einen neuen Aufbruch oder Anlauf bringen. Wir kennen genug Beispiele. Er kann aber auch einen Einbruch bringen, dann brauchen Kinder eine vertraute Umgebung.

Die Struktur mit den 4 Stufen (5/6, 7/8, 9/10, 11-13) im Einzelnen zu beschreiben, verlangt viele Seiten. Wir beschränken uns auf ein Schaubild am Ende der Ausführungen. Beachten Sie unsere Besonderheit in der Stufe 9/10. Hier verfahren wir anders als andere Gesamtschulen, indem wir Klassen neu zusammen setzen, nicht wie das dreigliedrige Schulsystem, aber doch abschlussbezogener als andere Gesamtschulen.
Fünf Aspekte, über die wir gebrütet und gestritten haben und über die wir brüten und streiten werden, sollen in gebotener Kürze im Hinblick auf unsere aktuelle Praxis hervorgehoben werden:

Leistung - Heterogenität - elementare Fähigkeiten - Projektarbeit - Ganztag - Modernität/neue Medien

Leistung

Der Begriff, lange Zeit in Misskredit gebracht (nicht durch angebliche Leistungsverächter, sondern durch Leistungsideologen, die "Leistung" benutzten, um Selektion zu legitimieren), ist bei uns positiv besetzt. Präzise Rückmeldungen über Stärken und Schwächen geben und immer wieder erfolgversprechende Öffnungen schaffen: Das machen wir mehrmals im Jahr, kommentierend, benotend, zertifizierend, prognostizierend, in ausführlichen Gesprächen mit Eltern. Kinder freuen sich über ihre Leistungen und wir tun das auch.

Heterogenität

Kinder sind unterschiedlich. Sie sind unterschiedlich leistungsstark, in den verschiedenen Fächern auf besondere Weise. Mit den Unterschieden leben lernen, ist elementarer Bildungsanspruch, ja demokratischer Anspruch schlechthin. Von Bundespräsident Rau stammt der Satz: "Man muss lernen, ohne Angst verschieden zu sein." Wie können wir die unterschiedlichen Fähigkeiten methodisch und didaktisch nutzen? Da machen uns andere Länder (vor allem die Pisa-Sieger) etwas vor. Machen wir es nach. Weitgehend ist das schon der Fall, in den Jahrgängen 5 und 6 völlig, in den folgenden Jahrgängen zum großen Teil. Lernen miteinander. Fördern, wo es Not tut.

Elementare Fähigkeiten

Seit 3 Jahren arbeiten wir an den Fragen: Was ist für den Bildungsprozess elementar, was ist der elementare Beitrag der einzelnen Fächer für den Bildungsprozess, was ist der Kern eines Faches in einer bestimmten Jahrgangsstufe, welchen Standard darf kein Schüler und keine Schülerin unterbieten, wenn er oder sie am wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Leben in der Gesellschaft teilhaben will? Wir überprüfen diese Mindeststandards seit 3 Jahren Ende des 6. Schuljahres. Auch die Höchstleistung verlangt elementare Sicherheit.

Projektarbeit

Alle Schülerinnen und Schüler der IGS Wedel arbeiten mindestens 2 Stunden in der Woche an einem Projekt, in der Regel jahrgangsübergreifend. Projekte sind der Ort, an dem die Leistungsstärken zur Geltung kommen sollen. Mindestens einmal im Jahr werden die Ergebnisse einer Schul- und Stadtöffentlichkeit präsentiert. Unser Ziel ist es, dass möglichst alle Schüler die Erfahrung machen, eine Bühne zu betreten. Die Schüler bekommen jeweils am Ende des Jahres ein Zertifikat, sodass im Laufe der Schulzeit ein Portfolio entsteht. Projektleiter sind Lehrkräfte, Schüler (in der Regel aus der Oberstufe), Übungsleiter aus Sportvereinen und Honorarkräfte. Damit man sich einen Eindruck machen kann, wird am Ende der Ausführungen ein Jahresbeispiel abgedruckt.

Ganztag

Projektarbeit, soweit es nicht um Unterrichtsprojekte geht, und Ganztag hängen aufs Engste zusammen. In der Regel findet Projektarbeit am Nachmittag statt. Außerdem gibt es nachmittags klassischen Fachunterricht, Förderunterricht, Hausaufgabenbetreuung und Ganztagsbetreuung durch unsere zwei Erzieherinnen. Damit sind wir eine Schule mit gebundenem Ganztagsbetrieb. Die Mensa mit einem ökologischen Essensangebot wird ab Schuljahr 04/05 dem wissenschaftlich bewiesenen Zusammenhang zwischen Ernährung und Leistung gerecht werden.

Der Ganztag bietet die Möglichkeit der Selbstkultivierung des Gemeinwesens Schule, der Intensivierung der Arbeit und die Chance, anschlussfähig zu bleiben an die Modernisierungsprozesse der Gesellschaft. Damit sind wir beim letzten Schwerpunkt.

Modernisierung/Neue Medien

Keine und keiner darf die Schule verlassen, ohne zur Nutzung des Computers und des Internets als Kulturtechnik in der Lage zu sein. Drei Computerräume werden kompetent betreut, ein Multimediaraum wird im Rahmen der existierenden Schulbibliothek entstehen. Wenn man den Grad der Nutzung der Räume betrachtet und wenn man die oft verzweifelte Suche der Kollegen nach einem freien Beamer verfolgt, muss man feststellen, dass das neue Kommunikationszeitalter sich mit dem Zeitalter Gutenbergs an der IGS Wedel verbunden hat.

Für die Integrierte Gesamtschule Wedel:
Antonius Soest, Schulleiter
Erstveröffentlichung: www.schulen-ans-netz.de

IGS Wedel

Rosengarten 18
22880 Wedel
Telefon: 04103 / 91 21 50
Fax: 04103 / 91 21 52 0
www.igswedel.de


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