Ist Englisch die beste Wahl?
Bis in die neunziger Jahre wurde die erste Fremdsprache in deutschen Schulen erst ab Klasse fünf unterrichtet, doch mittlerweile ist der Fremdsprachenunterricht flächendeckend in der Grundschule angekommen. Und meistens wird Englisch gelernt. Schließlich ist Englisch die "lingua franca". Die Sprache ist nicht nur im europäischen Sprachverkehr, sondern weltweit von zentraler Bedeutung.
28.12.2007 ArtikelGut also, so früh wie möglich mit dem Englischlernen zu beginnen - sollte man meinen. Das sieht Prof. Dr. Ingrid Gogolin vom Institut für international und interkulturell vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg anders: "Das ist eine verschenkte Chance. Wir haben einen solchen Sprachenreichtum in Deutschland, es wäre überhaupt nicht notwendig, überall mit dem Englischen anzufangen."
Entscheidend: Sprachlernstrategien
Ihr Argument: "Sprache lernen ist etwas Schwieriges und der kognitive Anregungsprozess, der damit verbunden ist, funktioniert umso gründlicher je weniger nah diese fremde Sprache an der eigenen ist. Wenn man mit einer anderen Sprache als Englisch anfängt, dann hat man zwar den Nachteil, dass die Kommunikation am Anfang langsamer in Gang kommt, der Vorteil aber ist, dass nachhaltiger gelernt wird und mehr auf der Ebene von allgemeinen Sprachlernfähigkeiten." Kinder, die einmal diese Sprachlernstrategien entwickelt haben, können sich dann später jede andere Sprache leichter und schneller erschließen, so die Erziehungswissenschaftlerin.
Nicht zu verspielt
"Natürlich sollen alle Kinder Englisch lernen", betont Ingrid Gogolin. "Aber man kann Englisch sehr viel kürzer und später anbieten." Gogolin beklagt außerdem, dass für das Sprachenlernen in der Grundschule lange Zeit der spielerische Ansatz überbetont und häufig auf das Schreiben verzichtet wurde. Es müsste aber von Anfang an mit Schrift gearbeitet werden. Schließlich wollen Grundschulkinder schreiben, es wäre fatal sie daran zu hindern.
Tatsächlich hat man sich auch in den letzten Jahren nach und nach vom zunächst propagierten rein spielerischen Ansatz verabschiedet - wenigsten ab Klasse 3. Das Stichwort in den meisten Bundesländern heißt jetzt "ergebnisorientierter Englischunterricht". Der soll auf der Grundlage von Lehrplänen stattfinden, an dessen Ende ein erkennbarer Lerngewinn für die Kinder steht. Parallel dazu haben die Schulbuchverlage entsprechende Lehrbücher und Lehrerhandreichungen entwickelt.
Chinesisch in der Grundschule
Nach wie vor steht aber Gogolins Forderung nach einer breiteren Sprachenpalette im Raum. Das Argument, es seien doch sicherlich eher Englischlehrer für die Grundschule zu rekrutieren als beispielsweise Russisch-, Türkisch- oder Italienischlehrer, lässt die Wissenschaftlerin nicht gelten und sieht auch schon einen Silberstreif am Horizont.
"Es erwerben immer mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund die Hochschulreife. Inzwischen haben etliche Bundesländer Programme entwickelt, um diese Jugendlichen für ein Lehramtsstudium zu gewinnen. Außerdem gibt es viele Einwanderer, deren Lehrerexamen nicht anerkannt wird. Denkbar wäre hier ein passendes Qualifikationsangebot."
Wenn sie darüber entscheiden dürfte, würde Ingrid Gogolin den Schulen weitgehend freistellen, welche Sprachen sie anbieten. Sie sollten lediglich möglichst solche Sprachen wählen, für die lebendige Sprachpartner – also andere Schüler - vorhanden sind. "Wenn eine Schule zum Beispiel viele Kinder mit chinesischem Hintergrund hätte, dann würde Chinesisch unterrichtet. Denn dann hätten die Kinder über den Lehrer hinaus viele weitere Sprachanlässe."
Hintergrund: Fremdsprachen in der Grundschule
Spätestens ab Klasse 3 lernen Kinder in Deutschland eine erste Fremdsprache. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland sogar ab dem ersten Schuljahr. Andere Bundesländer haben für die ersten beiden Schuljahre oft ein freiwilliges Fremdsprachenangebot. Am häufigsten wird Englisch unterrichtet, im Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg auch Französisch. Daneben gibt es Modellprojekte mit anderen Sprachen, wie Italienisch, Niederländisch, Spanisch, Portugiesisch oder Sorbisch und schließlich die Staatlichen Europaschulen in Berlin mit zweisprachigem Unterricht ab Klasse 1. Hier werden in derzeit achtzehn Grundschulen neun verschiedene Partnersprachen von muttersprachlichen Lehrkräften unterrichtet.
Dazu auf der didacta 2008 in Stuttgart:
- Fremdsprachenerwerb in der Grundschule. Im "gläsernen Klassenzimmer" erleben die Besucher hautnah den effektiven Einsatz von Medien beim Unterrichten und Lernen. Referent: Hanspeter Hauke. Veranstalter: SWR Schulfernsehen, Mittwoch 20.2.2008, 10.00 bis 13.00 Uhr, Halle 5
- Bilinguales Lehren und Lernen am Oberrhein. Paritätisch deutsch-französische Grundschulklassen im Eurodistrikt Kehl, Referentinnen: Rektorin Imogen Remmert, Falkenhausenschule Kehl, Rektorin Ilse Klein-Guinez, Grundschule Sundheim Kehl, Forum am Landesstand des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Dienstag 19.02.2008, von 11:30 - 12:15 Uhr, Halle 5, Stand 5A71
- Mehr zu diesem Thema außerdem im Rahmen der Daimler Fachveranstaltung am Mittwoch, 20. Februar, 15:15 Uhr im Internationalen Congresscentrum (ICS), Saal C1.2.2.: "Frühe Zweisprachigkeit für Kinder: Chance oder Risiko?", Prof. Dr. Henning Wode, Englisches Seminar Kiel.
Der Beitrag "Ist Englisch die beste Wahl?" ist abgedruckt im Themendienst 1 zur didacta 2008
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