Kinder wertschätzen, statt sie zu langweilen
(re) Die heutige Grundschule vernachlässigt den Wissensdurst der Kinder. Der PISA-Erfolg Bayerns wird weit übertrieben. Das sagte die Münchner Grundschulpädagogin Fee Czisch in einem Interview mit Klaus Reinmöller, Redaktionsleiter der [Osnabrücker Nachrichten (ON)](http://www.on-live.de/). (Erstveröffentlichung am 25. Februar 2007 in der Printausgabe)
26.02.2007 ArtikelFrau Czisch, Sie plädieren für eine Grundschulpädagogik, die mehr auf Neugier, Fantasie und Stärken der Kinder ausgerichtet ist, anstatt auf die bloße Vermittlung von Wissen und Unterrichtsinhalten. Ist das "Kuschelpädagogik"?
F. Czisch: Dieser Begriff wird seit Jahrzehnten als Schimpfwort von denen benutzt, die der Devise anhängen "gelobt sei, was hart macht". Weil sie sich nicht vorstellen können, dass Kinder gerade dann exzellente Ergebnisse erzielen, wenn sich Lehrerinnen auf ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse einlassen, sie also schützen, fördern, anerkennen und wertschätzen statt sie zu langweilen, zu hetzen oder bloßzustellen.
Ihr Buch heißt "Kinder können mehr". Was ist dieses "Mehr"?
F. Czisch: Die Kinder können mehr, als wir ihnen zutrauen und anbieten und mehr, als sich Bürokratenköpfe vorstellen können.
Können Sie dieses "Mehr" noch etwas genauer beschreiben?
F. Czisch: Kinder, die sich wertgeschätzt, sicher und wahrgenommen fühlen, sind so unglaublich wach und neugierig, phantasievoll und geradezu gierig aufs´Lernen! Diesen Kindern wird man nur dann gerecht, wenn sie sich innerhalb einhegender Regeln und liebevoller Grenzen so vielfältig entfalten dürfen, wie sie von Natur aus angelegt sind. Das hat mir ihrer Menschenwürde zu tun. Diese Kinder sind so viel lernfähiger, die haben so viel drauf! Schon im Kindergarten sind sie von einer Weisheit, forschen wie kleine Wissenschaftler, das ist einfach wunderbar. Und in der Schule kommt man diesem Wissensdurst dann meist nicht nach. Ich kann das gar nicht intensiv genug beklagen.
Diese Tugenden und Talente fördern Sie mit Ihrer Methode, indem Sie sie nicht abwürgen durch schulisches Reglement wie etwa den Frontalunterricht?
F. Czisch: Frontalunterricht wird den Kindern nicht gerecht. Kinder können nicht alle gleich sein, nicht gleich "ticken", nicht im Gleichschritt lernen und sich entfalten. Wir alle sind von Natur aus anders, eben Individuen. Die Sehnsucht nach Gleichschritt kommt noch von den ehedem preußisch-soldatischen Vorstellungen von Schule. Es ist offensichtlich unendlich schwer, davon los zu kommen, obwohl Reformpädagogen am Anfang des 20. Jahrhunderts bereits freie Methoden entwickelt haben, die auf die individuelle Entfaltung in der Gemeinschaft setzten und dadurch so viel erfolgreicher waren. Also gerade nicht Gleichschritt, sondern Vielfalt ist die Basis für Exzellenz - was auch Lehrer entlastet. Denn Kinder sind fähig und bereit, absolut diszipliniert zu arbeiten, wenn man ihren Eigenschaften und ihren Grundbedürfnissen entgegenkommt.
Es kann also von Unterforderung der Kinder keine Rede sein, wenn Sie ein so großes Gewicht auf emotionale Bildung und Sicherheit legen?
F. Czisch: Das hängt alles miteinander zusammen. Wir reden von Kindern von 6 bis 10 Jahren. Diese Kinder brauchen emotionale Sicherheit und das hat – um noch einmal darauf zurück zu kommen - nichts mit Kuschelpädagogik zu tun. Jeder Mensch, auch ein kleiner Mensch, kann nicht lernen, wenn er Angst hat. Emotionale Sicherheit heißt: Angstfreiheit.
Müsste es nicht vorwiegend Aufgabe des Elternhauses sein, Kindern emotionale Sicherheit zu vermitteln?
F. Czisch: Von seinen Eltern braucht ein Kind Liebe. Die Hirnforscher sagen uns, das beste "Düngemittel" für ein gesundes und starkes Aufwachsen eines Kindes, auch für seine Klugheit, sei zunächst einmal die Liebe der Eltern. Aber auch geliebte Kinder brauchen in der Schule emotionale Sicherheit. Nur dann sind sie den täglichen Herausforderungen – zuhören, sitzenbleiben, nachdenken, fragen, üben, scheitern, neu anfangen ... - gewachsen. Alles Neue, Fremde macht zunächst einmal Angst. Emotionale Sicherheit lässt die Angst – etwa davor, ausgeschimpft oder gehänselt zu werden, weil man etwas nicht versteht – gar nicht erst aufkommen. Das heißt: Erfolgreiches Lernen braucht Geborgenheit, und werden die Kinder zu Hause noch so liebevoll betreut. Erst recht natürlich ist emotionale Sicherheit in der Schule für Kinder wichtig, die zu Hause nicht genug Liebe erfahren.
Man könnte Ihnen entgegenhalten, Ihre Pädagogik passe nicht so gut in eine Zeit, in der es darauf ankommt, den Kindern so früh wie möglich Kenntnisse einzubläuen und Leistungen abfragbar zu machen, weil sie sonst weder in der Schule noch im Beruf bestehen könnten.
F. Czisch: Das wäre ein absoluter Trugschluss, weil, wie ich schon sagte, alles mit allem zusammenhängt. Ziel ist, die Kinder durch Zuwachs an Können und Wissen zu stärken. Die Lernmethoden die ich vertrete, verbinden das alles miteinander. Das heißt: Ein Kind ist umso leistungsfähiger, je sicherer es sich fühlt, je interessanter die Angebote in der Schule sind und je freier es sich in der schulischen Arbeit entfalten kann. Nur so ergeben sich Lernprozesse, die diesen Namen auch verdienen. Alles andere - was auch hier in Bayern als Normalmaß gilt - ist ein Hindurchrennen durch die Themen. Alles mal etwas anklicken, schnell abhandeln und wieder abfragen – so wird man Kindern nicht gerecht, die so unglaublich ausgestattet sind mit Fantasie, Interesse und Intelligenz – vielmehr schwächt man sie.
Sind denn die Lehrer, gerade die des bayerischen Schulsystems, das ja so vorzüglich sein soll ...
F. Czisch: ... das ist es nicht ...
... für einen solchen Unterricht gerüstet, den Sie fordern?
F. Czisch: Nein, überhaupt nicht. Ich erlebe an der Universität München, wo ich einen Lehrauftrag wahrnehme, dass die Studentinnen - es sind ja zumeist Frauen, die an Grundschulen gehen – überwiegend Theorie mitbekommen, die ihnen in der Praxis dann nicht weiterhilft. Manche haben nach 5 Semestern noch nie einen Lehrplan gesehen, es fehlt die Nähe zur Praxis. Während ihrer Praktika treffen sie auf Lehrer, die ihnen nach altem System eine perfekt gestylte Stunde vorführen, und dann kommen die Studentinnen in mein Seminar und sagen: Mein Gott, dazwischen liegen ja Welten!
- Machen Sie die bayrische Kultusbürokratie nervös?*
F. Czisch: Nein, ich bin ja nur ein ganz kleines Rädchen, aber sie machen mich nervös, weil sie mit einem riesigen Aufwand so meilenweit an dem vorbeischießen, was künftige Lehrerinnen bräuchten.
Aber Bayern hat doch so überaus tüchtige Schüler, wie es immer heißt, so falsch kann das System doch nicht sein?
F. Czisch: Da sind wir wieder bei PISA, und da muss ich doch mal sehr kritisch sagen: Die Ergebnisse sind wahnsinnig hochgejubelt worden. Baden-Württemberg und Bayern sind Flächenstaaten, dort gibt es kaum Probleme wie etwa im Ruhrgebiet oder in Berlin. Außerdem: Tests war man in den anderen Bundesländern bei weitem nicht so gewohnt wie in Bayern oder Baden-Württemberg, dort wurde ja davor schon unentwegt getestet. Wenn man Kindern aber plötzlich Tests vorlegt, die sie noch nie gemacht haben, kann es sein, dass sie blockieren und nicht einmal die Frage verstehen. Davon abgesehen bin ich sowieso gegen diese Tests, die aus Kindern Maschinchen machen wollen. Die PISA-Studie hat zwar aufgerüttelt, aber seither machen wir noch mehr alles falsch.
Weil man das vorherrschende System bestätigt sieht?
F. Czisch: ...statt es zu ändern oder wenigstens aus den vielen Pilgerfahrten nach Skandinavien die richtigen Schlüsse zu ziehen: Dort wird jedes Kind individuell gefördert; der Slogan "kein Kind darf verloren gehen" ist dort mit Inhalt gefüllt. Bei uns gehen viele Kinder schon im 1. Schuljahr verloren! Was aus Skandinavien mitgebracht wurde, war vor allem die Freude an Tests. Die finden dort aber auf der Basis einer Schulwirklichkeit statt, die mit der unseren nicht zu vergleichen ist.
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