Können Kommunen Bildungsübergänge unterstützen?
Auf der [Expertenkonferenz "Bildungsübergänge gestalten"](http://www.stiftung-mercator.de/fileadmin/user_upload/INHALTE_UPLOAD/Integration/Expertenkonferenz_Bildungsuebergaenge_gestalten/Programmflyer_Expertenkonferenz_Bildungsuebergaenge_gestalten.pdf) der Stiftung Mercator am 15. /16. November in Bochum - durchgeführt in Kooperation mit der Ruhr Universität Bochum und der dortigen Schulforschung - wurden die Bildungsübergänge im deutschen Bildungssystem mit ihren jeweiligen bildungsbiografischen Herausforderungen wissenschaftlich beleuchtet. Brigitte Schumann war vor Ort.
19.11.2012 Artikel(Brigitte Schumann) Im Dialog mit Praktikern wurden Ansatzpunkte und Perspektiven für eine gelingende Gestaltung von Bildungsübergängen diskutiert. In einer Podiumsdiskussion unter Beteiligung der Schulministerin Sylvia Löhrmann stand die Frage im Mittelpunkt, welchen Beitrag regionale Bildungslandschaften dazu leisten können. Die Einschätzung der "Regionalen Netzwerke NRW" fiel einvernehmlich positiv aus. Mit dem Auf- und Ausbau von regionalen Vernetzungsstrukturen mit allen relevanten Bildungsinstitutionen und -akteuren wollen Kommunen und Land die Schulentwicklung stärken und die Förderung von Lern- und Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen durch ein ganzheitliches Bildungsverständnis verbessern.
Gestaltung der Bildungsübergänge: Kommunales Handlungsfeld Nr. 1
Alle Kommunen in NRW haben sich diese Aufgabe auf die Fahne geschrieben und bearbeiten dieses Handlungsfeld im Rahmen ihrer regionalen Netzwerkarbeit. Das erklärte Ziel dabei ist die Herstellung von mehr Bildungsgerechtigkeit. Mit besonderem Engagement begleitet die Stiftung Mercator Schulen in den Ruhrgebietskommunen bei dem Umgang mit der Übergangsproblematik. "Schulen im Team" heißt das von der Stiftung geförderte Projekt, das 2007 mit 40 Schulen in Duisburg und Essen gestartet wurde und das mit 35 Schulen in Dortmund 2009 seine Erweiterung fand. Dabei hat sich gezeigt, dass die netzwerkbasierte Zusammenarbeit von Schulen mit gezielten unterstützenden Fortbildungsangeboten auf kommunaler Ebene eine gemeinsame Bearbeitung konkreter fachlicher und pädagogischer Fragestellungen ermöglicht und Erfolge in der Unterrichts- und Schulentwicklung für die beteiligten Schulen mit sich bringt.
Eine neue Runde für "Schulen im Team" ist eingeläutet
Die Stiftung hat im Februar 2011 ein Folgeprojekt bis 2005 an den Start gebracht und investiert dafür eine Projektsumme von 1, 64 Millionen Euro. Über 120 Schulen aus Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Hagen, Krefeld, Mülheim und Oberhausen haben sich für eine Teilnahme entschieden. Im Mittelpunkt der Netzwerkarbeit steht die Bewältigung des besonders kritischen Übergangs von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen. Für den Geschäftsführer der Stiftung steht fest: " Mit diesem Schritt machen wir "Schulen im Team" zu einem der ganz großen Schulentwicklungsprojekte unseres Landes und setzen ein deutliches Zeichen für mehr soziale Bildungsgerechtigkeit und bessere Entscheidungen für jedes einzelne Kind."
Die wissenschaftliche Begleitung zu diesem Projekt liegt beim Institut für Schulentwicklungsforschung (IfS) in Dortmund. Das Institut hat jüngst in einer Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung die altbekannten empirischen Erkenntnisse über die soziale Selektivität des Übergangs nach der Grundschule aktuell aufbereitet. Besonders unakzeptabel und irritierend ist die Tatsache, dass selbst bei gleichen Leistungen und Fähigkeitsprofilen Schüler/innen aus den oberen Schichten eine vielfach höhere Chance auf den Besuch eines Gymnasiums haben als Schüler/innen aus den unteren sozialen Schichten. Das Projekt soll Wege finden, eine sozial gerechte, für jedes Kind bestmögliche Übergangsentscheidung zu finden.
Die Schulstrukturfrage bleibt der blinde Fleck der Bildungsdebatte.
In der Podiumsdiskussion erntete die Schulleiterin der Max-Brauer-Schule in Hamburg den meisten Beifall mit ihrer Bemerkung, dass die einfachste und beste Lösung für diese Problematik doch wohl darin bestünde, die Übergangsentscheidung nach hinten zu verlegen und ein eingliedriges Schulsystem zu entwickeln. Diese Aussage löste auch ein befreiendes Lachen im Publikum aus. Angesichts der angestrengten, in wortreiche Netzwerkrhetorik eingekleideten Bemühung um ein adäquates Übergangsmanagement brachte es wenigstens eine Person stellvertretend für viele andere auf den Punkt. Wir haben es mit dem Phänomen aus Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider" zu tun. Aber anders als in dem Märchen blieb die von der Schulleiterin ausgesprochene Erkenntnis folgenlos. Gerade die strukturellen Mängel im Schulsystem, die zusätzliche komplizierte Maßnahmen für eine bedeutsame Gruppe von Schüler/innen erst nötig machen, sollen ganz offensichtlich bildungspolitisch nicht angetastet werden.
Selbst wenn es über regionale Netzwerke gelingt, die Übergangsentscheidungen wesentlich gerechter zu gestalten, das Grundproblem des gegliederten Schulsystems bleibt dennoch erhalten: die Unvereinbarkeit der sozialen Selektion und Segregation mit dem Anspruch auf gleichberechtigten Zugang zu einer Schule für alle in einer demokratischen Gesellschaft.
Wo bleibt die Inklusion?
Mit Erstaunen ist festzuhalten, dass die Inklusion als Recht der Kinder mit Behinderung überhaupt nicht in das Blickfeld der Veranstaltung genommen wurde. Dabei beweisen die Platzierungsprobleme im Übergang von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen, die sich schon bei der Integration von Kindern mit Behinderung ergeben haben, dass für ein diskriminierungsfreies gemeinsames Lernen das gegliederte Schulsystem untauglich ist. Kinder mit Behinderungen mussten in der Vergangenheit in der Regel damit rechnen, auch gegen den Willen ihrer Eltern nach der Grundschule einer Förderschule zugewiesen zu werden. Auch heute noch sieht die Mehrheit der Gymnasien und Realschulen es als systemwidrig an, Kinder mit Behinderung aufzunehmen. Dass die Integration von Kindern mit Lernbehinderung zur Angelegenheit der sozial entmischten, pädagogisch ausgezehrten Hauptschule geworden ist, ist eine Folgeerscheinung. Diese stellt eine dramatische Fehlentwicklung dar. Sie wurde begünstigt durch den institutionellen Selbsterhaltunsgwillen vieler Hauptschulen, die sich freiwillig für diese Aufgabe anboten.
Gegenüber dem menschenrechtlichen Anspruch der inklusiven Bildung erweist sich das bestehende Schulsystem als ein unauflösbares Paradox. Inklusive Bildung verlangt nach einem Paradigmenwechsel, der das Schulsystem und seine Schulen zur Anpassung an die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit der Kinder verpflichtet. Das neue Projekt der Stiftung Mercator "Schulen im Team" macht Sinn für die unmittelbar Beteiligten und eignet sich als Vorbild für andere Kommunen, wenn es genutzt wird für eine Unterrichts- und Schulentwicklung, die darauf abzielt, dass Schulen aller Schulformen sich schrittweise in ihrem Selbstverständnis und ihrer Lernkultur von der Integration zur Inklusion weiterentwickeln und dabei Verantwortung und Zuständigkeit für wirklich alle Kinder übernehmen.
Zur Person
Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007). Derzeit ist Brigitte Schumann als Bildungsjournalistin tätig.
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