Krisengespräche

„Erwachsene müssen ihre eigenen Ängste zugeben“

Nachrichten über Kriege und andere Katastrophen erhalten Kinder heute schnell und ungefiltert über ihre Smartphones. Wie Erwachsene mit ihnen altersgerecht über diese Themen sprechen können und warum gegen Fake News manchmal nur die Schocktherapie hilft, erläutert Medienexpertin Sara Bildau. Von Roman Eisner

10.10.2025 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • Ein junges Mädchen sitzt auf einer Bank auf dem Schulhof und schaut betreten zu Boden. © Adobe Stock Sara Bildau gibt Tipps zu Krisengesprächen mit Schulkindern.

Sara Bildau ist Journalistin und Moderatorin der ZDF-heute-Nachrichten. Die studierte Betriebswirtschaftlerin berichtet seit 2006 über gesellschaftspolitische Themen im In- und Ausland. 2025 ist ihr Buch „Mama, kommt der Krieg auch zu uns?“ erschienen.

didacta: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch darüber zu schreiben, wie Erwachsene mit Kindern über Krisenthemen in der Welt sprechen können?

Sara Bildau: Ich bin Mutter von zwei Töchtern, sechs und elf Jahre alt. Die Weltpolitik ist bei uns immer wieder Thema am Esstisch. Aber nicht von uns Eltern angesprochen, sondern von unseren Kindern, die Fragen haben zu Dingen, die sie aufgeschnappt haben. Ich habe dieses Buch vor allem aufgrund dieser Erfahrungen als Mama geschrieben, jedoch mit journalistischem Background und Unterstützung von Psychologen. Ich habe für die Recherche auch mit Pädagoginnen und Pädagogen aus Schulen und Kitas gesprochen. Dabei habe ich viele Tipps erhalten, wie man solche Gespräche mit Kindern führen sollte, aber auch einige No-Gos.

Auch Lehrkräfte berichten, dass Schülerinnen und Schüler Themen wie Krieg und Terror immer öfter mit in die Schulen bringen. Woran liegt das?

An der Vielzahl der Krisen in dieser Welt und natürlich an den sozialen Medien. Die Kinder erhalten heutzutage Nachrichten aus aller Welt blitzschnell und ungefiltert auf ihrem Smartphone. Erwachsene und Lehrkräfte kommen nicht daran vorbei, auf ihre Fragen zu reagieren. Denn Kinder merken es, wenn Erwachsene ihren Fragen ausweichen, und fordern die Antworten immer wieder ein. Zu Recht!

Fällt es Erwachsenen heutzutage schwerer als früher, über das Thema Krieg zu sprechen und sich in die Sorgen von Kindern hineinzuversetzen?

Kriege, Krisen und Bedrohungen gab es schon immer, auch in meiner Kindheit. Aber es fällt Eltern durchaus schwer, mit ihren Kindern in diesen besonderen Zeiten über solche Themen zu sprechen. Denn was neu ist, ist diese zeitliche Abfolge. Es kommt eine Krise nach der nächsten und viele finden gleichzeitig statt. Ein weiterer Unterschied ist die intensive mediale Berichterstattung heute, beinahe eine Dauerbeschallung. Wir können uns 24 Stunden am Tag über alle Katastrophen auf dieser Welt informieren, das war früher anders. Das löst Ängste aus und verunsichert auch die Erwachsenen.

Es geht also darum, die eigene Verunsicherung nicht zu leugnen, den Kindern nichts zu verheimlichen, sie aber auch nicht mit Angst zu überfrachten?

Es gibt ein paar Regeln, an die sich Erwachsene halten sollten. Sie müssen die Fragen und die Ängste der Kinder ernst nehmen. Sie nicht abspeisen mit Floskeln wie „Du musst keine Angst haben“, die Angst bleibt ja trotzdem. Die Angst könnte damit sogar schlimmer werden, weil das Szenario für ein Kind dann noch bedrohlicher wirkt, wenn der Erwachsene schnell zu einem anderen Thema wechselt. Gleichzeitig vermitteln solche Floskeln dem Kind, dass es falsch ist, was es fühlt. Wir Erwachsene neigen auch dazu, schnell einen Vortrag zu halten und das Ganze auszuschmücken. Damit laufen wir Gefahr, viel zu viel zu erzählen, was die Kinder gar nicht wissen wollen. Dann erzeugen wir im schlimmsten Fall brutale Bilder in ihren Köpfen.

Wie geht es besser?

Nicht ausschmücken, was einem selbst Angst macht, aber auch die eigene Angst zugeben. Das gibt dem Kind ein Verbundenheitsgefühl: Du bist mit deinen Sorgen auf dieser Welt nicht allein! Kinder brauchen Information, um sich sicher zu fühlen. Das heißt nicht, dass man sie völlig überfordern soll mit Infos. Wenn ein Kind über ein bestimmtes Thema etwas wissen will, dann müssen wir als Erwachsene zunächst die Frage hinter der Frage herausfinden. Was interessiert das Kind wirklich? Wenn ein Kind eine Frage zu einem Krieg, einer Katastrophe oder einem Terroranschlag hat, hilft es, erst einmal eine Gegenfrage zu stellen. Bitte aber nicht: „Warum willst du das denn wissen?“ Das klingt immer nach einem Vorwurf. Besser: „Wo hast du davon gehört?“ Dadurch checkt man den Wissensstand des Kindes ab und im Gespräch klärt sich schnell, was das Kind eigentlich wissen will. Bei fast jedem Kind hat das meistens einen persönlichen Bezug. Bei einer Frage zu einem Terroranschlag geht es dem Kind meistens darum: „Kann mir das auch passieren?“

Deutschland diskutiert sehr emotional über ein Smartphone-Verbot an Schulen. Welche Verantwortung haben denn Eltern bei der Mediennutzung ihrer Kinder?

Eine große! Eltern dürfen nicht die ganze Verantwortung für die Erziehung bei den Schulen abladen. Kinder für Fake News zu sensibilisieren, ist auch der Job von Eltern. Und dabei müssen wir noch vor dem Überprüfen von Quellen oder der Rückwärtssuche von Bildern über Google ansetzen. Alle Erwachsenen müssen Kindern dabei helfen, ein gesundes Misstrauen gegenüber Medien zu entwickeln. Vor allem soziale Netzwerke können Superspreader für Fake News sein. Bei den Kindern müssen die Alarmglocken schrillen. Dabei hilft etwa die sogenannte Schocktherapie. Das bedeutet, wir sollten den Kindern eine falsche Nachricht unterjubeln, die eine emotionale Reaktion in ihnen auslöst. Denn erst dann interessieren sie sich für ein Thema.

Wie funktioniert diese Methode?

Indem man den Kindern zum Beispiel erzählt, dass viele Lehrkräfte krank sind, sie viel Stoff nachholen müssen und es deshalb im nächsten halben Jahr auch samstags Unterricht gibt. Das löst etwas in den Kindern aus. Natürlich muss man die Lüge schnell aufklären. Aber so verstehen die Kinder, was Fake News eigentlich sind und was sie bewirken. Genauso funktioniert es, wenn Lehrkräfte die Kinder selbst Fake News schreiben lassen. Wenn die Kinder dann für Fake News sensibilisiert sind, folgt der nächste Schritt: gemeinsam im Internet nach Fake News suchen. Hier können die Kinder zu Detektiven werden, das befriedigt ihre Neugier und macht ihnen Spaß. So lernen sie, worauf sie achten müssen, wenn sie allein im Netz unterwegs sind.

Tausende aus der Ukraine geflüchtete Kinder besuchen mittlerweile Kitas und Schulen in Deutschland. Können Eltern und Pädagogen diese Erfahrungen mit in die Gespräche einfließen lassen?

Ja, alle Erwachsenen sollten zuhören, wenn ihre Kinder von Gesprächen und Erfahrungen mit geflüchteten Kindern erzählen. Dabei kann es helfen, mit den Kindern zu überlegen, was sich gegen dieses verbreitete Gefühl der Hilflosigkeit tun lässt. Natürlich können wir den Krieg nicht beenden, aber wir können den geflüchteten Kindern zur Seite stehen. Das kann zum Beispiel ein gemeinsamer Ausflug mit ukrainischen Klassenkameraden sein oder ein Flohmarkt, um Spenden für diese Kinder zu sammeln. Ins Handeln zu kommen, stärkt die eigene Resilienz und gibt den Kindern Hoffnung.

Erwachsene sollten also auch gegen ihr eigenes Ohnmachtsgefühl ankämpfen, um ihren Kindern diese Haltung vorleben zu können?

Ja, auch wenn es nur kleine Puzzlestücke sind. Aber diese helfen, sich bei all den schlimmen Nachrichten auf der Welt, die uns über unsere Smartphones erreichen, nicht hilflos zu fühlen. Für positive Erfahrungen im persönlichen Umfeld kann jeder Einzelne sorgen.

Bei vergangenen Wahlen haben sich junge Leute vor allem für linke und rechte Parteien entschieden. Was können denn Eltern oder Pädagogen tun, um ihren Kids den Wert der Demokratie zu vermitteln?

Nelson Mandela hat gesagt: „Bildung ist die mächtigste Waffe, um die Welt zu verändern.“ Genau diese Waffe brauchen unsere Kinder drin - gend – gerade jetzt, wo sich die Frage nach Krieg und Frieden neu stellt. Politische Bildung können wir zu Hause ebenso wie in Kitas und Schule fördern. Eltern sollten sich nicht nur für die bino - mischen Formeln bei den Mathe-Hausaufgaben ihrer Kinder interessieren, sondern auch für die Formeln des friedlichen Miteinanders, die sie im Politik- oder Gesellschaftskunde-Unterricht lernen. Politische Bildung ist nicht neutral, sie bezieht immer Position für die Grundwerte der Demokratie. Es geht um Lehren und Vorleben. Dazu gehört auch eine anständige Debatten - kultur zu Hause: Meinung sagen, Stellung beziehen, auch zu schwierigen Themen. Aber ebenso: zuhören, Argumente austauschen und den Kindern von Anfang an klar machen, dass Schwarz-Weiß-Denken kontraproduktiv ist und es noch andere Meinungen und Farbschattie - rungen auf dieser Welt gibt.

Einige Tipps von Sara Bildau für ein Krisengespräch mit Schulkindern bis 12 Jahre:

  • Fakten, Fakten, Fakten: Kinder brauchen Infos, um sich sicherer zu fühlen.
  • Keine Vorträge halten! Nur das erklären, was die Kinder auch wirklich wissen wollen.
  • Gemeinschaftsgefühl vermitteln: „Mit deinen Sorgen bist du in dieser Welt nicht alleine.“
  • Die eigene Angst nicht leugnen, aber zeigen, wie wir ihr mit unserem Verstand begegnen können (Beispiel Terror: „Ich gehe trotzdem auf den Weihnachtsmarkt“).
  • Zugeben, wenn wir etwas nicht wissen, und gemeinsam auf Recherche gehen.
  • Raus aus der Ohnmacht: anderen helfen, basteln, malen … Hauptsache handeln.

Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 3/2025, S. 28-32 erschienen: https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_3_2025/#30



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