Bilanz

Eine überfällige Reform der Lehrerbildung

Die GEW Hessen hat am Montag, den 26. August 2019 die Situation an den Schulen zu Beginn des neuen Schuljahres bilanziert. Aus Sicht der Bildungsgewerkschaft zeigen sich erhebliche Probleme bei der Versorgung mit ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern.

26.08.2019 Hessen Pressemeldung GEW Hessen
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Diese fehlen vor allem an Grundschulen, aber auch im Bereich der Förderschulen und der Inklusion sowie an den berufsbildenden Schulen gibt es einen massiven Engpass. Die Rhein-Main-Region – insbesondere die Stadt Frankfurt – ist vom Lehrkräftemangel besonders stark betroffen, wie von Sebastian Guttmannn dargestellt wurde. Sebastian Guttmann ist Vorsitzender des GEW-Bezirksverbands Frankfurt. Auch an den berufsbildenden Schulen gibt es schon lange in vielen Fachrichtungen erhebliche Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu gewinnen und zu halten. Hierbei spielt in vielen Fachrichtungen, beispielsweise Metall und Elektro, die Konkurrenz durch die sehr viel besser zahlende verarbeitende Industrie eine wichtige Rolle. Dies schilderte Ralf Becker, Leiter der Fachgruppe berufsbildende Schulen.

Die GEW Hessen hat vor rund zwei Jahren erstmals Zahlen zum Vergleich der Besoldung von Grundschullehrerinnen und -lehrern in den Bundesländern vorgestellt. Dabei wurde eine Lehrkraft zugrunde gelegt, die 40 Jahre in Vollzeit arbeitet. Angesichts der inzwischen erfolgten oder angekündigten Anhebung in sechs Bundesländern, wurde diese Berechnung jetzt aktualisiert. Dazu erklärte Dr. Kai Eicker-Wolf, finanzpolitischer Referent der GEW Hessen: „Die Differenzen in der Bezahlung steigen dadurch, dass mit Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Schleswig-Holstein, Berlin und Bremen sechs Bundesländer ihre Grundschullehrkräfte nach der Besoldungsgruppe A13 bezahlen, stark an. Der Unterschied zwischen dem erstplatzierten Bundesland Sachsen und dem Saarland als Schlusslicht beläuft sich auf 380.000 Euro beim Lebenseinkommen. Hessen belegt im Bundesländervergleich einen schwachen 12. Platz. Werden die unterschiedlichen Arbeitszeiten der Lehrkräfte berücksichtigt, verliert Hessen weiter an Boden und landet auf dem drittletzten Platz – nur das Saarland und Rheinland-Pfalz schneiden noch schlechter ab.“

Maike Wiedwald, Vorsitzende der GEW Hessen, wertete dieses Ergebnis als eine weitere Bestätigung für die Forderung nach A13 für alle: „Unter diesen Bedingungen wird Hessen immer größere Schwierigkeiten bekommen, Lehrkräfte für den Grundschulbereich anzuwerben. Eine Höhergruppierung von Lehrerinnen und Lehrern an Grundschulen in die Besoldungsgruppe A13 ist dringend geboten. Angestellte müssen analog in die Entgeltgruppe 13 aufrücken.“ Die Kosten dafür sind aus Sicht der GEW Hessen gut investiertes Geld, stellte Maike Wiedwald klar: „Der Kultusminister spielt bei der Frage nach A13 auf Zeit. Das können wir uns aber nicht leisten, denn sonst gerät Hessen immer weiter ins Hintertreffen. Es geht dabei aber auch um die Anerkennung der qualifizierten und fordernden Arbeit, die die Kolleginnen und Kollegen jeden Tag leisten. Es macht auch keinen Sinn, die Mehrkosten gegen die Schaffung von zusätzlichen Stellen auszuspielen, wie es Minister Lorz tut. Was nutzen Stellen, die zwar auf dem Papier stehen, aber nicht besetzt werden können?“

Zum Hintergrund: In einem Interview mit der mittelhessischen „Dill-Post“ gab der Kultusminister jüngst die Auskunft, dass man lediglich die Lage auf dem Arbeitsmarkt und das Verhalten anderer Bundesländer beobachte. Bei den zusätzlichen Kosten für eine höhere Besoldung der Grundschullehrkräfte rede man „vom Gegenwert von 1.500 Lehrerstellen“. Diese Kalkulation ist aus Sicht der GEW Hessen irreführend und soll offensichtlich die berechtigte Forderung diskreditieren. Die vom Kultusministerium mit 70 Millionen Euro pro Jahr bezifferten Zusatzkosten für eine Angleichung der Besoldung entsprechen keinesfalls einer so hohen Stellenzahl. Die Personalkosten werden regelmäßig vom Finanzministerium ermittelt und im Staatsanzeiger veröffentlicht. Dabei werden auch verschiedene Zuschläge und die Beihilfe berücksichtigt. Der aktuellen Personalkostentabelle zufolge entspricht die Summe von 70 Millionen Euro lediglich einem Gegenwert von 670 (A13) bis 735 Stellen (A12). Den Kosten für die Gleichstellung der Grundschullehrkräfte kann somit nicht einmal die Hälfte der vom Kultusminister behaupteten Stellenzahl entgegen gestellt werden.

Die Anpassung der Lehrerbildung in Hessen an neue Herausforderungen wie Inklusion, Ganztagsschule und Sprachförderung ist aus Sicht der GEW Hessen überfällig. Das hat in der Vorwoche eine Anhörung im Kulturpolitischen Ausschuss des Hessischen Landtags gezeigt. In diesem Rahmen haben zahlreiche Expertinnen und Experten zu einem Gesetzentwurf der SPD Stellung genommen. Andrea Gergen legte dar, dass eine Angleichung der Studiendauer auf zehn Semester für alle Lehrämter unerlässlich ist: „Das Lehramt an Haupt- und Realschulen sowie das Lehramt an Grundschulen haben zur Zeit eine Studiendauer von sieben Semestern. Abzüglich des Praxissemesters und des Prüfungssemesters verbleiben so gerade einmal zweieinhalb Jahre. In einer so kurzen Studiendauer ist es schlechterdings unmöglich, sich angemessen auf die heutigen Anforderungen des Berufs vorzubereiten.“ Andrea Gergen leitet gemeinsam mit Christina Nickel das Referat Aus- und Fortbildung der GEW Hessen. Christina Nickel forderte in diesem Zusammenhang auch eine Umgestaltung des Vorbereitungsdiensts: „Die Lehrerinnen und Lehrer im Vorbereitungsdienst sind zur Zeit mit einem Bewertungsmarathon konfrontiert. Zudem werden sie in erheblichem Umfang zur Abdeckung der Unterrichtsversorgung herangezogen. Dies steht einer qualitativ hochwertigen Ausbildung entgegen.“

Ansprechpartner

GEW Hessen

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