Ausbildungsreife

Lehrlinge sind lediglich ein Spiegel der Gesellschaft

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg hat Ver­ständnis für die Kritik des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), der sich über lückenhaftes Schulwissen, fehlende Belastbarkeit und mangelnde Disziplin bei den Lehrlingen beklagt hatte, möchte aber die Mängelrüge nicht allein den Jugendlichen anlasten. Kinder und Jugendli­che sind ein Teil der Gesellschaft und spiegeln meist nur das wieder, was ih­nen im Umfeld vorgelebt oder in den Medien als Vorbild gezeigt wird.

09.04.2010 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-Württemberg

Der VBE bemängelt insbesondere, dass über das Verhalten von Kindern und Jugendlichen gerne "hergezogen" wird, dass diesen aber immer mehr die posi­tiven erwachsenen Vorbilder fehlen. "Wer möchte, dass den Schülern von heute Werte wieder wichtig sind, muss diese selber vorleben", moniert der VBE-Sprecher. Die Schule allein sei mit der Werteerziehung heillos überfordert, wenn das soziale Umfeld der Schüler und die stark prägenden Medien nicht ent­sprechend mitziehen können oder wollen.

Wer Kinder und Jugendliche mit gutem Benehmen, Belastbarkeit und einer so­liden Allgemeinbildung will, wird sie nicht durch Appelle bekommen. Das stän­dige, anfangs nur spielerische Einüben ist wichtig. Das eigene Vorbild ist immer gefragt, denn auch Höflichkeit wirkt ansteckend. "Sekundärtugenden", wie sie von der Wirtschaft in der Lehrlingsausbildung eingefordert werden, können bei Kindern und Jugendlichen mehr Gewicht bekommen, wenn sie erleben, dass diese Werte den Erwachsenen selber wichtig sind

"Schüler brauchen keinen Benimmunterricht nach Stundenplan, sondern in erster Linie Erwachsene, die ihnen durch ihr Verhalten vormachen, was gutes Benehmen ist", mahnt der VBE-Sprecher an. Bereits Kleinkinder lernten vor allem durch Nachahmen, und auch ältere orientierten sich stets an ihrem so­zialen Umfeld. Ab einem bestimmten Alter wollen sich Jugendliche durch ihr flegelhaftes Verhalten und ihre rüpelhafte Sprache bewusst von Erwachsenen abgrenzen. Dass diese jungen Menschen heute sprachlich immer noch ausfälli­ger werden müssen, ist mit eine Folge davon, dass sich Erwachsene mittlerweile im Alltag auch immer mehr einer Fäkal- und Gossensprache bedienen.

Erschreckend ist, dass selbst Kindergarten- und Grundschulkinder heute Kraft­ausdrücke benützen, die noch vor gar nicht so langer Zeit einem alten Seemann die Schamröte ins Gesicht getrieben hätten. Etliche Kinder verwenden Begriffe, ohne deren Bedeutung auch nur annähernd zu verstehen. "Schlimme" Worte müssen die Kleinen nicht unbedingt in der Familie aufschnappen. Fernsehsen­dungen liefern die ganze Bandbreite der Schimpf- und Tabuwörter bereits am frühen Nachmittag frei Haus - die Werbung tut ein Übriges - "ohne Scheiß"!

Wie die Eltern miteinander umgehen, Nachbarn, Menschen in den Geschäften, die Stars im Fernsehen - all das färbt auf Kinder und Jugendliche ab. Hört der Nachwuchs selber noch ein Bitte oder ein Danke - oder sind das für Kinderohren selten gewordene Worte?

Die aktuellen Bildungspläne setzen einen erziehenden Unterricht voraus. Die­ser Verantwortung stellen sich die Lehrer, fühlen sich dabei aber häufig allein gelassen, manchmal auch schlichtweg überfordert, das bügeln dann auch keine betriebliche "Nachhilfestunden" und ehrenamtliche Paten mehr so richtig aus


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