Lernen durch eigenes Entdecken

(redaktion) Das konkrete Erleben von Tier und Natur macht gerade jüngere Kinder sensibler für die Zusammenhänge zwischen Mensch und Natur und kann nachhaltiger als so mancher Unterricht im Klassenzimmer zu einer gelungenen Umweltbildung beitragen. Außerschulische Lernorte zeigen, wie lernen, entdecken und forschen in einer natürlichen Umgebung funktionieren.

27.08.2008 Artikel
  • © Reinhold Glüsenkamp

"Ich glaube das ist eine Wildbiene!" "Mist, meine ist wieder rausgeflogen!" Langsam bewegen sich 20 Mädchen und Jungen suchend und ausgestattet mit Beobachtungsgläsern rund um die Bienenstation auf dem NaturGut Ophoven, beugen sich herunter zu Blüten oder kleinen Teichen. Sie sollen Honigbienen, Wildbienen oder Hummeln einfangen. Noch vor wenigen Minuten haben sie mehr oder minder interessiert den Anweisungen von Umweltpädagogin. Ursula Görres-Glüsenkamp gelauscht. Schließlich sind Bienen nicht unbedingt das, was Achtklässler brennend interessiert. Aber jetzt sind sie voller Tatendrang, rufen begeistert, wenn sie eine Biene gefangen haben, oder ärgern sich, wenn der Fang absolut nicht gelingen will. Nach zehn Minuten treffen sie sich mit ihrer Beute im Bienenpavillon. Alle waren erfolgreich. Nun geht es um die Frage: Was ist eigentlich drin in den Gläsern, eine Honigbiene, eine Wespe, eine Wildbiene, eine Fliege?

Wildbiene oder Honigbiene?

Louis und Patrick sind noch unschlüssig, einigen sich aber schließlich darauf, dass sie eine Wildbiene gefangen haben. Olaf ist sich ganz sicher: In seinem Glas brummt eine Hummel. Schließlich wird die Ausbeute von Ursula Görres-Glüsenkamp, ihrem Mann Reinhold Glüsenkamp und den Schülern gemeinsam begutachtet: Die Schüler haben die meisten Tiere richtig zugeordnet. Lediglich eine Wildbiene hatte sich unter die Honigbienen verirrt. "Aber das ist kein Wunder, erklärt Gesamtschullehrer und Imker Reinhold Glüsenkamp, "diese Wildbiene sieht einer Biene zum Verwechseln ähnlich. Nur bei genauem Hinschauen entdeckt man, dass sie noch kleiner ist als die Miniaturausgabe einer Honigbiene." Genau hinschauen - das lernen die Schüler an diesem Vormittag im NaturGut Ophoven und bauen dabei auf bereits Gelerntes aus dem Unterricht auf. "Das Thema Bienen und Insekten steht fast ein halbes Jahr lang auf dem Stundenplan", erläutert Glüsenkamp. "Schließlich ist es die bedeutendste Tiergruppe überhaupt."

Das Geheimnis von SchuWaLuNa

Ein paar Hundert Meter entfernt wandert währenddessen eine Gruppe Erstklässler auf Bärenspuren. Vor einigen Wochen sind sie per Brief von Eddy Oberteddybär zum Kuscheltierpicknick eingeladen worden. Gemeinsam mit ihren Teddybären sollen sie das Geheimnis von SchuWaLuNa aufdecken. Doch kaum im NaturGut angekommen, waren alle ihre Kuscheltiere plötzlich verschwunden. Aber: Sie haben Spuren hinterlassen. Kleine Tafeln mit Pfotenabdrücken und kurzen Informationen, wie: "Hier knabberten wir am Löwenzahn". Jetzt müssen die Kinder diese "Bärennahrung" finden. Im Laufe des Kurses lernen sie, so erklärt Susanne Ben Hischam, die die Gruppe an diesem Tag betreut, dass SchuWaLuNa die vier Elemente sind, die Lebewesen zum Leben brauchen: Schutz, Wasser, Luft und Nahrung. Jetzt haben sich die jungen Bärensucher erstmal eine Stärkung verdient. Und am Picknickplatz warten zu ihrer Überraschung bereits alle Kuscheltiere auf sie.

Betriebsausflug ins NaturGut

"Ein Kind, das in Leverkusen eingeschult wird, kommt mindestens viermal ins NaturGut Ophoven, berichtet Marianne Ackermann, die 1. Vorsitzende des Fördervereins. Aber nicht nur in den Grundschulen gehört das NaturGut zum selbstverständlichen Bildungsangebot vor Ort, bereits Kindergartenkinder erleben hier Natur mit allen Sinnen oder lernen, wie Strom gemacht wird. Im Angebot sind auch etliche Kurse für weiterführende Schulen. Und selbst Erwachsene können ihren Betriebsausflug oder ihre Weihnachtsfeier mit einer Führung durch das NaturGut anreichern und selbst eine Pizza im Steinofen backen. Rund 80 verschiedene Lernerlebnisse für alle Altersgruppen bietet das NaturGut derzeit.

Unterdessen haben die Achtklässler kleine Käfige bekommen – mit winzigem Drahtgeflecht auf der einen und einem Glas auf der anderen Seite. Oben befindet sich eine kleine Öffnung, die mit einem Korken verschlossen wird. Wieder lautet der Auftrag Bienenfangen. Aber das ist noch nicht alles. Diesmal sollen die Tiere anschließend gefüttert werden.

Eine neue Erfahrung: Bienen füttern

Reinhold Glüsenkamp macht sich nichts vor, er weiß um die Motivation von Achtklässlern, wenn es heißt: Es geht ins NaturGut Ophoven. "Die meisten Schüler waren bereits als Grundschüler hier. Sie stecken jetzt mitten in der Pubertät und wollen nicht den "Kinderkram" wiederholen. Aber schon während des Kurses ändert sich ihre Haltung, viele sind absolut begeistert. Gerade das Füttern ist ja emotional besetzt, als direkte Beziehung zum Tier." Tatsächlich beugen sich die Mädchen und Jungen jetzt konzentriert über die kleinen Käfige und versuchen "ihre" Bienen zu füttern: mit einem Streichholz, das in Honig getaucht wurde und jetzt durch das Drahtgeflecht geschoben wird. Aber das klappt nicht immer. Das sei nicht verwunderlich, erklärt Reinhold Glüsenkamp, "schließlich hatten die Bienen ja ein anderes Programm, bevor ihr sie plötzlich gefangen habt." "Sie ist dran", ruft Simon in diesem Augenblick. "Meine Biene lutscht am Honig!"

Post für Eddy Teddybär

Die Erstklässler sind mittlerweile an ihrer letzten Station angekommen. Jetzt bauen sie in kleinen Gruppen Inseln für ihre Bären. Die sollen alles beherbergen, was die Tiere zum Leben brauchen. Mit hochroten Köpfen schleppen die Jungen riesige Holzstämme heran, während die Mädchen Blätter und Stöcke sammeln oder den Aufbau organisieren. Zu guter Letzt präsentiert jede Gruppe stolz ihre Insel. Danach folgt ein riesiger SchuWaLuNa-Applaus. Im Teddyarbeitsheft, das die Kinder anschließend mitnehmen, finden sie die Adresse von Eddy Teddybär. Und der hat im Laufe der Jahre bereits reichlich Post von den jungen Besuchern bekommen. Für die Lehrer schließlich gibt es noch ein Informationspaket mit Vorschlägen zur Vertiefung des Themas im weiteren Unterricht.

Besuch bei zwanzigtausend Bienen

Bei den Achtklässlern geht´s ganz dicht ran ans Bienenvolk. Mit Imkerkappen geschützt wagen sie sich unter Anleitung des Lehrers vorsichtig an den Bienenkorb. Ganz wohl ist niemandem von ihnen. Im Laufe des Sommers wird das Bienenvolk auf etwa 50 000 Tiere anwachsen, rund zwanzigtausend Bienen befinden sich zurzeit hier. Auch schon eine beeindruckende Größe, wenn man sich kaum einen Meter davon entfernt befindet. Schließlich wagen es sogar sieben von acht Schülern der ersten Gruppe eine Bienenwabe zu halten, auf der die Bienen munter hin- und herkrabbeln. Jetzt können sie sich auch die Zellen mit den männlichen und weiblichen Larven ganz genau anschauen und die feinen Unterschiede erkennen. Eine Erfahrung, die ein noch so gutes Biologiebuch nicht ersetzen kann. Im kommenden Jahr feiert das NaturGut Ophoven seinen 25. Geburtstag. 1984 hatten sich in der Chemiestadt Leverkusen gut 20 Naturschützer zusammengefunden und den "Förderverein Natur- und Schulbiologiezentrum" gegründet.

Die Stadt Leverkusen stellte dem Verein Räume und Gartengelände auf dem nahezu unbewohnbaren Gut Ophoven zur Verfügung. Nach und nach wurden einzelne Räume wiederhergestellt und Unterrichtsprogramme ausgearbeitet. Vier Jahre später stieß auch die Stadt offiziell dazu und seit 1990 beteiligt sich das Land unter anderem mit Personalmitteln. So können heute noch Lehrerinnen wie Marianne Ackermann und Susanne Ben Hischam ihre Stundenzahl zwischen Schule und NaturGut aufteilen. In den folgenden Jahren entstand auf dem 60.000 qm² großen Gelände neben der naturnah gestalteten Biotopanlage auch das Kinder- und Jugendmuseum Energiestadt mit den Erlebnisausstellungen zum Energiesparen und zum Wohnen in der Stadt, das im Jahr 2000 sogar dezentraler Standort der Expo wurde. Auf eine Zeitreise in die Vergangenheit können Schüler sich schließlich im Burggebäude der ehemaligen rheinschen Wasserburg begeben. In der Rolle einer Magd, eines Forschers, eines Gauklers oder einer Kräuterkundigen erleben sie "einen Tag im Jahr 1450".

Offizielles Dekade-Projekt

2006 wurde das NaturGut Ophoven als offizielles Dekade-Projekt der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgezeichnet. Und gerade hat es wieder einen entscheidenden Schritt in seiner Erfolgsgeschichte getan: Erstmals sollen europaweit Grundlagen für eine stärkere Vernetzung von schulischem und außerschulischem Lernen erarbeitet werden. An diesem zweijährigen EU-Projekt "Inspire" sind außerdem das Institut für Bildung der Staatlichen Höheren Berufsschule in der Partnerstadt Ratibor (Polen), der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und der Universität Dünaburg in Lettland beteiligt. Nicht jede Stadt verfügt allerdings so einzigartigen Lernort wie Leverkusen mit dem NaturGut Ophoven. Doch das ist auch nicht entscheidend, erklärt NaturGuts-Leiter Dr. Hans-Martin Kochanek. "Fast jede Stadt hat einen Zoo, ein Heimatmuseum, ein Naturkundemuseum – all das sind außerschulische Lernorte, die es zu nutzen gilt."

Das bestätigt auch Ursula Heinrich vom Vorstand des NaturGuts, die sich heute noch an die außerschulischen Lernorte ihrer eigener Schulzeit gut erinnert. "Das waren zum Beispiel Ausstellungs- und Konzertbesuche. In außerschulischen Lernorten wie dem NaturGut Ophoven aber ist entscheidend, dass die Kinder eigene Entdeckungen machen. Und die Kinder werden von den Referenten nicht sofort eingestuft, so wie von dem Lehrer, der die Schüler kennt. Ich hatte zum Beispiel einen Schüler in der Klasse, der sehr leistungsschwach war", berichtet die pensionierte Lehrerin, "und auf die Referentin hat dieser Schüler den Eindruck gemacht, als wäre er einer der Klassenbesten. Er hat sich hier so richtig entfalten können. Kinder, mit denen ich auf dem NaturGut war, erzählen mir noch nach 20 Jahren, was sie hier erlebt und gelernt haben." Mehr muss über den Stellenwert außerschulischer Lernorte eigentlich nicht gesagt werden.


Weiterführende Links

  • NaturGut Ophoven

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