Unterrichtsgestaltung

Lernen wie an der Playstation

In seinem neuen Buch fragt Deutschlands bekanntester Lehrer Bob Blume: Warum noch lernen? didacta spricht mit ihm über Schulen als Lernorte, über Deskilling durch KI und über seine Abneigung gegenüber dem Begriff Bildungsinfluencer. Interview: Roman Eisner

04.03.2025 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • Gruppe Kinder vor einem Laptop © www.pexels.com

didacta: 2022 haben Sie über 10 Dinge geschrieben, die Sie an Schulen hassen. Jetzt schreiben Sie, an deutschen Schulen werde nicht gelernt. Wie kommen Sie darauf?

Bob Blume: Meine Behauptung ist nicht nurals Provokation gemeint. Unser Schulsystem setzt die falschen Prioritäten. Unterricht läuft immer noch oft so ab: Vorne steht eine Person, die alles weiß, sie ist der Wissensvermittler. Und vor ihr sitzen in Reih und Glied die jungen Leute, denen in einer bestimmten Zeit dieses Wissen vermittelt wird. Danach wird überprüft, ob sie das Wissen erfolgreich aufgenommen
haben. Das hat in eine Zeit gepasst, in der die Lehrkräfte diejenigen waren, die auch das meiste Wissen hatten. Es passt aber nicht mehr in unsere Zeit. Wir sind überschwemmt mit Wissen. Die Frage ist nicht mehr, wer das Wissen hat. Sondern die Schwierigkeit ist, Entscheidungen zu fällen, wie man mit der allumfassenden Informationsflut umgeht und sie zu eigenem Wissen macht.

Und das klappt bisher nicht?

Nein, zumindest dann nicht, wenn die Lehrkraft nur die Inhalte erklärt und das eigentliche Lernen zu Hause stattfindet. Dann sitzen dort die Eltern mit ihrem Kind am Tisch und müssen ihm die Frage beantworten, warum es diese und jene Aufgabe eigentlich erledigen soll – vor allem wenn es die Aufgabe auch in ChatGPT eingeben könnte. Die Schülerinnen und Schüler hacken das System mit den verfügbaren Mitteln. Ich gebe ihnen keine Schuld dafür. Aber deshalb sollte nicht die Frage nach den Lerninhalten im Mittelpunkt stehen, sondern nach den Prozessen, wie Schülerinnen und Schüler sich Wissen aneignen und wie sie Lernen als sinnstiftend erleben.

Bob Blume ist Lehrer für Deutsch, Englisch und Geschichte an einem Gymnasium in Baden-Württemberg. Als „Netzlehrer“ erreicht er in den sozialen Medien mit Bildungsthemen über 170.000 Menschen. Er betreibt einen eigenen Blog sowie den Podcast „Die Schule brennt“.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einem Canyon, der zwischen der Lebensrealität junger Menschen und den Schulen liegt. Was meinen Sie damit?

Lernen außerhalb der Schule funktioniert jetzt schon unabhängig von Ort, Zeit und Raum und es gelingt vor allem mit Motivation und sozialer Eingebundenheit – das garantieren zum Beispiel Videospiele. Die Kinder und Jugendlichen, die eine Playstation haben, wissen, wie sie erfolgreich lernen. In diesen Videospielen müssen sich die Kinder anstrengen, um besser zu werden, und sie holen sich durch YouTube-Tutorials Tipps, wie ihnen das gelingt. Natürlich ist es nicht das gleiche, FIFA 25 zu spielen und im Deutschunterricht Fake News zu entlarven. Aber ich will mit diesem Vergleich verdeutlichen: Wie Kinder heute lernen, hat sich längst abgekoppelt von jenem Lernkonzept, auf das unsere Schulen leider immer noch zu häufig setzen.

Und warum ist das so?

Weil Schule ein verwaltetes System ist und kein Innovationslabor. Unser Schulsystem hat sich lange Zeit bewährt und es wird so weitergeführt im Glauben, sich auch weiterhin zu bewähren. Aber das ist der falsche Ansatz. In der Wirtschaft schaut jedes Unternehmen auf die anderen und fragt sich, welche erfolgreichen Konzepte sie übernehmen könnten. Im Schulsystem passiert das selten, obwohl viele Schulen fortschrittliche Ideen umsetzen. Schulen müssen stärker voneinander lernen. Die Universitätsschule Dresden zeigt zum Beispiel, dass man mit Lernpfaden das Lernen individualisieren kann. Das aula-Projekt von Marina Weisband verdeutlicht, dass Kinder Demokratie nicht erlernen können, wenn sie öfter die Nationalhymne singen oder einer Verfassungsviertelstunde zuhören. Sondern es geht um echte Teilhabe an schulischen Entscheidungen. All diese Ideen folgen keinem esoterischen Bauchgefühl, sondern sind in ihrer Wirksamkeit empirisch belegt.

Was sollten Lehrkräfte anders machen, um näher an die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler heranzurücken und ihnen Lernen zu ermöglichen?

Das lässt sich gut am Beispiel von Künstlicher Intelligenz zeigen. KI-Technologie kann genutzt werden, um vertieft zu lernen – aber auch, um gar nicht mehr lernen zu müssen. Deshalb wollen viele Menschen Kinder vor KI schützen, damit sie weiterhin ihren eigenen Verstand nutzen. Wie soll das funktionieren? Mit Verboten und Kontrolle? Ab dem Zeitpunkt, wenn Kinder und Jugendliche nachmittags aus der Schule gehen, nutzen sie KI sowieso. Ich kann einer Klasse 90 Minuten lang erklären, wie die Interpretation eines Gedichts zu schreiben ist, und sie als Hausaufgabe eine solche schreiben lassen. Dann gehen 30 Schülerinnen und Schüler nach Hause, 50 Prozent lassen es mit ChatGPT machen oder die Eltern helfen, insofern sie können. 50 Prozent haben diese Möglichkeiten nicht. Auf dieser Grundlage kann ich als Lehrkraft nicht fair bewerten. Es geht darum, die Technik sinnvoll in den Lernprozess einzubeziehen.

Wie sieht das konkret aus?

In einem ersten Schritt müssen Lehrkräfte ihre Schüler/-innen dafür sensibilisieren, dass sie sich selbst betrügen, wenn sie nur KI verwenden. Irgendwann werden sie die Rechnung dafür bekommen. Du kannst alles zusammenfassen lassen von KI. Wenn du es nicht verstanden hast, wird dich irgendwann jemand überführen, sei es durch Rückfragen des Lehrers, in einer mündlichen Prüfung, beim Aufnahmegespräch in der Uni oder beim Bewerbungsgespräch für einen Job. Wenn die Botschaft nicht ankommt, droht Skillskipping oder Deskilling – also die Gefahr, dass Jugendliche durch den ständigen einsatz von KI gewissen Lernprozesse „überspringen“ oder bereits antrainierte Kompetenzen wieder „verlieren“.

Wie können Lehrkräfte KI einsetzen, ohne Deskilling zu riskieren?

Es gibt zum Beispiel das KI-Feedbacktool Fiete.ai. Konstruktives Feedback hat bekanntlich einen extrem hohen Wirksamkeitsgrad beim Lernen. Ich kann als Lehrkraft mit der Klasse durchsprechen, welche Aspekte für eine gute Interpretation wichtig sind, und mit ihnen vielleicht eine Musterinterpretation lesen. Dann teile ich Fiete.ai über Prompts mit, auf welche Aspekte der Interpretation das Tool besonders achten soll. Die Schüler/-innen schreiben ihre Texte in das Tool, erhalten auf der Grundlage meiner Prompts Feedback und verbessern ihre Texte nochmal, erhalten wieder automatisiertes, adaptives Feedback und schreiben weiter an ihrem Text. Die Lehrkraft initiiert und begleitet dieses Lernen. Und sie muss natürlich auch Bock haben, mit jungen Menschen zu arbeiten. Die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schülern ist laut Bildungsforscher John Hattie ein weiterer ausschlaggebender Punkt für erfolgreiches Lernen.

Im Titel Ihres Buches sprechen Sie von Krisen, die das Schulsystem beeinflussen. Was meinen Sie damit genau?

Vor allem die Krise der schulischen Bildung. Überspitzt könnte man sagen: Alles, was junge Menschen heute über die Welt lernen, wissen sie über Social Media und nicht aus der Schule. Der Einfluss von Tiktok hat dazu geführt, dass 38 Prozent der jungen Menschen bei der Thüringer Landtagswahl eine gesichert rechtsextreme Partei gewählt haben. Schulen müssen deshalb fächerübergreifend Medienkompetenz vermitteln.

Sie sind mittlerweile das Gesicht der Lehrkräfte in der Öffentlichkeit, werden in Fernsehtalkshows und Nachrichtensendungen zu Bildungsthemen befragt. Würden Sie sich von Ihren Kolleginnen und Kollegen mehr solches Engagement wünschen?

Nein und ich würde das auch keinem empfehlen. Ich kenne viele Lehrkräfte, die sich öffentlich kritisch geäußert haben und dann bei der Schulleitung oder im Regierungspräsidium antanzen mussten. Dass mir das noch nicht passiert ist, ist die Ausnahme. Meine öffentliche Tätigkeit resultiert nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus, sondern ist über lange Zeit gewachsen. Ich habe rund 170.000 Follower auf Social Media. Das kann man Bildungsinfluencer nennen, was sich aber bloß auf diese Reichweite bezieht. Wichtiger ist meine Arbeit als Buchautor, vernetzter Praktiker und Lehrer. Wenn ich von den etwa 800.000 Lehrkräften in Deutschland einige erreiche und ihnen neue Impulse geben kann, dann freut mich das. Die Wirkung nachzuweisen, ist schwer. Aber die Reaktionen, die ich bekomme, zeigen, dass sich viele auf den Weg machen, Schule neu zu denken.

gibt.


Dieses Interview ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 1/2025, S. 62-35 erschienen: https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_1_2025/#0



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