Sachsen-Anhalt

Lippmann: Vogel-Strauß-Taktik hilft den Kindern und der Gesellschaft nicht.

"Kultusministerin Wolff hat im Interview der Magdeburger Volksstimme vom 16. 02. 2011 viel Zutreffendes über die Probleme und die Zustände im Schulsystem des Landes gesagt. Nicht alles muss man teilen, über vieles lohnt aber das Nachdenken und manche Überlegungen und Entwicklungen sind ohne weiteres zu unterstützen", führte der GEW-Landesvorsitzende, Thomas Lippmann heute aus. Nur in einer Frage könne auch Frau Wolff offensichtlich nicht über den Schatten konservativer Wahlkampfrhetorik springen, setzte er fort. Wörtlich sagte er "Wenn es um den Nachweis der Auswirkungen von Schulstrukturen auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler und die soziale Spaltung geht, wird einfach der Kopf in den Sand gesteckt."

16.02.2011 Pressemeldung GEW Sachsen-Anhalt

Lippmann benannte dazu Grundweisheiten der internationalen Schulvergleichsstudien der letzten zehn Jahre: In allen Studien, die den Zusammenhang zwischen den Leistungen von Schülerinnen und Schülern und ihrer sozialen Herkunft untersucht haben, hat sich gezeigt, dass die negative Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft umso größer ist, umso früher die Schüler auf Bildungsgänge mit unterschiedlichem Anspruchsniveau aufgeteilt werden. In Deutschland ist dieser erschreckende Befund so stark wie in kaum einem anderen untersuchten Land der OECD.

Richtig sei zwar, dass heute mehr Schüler eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben (etwa 25% eines Altersjahrganges) als es Elternhäuser mit akademischen Abschlüssen gibt (etwa 15%). Richtig ist aber auch, dass Kinder aus akademischen Elternhäusern fast ausschließlich die Gymnasien besuchen (ca. 85%), sich aber in Förderschulen und Hauptschulklassen, in die immerhin mehr als ein Viertel aller Schüler geschickt wird, so gut wie nicht finden lassen.

Außerdem ist festzuhalten, dass zwar derzeit etwa 45% der Schüler nach der 4. Klasse mit einer Schullaufbahnempfehlung der Grundschule oder nach bestandener Aufnahmeprüfung auf die Gymnasien wechseln, dass aber fast die Hälfte davon (ca. 45%) das Ziel dieser Schule, das Abitur, nicht erreicht. Von dieser Entwicklung, die von vielen negativen Erlebnissen des Versagens begleitet ist, sind wiederum die Kinder aus akademischen Elternhäusern viel weniger betroffen als Kinder aus anderen Familien. Etwa die Hälfte aller Schullaufbahnentscheidungen, die in der 4. Klasse getroffen werden, sei "falsch" – auch das haben bisher alle Studien gezeigt und die Ergebnisse in Sachsen-Anhalt belegen dies.

"Es gibt also viele Gründe, die nachweisbaren Wirkungen des bestehenden gegliederten Schulsystems zu hinterfragen und nach optimaleren Lösungen zu suchen. Dabei ist es weder zutreffend, dass es keine messbaren Ergebnisse gäbe noch dass uns die Resultate, die in den letzten Jahren erreicht wurden, zufrieden stellen könnten", sagte Lippmann.

Es müsse endlich ehrlich gefragt werden, welchen Preis wir alle für den Erhalt der gegenwärtigen Schulstrukturen bezahlen müssen und welchen Gegenwert, welchen Gewinn wir dadurch eigentlich erzielen. "Es muss gefragt werden, was wir unseren Kindern mit der frühen Aufteilung eigentlich zumuten - mit dem Zerreißen von Klassen und Schülerfreundschaften, mit den tausendfachen Erfahrungen von Versagen und minderer Wertschätzung bis hin zu der Vergeudung von Lebenszeit bei den stundenlangen Schulbusfahrten" fügte Lippmann auch emotionsgeladen hinzu. An die Adresse der CDU-Kultusministerin direkt sagte er. "Für eine versierte Wirtschaftsprofessorin wie Frau Wolff sei dies sicher eine gute, eine herausfordernde Fragestellung – jenseits aller Wahlkämpfe."

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GEW Sachsen-Anhalt

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